Wahlkampfauftritt von Seehofer und Söder "Freunde werden die beiden nicht mehr"

Horst Seehofer und Markus Söder haben in einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt ihre Einigkeit beschworen. Doch für eine echte Kooperation ist es längst zu spät.
Horst Seehofer und Markus Söder

Horst Seehofer und Markus Söder

Foto: Armin Weigel/ dpa

Die wichtigste Nachricht des Abends ist: Sie haben tatsächlich miteinander gesprochen. Horst Seehofer und Markus Söder, mehrere Minuten lang allein von Angesicht zu Angesicht. Ort des Geschehens: Ein abgetrennter Saal der Kantine des Ingolstädter Stadttheaters. Ein Meinungsaustausch soll es gewesen sein, vor dem gemeinsamen Einzug in den Saal des Theaters.

Drinnen begrüßt Generalsekretär Markus Blume "die beiden Spitzenkräfte in der Partei". Jene Männer also, die die aktuelle CSU-Misere maßgeblich zu verantworten haben, zu welchen Anteilen, darüber streiten sie derzeit relativ öffentlich. Ausnahmsweise jedoch nicht an diesem Montagabend in Ingolstadt.

In den vergangenen Tagen hatte der Dauerzwist wieder einmal einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. "Landtagswahlen sind immer zuerst Landtagswahlen", sagte Seehofer am Rand der Gedenkfeier zum 30. Todestag von Franz Josef Strauß in Rott am Inn. Söder hingegen machte in mehreren Interviews die Berliner Politik für die schlechte Performance seiner Partei verantwortlich.

Bei nur noch 33 Prozent sehen Umfragen die Partei. Die einst stolzen Christsozialen mussten sich sogar einen Ratschlag aus der Schwesterpartei CDU gefallen lassen. Franz Josef Strauß hätte nicht vor einer Wahl darüber geredet, "wer schuld ist an der Niederlage", übermittelte die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Der alleinige Zweck des gemeinsamen Auftritts von Seehofer und Söder in Ingolstadt: Einigkeit demonstrieren, so gut es eben geht, mögen das Stimmvolk und die eigenen Wahlhelfer der Selbstsuggestion folgen.

"Das Flüchtlingsthema überstrahlt alles"

Die Stimmung an der CSU-Basis ist mies. Einige Stimmen aus dem Theaterfoyer, gesammelt bei Parteimitgliedern und Stammwählern: "Freunde werden die beiden nicht mehr." Oder: "Die Umfragen von 35 Prozent geben schon die Realität wieder." Zu den eigenen Führungskräften: "Manche Dinge hätte man einfach bleiben lassen sollen." Zum Beispiel? "Das Flüchtlingsthema überstrahlt alles, das ist ein Fehler." Oder: "Die Berliner Namen, die nennen uns die Leute am Wahlstand immer wieder."

Söder, der Landespolitiker, redet zuerst, eine Stunde lang, es ist seine Standard-Wahlkampfrede, die mit jedem Tag ein bisschen demütiger wird. Klar, die bayerische Erfolgsbilanz, wirtschaftlich erfolgreich, zum Leben so sicher wie kein anderes Bundesland. "Das ist das Ergebnis einer langfristigen Politik", sagt Söder. Wenn Berlin behaupte, man sei arm und sexy, dann gelte für den Freistaat: "Wir sind wohlhabend und anmutig."

Der Ministerpräsident hat die Passagen seiner Rede ausgearbeitet, die die Position der CSU im Spektrum der Parteien beschreiben. Kernsatz: "Es gibt Ideologen, es gibt Populisten, und es gibt uns." Die Ideologen, das sind demnach die Grünen. Die Populisten, das ist die AfD. Und dazwischen ist irgendwo die CSU.

Die Ausführungen zeigen, an wie vielen Flanken die Volkspartei derzeit kämpft, welche Fliehkräfte auf sie wirken. Söder plädiert an die Zuhörer, die Wahl nicht zum Denkzettel zu machen, sondern zum "Merkzettel". Die Leute sollten sich selbst fragen: "Was ist das Beste für Sie?" Nach Söders Argumentation jedenfalls kein Landesparlament mit bis zu sieben Fraktionen.

Söder spricht Seehofer mehrfach von der Bühne an, man sei nicht "immer tausendprozentig einer Meinung" gewesen, aber man kümmere sich gemeinsam, vor allem um die kleinen Leute. Söder erzählt etwa von der Krankenschwester, die seinem Vater die Hand gehalten habe, als dieser auf der Palliativstation dem Tod entgegengegangen sei. Zur Flüchtlingspolitik sagt er: "Bayern der Humanität. Und Bayern der Ordnung. Das ist ein guter Kompass."

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Seehofer spricht als Zweiter, seine Rede fällt kürzer aus, schon um die Etikette zu wahren, wie er selbst sagt. Er dankt dem "lieben Markus" für dessen "fulminante Rede", nachdem er ihm auf der Bühne ausführlich die Hand geschüttelt hat. "Ich bin heute in meiner Heimatstadt nur Beiprogramm", so gibt sich auch Seehofer demütig. Er dankt Söder sogar ernsthaft für "die Zusammenarbeit zwischen Berlin und München".

"Bayern ist ein weltoffener Staat", sagt Seehofer. Jedoch: "Wir brauchen eine Begrenzung, damit die Zuwanderung weiter funktioniert." Leben und leben lassen, das sei der Kern des Bayerischen. Zur Kanzlerin habe er ein gutes Verhältnis, wie auch zu Söder. Die Wähler bräuchten sich keine Sorgen zu machen: "Wir wissen um die Verantwortung für Sie und für unser Land."

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Zum Schluss geht Seehofer auf einen vorigen Gag Söders ein. Der hatte in seiner Rede über sein viel verspottetes Raumfahrtprogramm "Bavaria One" gewitzelt: "Es geht uns nicht darum, jemanden auf den Mond zu schießen, wobei ich einige wüsste." Seehofer antwortet: "Ich kann versichern, ich war nicht gemeint."

Ewige Primaries

Bei aller schalen Inszenierung, bei allen hohlen Phrasen: Der Abend lässt zumindest erahnen, was für die CSU möglich wäre, zögen ihre beide Spitzenmänner wirklich an einem Strang, mit verteilten und bedacht verfolgten Rollen in München und Berlin: hier der tatendurstige Macher, dort der erfahrene Wahrer christsozialer Werte wie Ordnung und Humanität.

Doch diese Option hat sich das Führungsduo selbst aus der Hand geschlagen, ein Wahldesaster scheint kaum noch vermeidbar. Seehofer und Söder verhielten sich wie zwei US-Präsidentschaftskandidaten, die ewig in den Vorwahlen verharrten und über den Primaries die Hauptwahl vergaßen. Die in geübten Mustern der Rivalität um Macht in der Partei rangen, aber dabei das Maß und die Mitte verloren.

Einmal noch müssen die beiden bisherigen Spitzenkräfte eine ähnliche Inszenierung durchstehen: Zum Wahlkampfabschluss am Freitagabend ist eine gemeinsame Veranstaltung mit dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz im Münchner Löwenbräukeller geplant.

Am Sonntag folgt die Wahl, dann kämpft jeder der beiden nur noch für sich alleine - und zwar nach Maßgabe der bisherigen Umfragen jeweils ums politische Überleben.

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