Landtagswahl in Bayern Aus is'

Jahrzehntelang machten die Bayern in der Wahlkabine den Hofknicks vor der CSU. Das hat sich am Sonntag geändert, und das ist gut so. Betrachtungen einer Bayerin, die ihre Kindheit unter Stoiber verbracht hat.

Wähler in München
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Wähler in München

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Vor zwei Wochen blies mir in meinem bayerischen Heimatdorf, Ottobeuren, eine ehemalige Schulkameradin mit der Trillerpfeife ins Ohr. Auf dem Marktplatz demonstrierten Tausende Menschen, die einen schrieen: "Ottobeuren bleibt bunt", die anderen: "Merkel muss weg." Da ahnte ich: Diese Landtagswahl wird anders ablaufen als früher. Mein Allgäu hatte sich verändert.

Vor fünf Jahren noch wählten 47 Prozent der Wählerinnen und Wähler die CSU, jetzt erlebt die Partei mit 37,2 Prozent ein Debakel. Sie hat zum zweiten Mal innerhalb von zehn Jahren die absolute Mehrheit verloren. Und das ist gut. Denn der CSU ist das Gefühl dafür verloren gegangen, was die Bayern bewegt. Die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin.

Früher war das anders.

Mein Vater stammt aus der CSU-Hochburg Niederbayern, meine Mutter aus der anderen CSU-Hochburg, dem Allgäu. Zwischen diesen Grenzen im Osten und Westen spannte sich das Reich, in dem sich meine Kindheit abgespielt hat und dessen Regent unangefochten Edmund Stoiber war: Ich bin in einem Allgäuer Dorf aufgewachsen. Auf allen meinen Kindergartenfotos trage ich ein Dirndl, ich bin getauft, gefirmt und spreche zwei Dialekte. Kurz: Ich habe sie oft gehört, die Geschichten von der erfolgreichen CSU.

Dass CSU-Politiker in den Regierungsbezirken und Gemeinderäten säßen, die zupackten, die die Bedürfnisse der Menschen lesen würden und deren Herzen weit seien. Dass die Bayern unter der CSU zu Wohlstand gekommen seien, dass es vielen Menschen gut gehe. Dass sie das Gefühl hätten, die CSU habe den Laden im Griff, die Finanzen, die Verwaltung. Und dass Politik in Bayern mehr sei als Starkbieranstich und weißblaue Stoffservietten an Parteitagen.

Ottobeuren in Bayern
Josef Diebolder

Ottobeuren in Bayern

Dann kam der vergangene Sommer, in dem sich die CSU bei vielen Menschen in meiner Heimat das Vertrauen verspielte: Markus Söder nahm die Mär vom "Asyltourismus" in seine Reden auf und dachte sich einen Kreuzerlass aus. Dann rüttelte der CSU-Bundesinnenminister Horst Seehofer wie verrückt an den Grundfesten der Union und der Regierung und machte einen Witz über 69 Afghanen an seinem 69. Geburtstag, über den außer ihm selbst niemand lachen konnte. Und dann gingen auch mir die Argumente aus, wie man auf diese Frage antworten sollte: Warum wählen in Bayern so viele die CSU?

Ein halbes Jahrhundert lang hat es sich die CSU bequem gemacht auf ihrem Thron, ruhte sich aus auf einem erfolgreichen Bundesland, sie brauchte nicht einmal einen tiefen Burggraben, so harmlos waren die Angriffe der Opposition. Markus Söder streute höchstens süße Pillen unters Volk, Bayern gehe es immer noch ein bisserl besser als dem Rest der Welt.

Nach der Landtagswahl kann man sehen: In Bayern haben 37,2 Prozent die CSU gewählt. So viele sind das nicht, das sind sogar sehr wenige. "Aus is'", sagt man in Bayern und meint zweierlei: Dass es mit der Supermacht der CSU vorbei ist. Aber auch, dass man um Gottes Willen gar nicht weiß, wie's denn jetzt weitergehen soll. Ich sage: Liebe Bayern, freut euch drauf.

Die sich selbst eingeredete Großartigkeit hat die CSU fett werden lassen, träge und blind. Es läuft nicht alles gut in Bayern. Das WLAN nicht, die Wohnungssuche nicht, die CO2-Begrenzung in den Städten nicht. Die Verkehrsanbindung auf dem Land nicht. Der Dialog mit den Bürgern über Integration nicht.

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Die CSU ist überheblich geworden. Die wenigsten Menschen können mit der krachledernen Art der CSU oder mit dem Aschermittwochsgeblöke alter Männer noch etwas anfangen. Die nicht, die wie ich in Bayern geboren sind. Und erst recht nicht die aus dem Rest von Deutschland, Europa, der Welt, die heute im Freistaat leben und wählen.

Die Bayerinnen und Bayern haben für eine neue Politik gestimmt. Raus mit dem Thron aus der Staatskanzlei, rein mit den Gruppentischen! Das ist Demokratie. Die CSU wird sich daran gewöhnen.



insgesamt 120 Beiträge
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Hank Hill 15.10.2018
1. Nix is aus
Tatsache ist, die große Mehrheit der Bayern hat für konservative Parteien gestimmt. Ob die CSU die absolute Mehrheit hat, oder jetzt mit ihrem Ableger eine Koalition eingeht, es bleibt Alles wie es war. Wie bunt es jetzt in Bayern wird entscheiden also weiterhin die Konservativen.
steveleader 15.10.2018
2. Schöner Kommentar!
Bayern wird mit dieser Wahl besser.
Wagnerf 15.10.2018
3. Neue Politik?! Nö.
"Die Bayerinnen und Bayern haben für eine neue Politik gestimmt". Nein, haben sie nicht! Es sind immer noch 1/3 links und 2/3 bürgerlich. Und mit den FW kommt die CSU auf 48%. Ob sich die Autorin mal das Wahlprogramm der FW angesehen hat? Große Abweichungen zur CSU kann ich darin nicht feststellen. In Bayern wird alles beim Alten bleiben. Nur intern wird wohl der Horst zum Teufel gejagt werden, weil einige ihr Mandat im Landtag verlieren werden. Aber das wird sich in 5 Jahren wieder korrigieren.
isi-dor 15.10.2018
4. Dem kann man nur zustimmen
Es ist an der Zeit, dass sich Politik in Bayern vom Absolutismus entfernt und mehr auf die Bürger hört. Auch in Bayern will man mehrheitlich eine saubere Umwelt, bezahlbaren Wohnraum, keine PKW-Maut, keine Herdprämie, Gäste aus aller Welt, den Euro, Frieden, Freiheit, giftfreie Landwirtschaft, mehr Klimaschutz... und das hat die Politik endlich umzusetzen.
JeanGerard 15.10.2018
5. Genau - überhaupt nichts ist aus
Für die CSU ist es ein bitteres Ergebnis, nicht aber für Bayern insgesamt. Konservativ hat nach wie vor eine deutliche Mehrheit und zwischen SPD und Grünen gab es lediglich eine Umschichtung. Da Letztere höchstwahrscheinlich sowieso in der Opposition landen werden, ist das das völlig belanglos. Geradezu ein Glücksfall für die CSU sind die Freien Wähler. Man kann mit ihnen bedenkenlos koalieren und deren Ergebnis reicht sogar für eine Koalitionsmehrheit mit der CSU. Mit FDP und AfD in der Opposition wird es auch aus dieser Richtung Unterstützung geben. Anscheinend haben viele noch nicht realisiert, dass der Zuwachs der Grünen praktisch überhaupt nichts bringt - und folglich wird sich in Bayern auch nicht viel ändern.
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