Blitzanalyse zur Bayern-Wahl Ohnevolkparteien

Desaster für die CSU, Rekord für die Grünen: Die Niederlage der Christsozialen hat historische Ausmaße, der einst so stolzen Volkspartei geht das Volk von der Fahne - wie der SPD zuvor. Was bedeutet das für CSU-Chef Seehofer?

Markus Söder, Horst Seehofer
LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Markus Söder, Horst Seehofer

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Nun ist es passiert. Wieder passiert. Zum zweiten Mal in zehn Jahren verliert die CSU die absolute Mehrheit in Bayern. Nur ist es diesmal noch schlimmer als zuvor.

Denn die massiven Verluste bei der Landtagswahl im Jahr 2008 konnten die Christsozialen im Nachhinein noch als Ausrutscher verbuchen, weil sie fünf Jahre später die Absolute zurückeroberten. Doch an diesem Wahlsonntag zeigt sich: Diese Rückeroberung der Alleinherrschaft war ein Ausrutscher. Aus der bayerischen Staatspartei wird eine regionale Normalpartei.

Das hat Gründe. Und Folgen, nicht nur für Bayern.

Erstens: Die Anti-AfD-Strategie der CSU ist gescheitert und für dieses Scheitern wird zuvörderst Horst Seehofer bezahlen müssen. Der CSU-Chef hat darauf gesetzt, die AfD in der Flüchtlingsfrage so weit nach rechts zu treiben, dass sie für vermeintlich bürgerliche Wähler unwählbar würde. Markus Söder hat ihn dabei gestützt, mitunter sogar getrieben. Die Strategie ist nicht aufgegangen. Indem sie die Migrationsfrage zum Megathema machte, tat die CSU der AfD den größtmöglichen Gefallen. Sie bescherte den Rechtspopulisten ein unerwartetes Heimspiel - die aber wahrscheinlich dennoch unter ihrem Bundestagswahlergebnis in Bayern bleiben.

Söders spätes Umsteuern, seine Rückkehr zu landesväterlichen Stereotypen, sein Verweis auf die unbestrittenen Erfolge bayerischer Landespolitik - all das konnte nicht mehr überzeugen. Am Ende rutscht die CSU das erste Mal seit 1954 wieder unter die 40-Prozent-Marke, braucht jetzt einen Koalitionspartner. Und vielleicht auch einen neuen Vorsitzenden. Ex-CSU-Chef Erwin Huber macht kurz nach 18 Uhr den Anfang, eröffnet das Feuer auf seinen Nachfolger Seehofer: "Es wird eine Modernisierung an Haupt und Gliedern notwendig sein."

Zweitens: Die CSU wird künftig eine hochnervöse Partei sein. Sie wird nicht mehr die gewohnte Selbstsicherheit aus ihrer bayerischen (Sonder)rolle ziehen können. Das jahrzehntelang gepflegte Selbstverständnis dieser Partei ist getroffen. Denn wer kann schon mit rund 35 Prozent Wähleranteil in Zukunft noch behaupten, er verkörpere den Freistaat und seine Menschen. Kanzlerin Angela Merkel und die CDU werden noch weniger Freude an ihrer bayerischen Schwester haben als zuvor. Viele in der Partei machen eben nicht nur Seehofer, sondern insbesondere auch Angela Merkel für die Niederlage verantwortlich.

Drittens: Grüne und Rechtspopulisten sind die Sieger dieser Bayern-Wahl. Beide konnten offenbar von der Preisgabe der Mitte durch die CSU profitieren: Weil die Schwarzen nach rechts rückten, vermachten sie den Grünen ihr liberales Wählerpotenzial, quasi die bayerischen Merkel-Wähler. Gegen die AfD aber konnte die nach rechts gerückte CSU nicht punkten. Hinzu kommt die ganz eigene Stärke der Grünen und der AfD, die jeweils den Nerv ihrer Wähler traf: Die Grünen mit maximalem Optimismus und Sonnenscheinpolitik, die AfD mit Pessimismus und politischer Wuthöhle.

Viertens: Wir erleben jetzt das Endspiel der Volksparteien um die Macht. Die CSU galt über Jahrzehnte als erfolgreichste Volkspartei Europas. Mehr noch: Sie galt vielen als Beleg in Zeiten abschmelzender Milieus, dass Volksparteien auch im 21. Jahrhundert noch überzeugende Antworten auf komplexe Fragen und für ausdifferenzierte Wählerklientel liefern können. Dies stellt dieser Wahlsonntag nun in Frage. Das Schicksal der SPD in Bayern ist bitter, spiegelt aber auch nur den bereits weit fortgeschrittenen, bundesweiten Abstieg dieser einst großen Volkspartei wider. Die CSU wird in den nächsten Jahren ihren Volksparteicharakter unter Beweis stellen müssen. Oder sie wird auf Dauer den Weg der SPD gehen: Von der Volkspartei zur "sozial engeren Interessenpartei", wie das der Parteienforscher Franz Walter formuliert hat.

Fünftens: CSU und Grüne haben die Chance auf ein neubürgerliches Projekt, aber wahrscheinlich trauen sie sich nicht. Reicht es für ein Bündnis aus CSU und Freien Wählern, ist das die erste Option der Christsozialen. O-Ton Söder: "Meine Priorität ist ein stabiles, bürgerliches Bündnis." Die FW gelten den Christsozialen als harmlose Kommunalpartei, als CSU im Kleinformat. Bräuchte es die FDP für die Mehrheit eines solchen altbürgerlichen Bündnisses, dann wird es schon schwieriger. Ein schwarz-grünes Bündnis dagegen wäre zwar der CSU-Basis schwerer zu vermitteln, hätte aber auf Regierungsebene seinen ganz eigenen Reiz: Die CSU könnte sich über ein solche Koalition - falls sie funktioniert - modernisieren und bundesweit Aufsehen erregen.

insgesamt 77 Beiträge
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mwroer 14.10.2018
1.
Noch kürzer: Links- und Rechtspopulisten gewinnen - verm. beide zweistellig Berliner Regierungsparteien verlieren - verm. beide zweistellig oder: Bürger hat Schnauze voll.
traurigeWahrheit 14.10.2018
2. Die wichtigste Analyse wurde vergessen
Linke Parteien können in Bayern immer noch ca. 30% vereinen, bürgerlich-konservative Parteien immer noch ca. 55%. Deshalb ist diese Wahl eigentlich so wie immer in Bayern. Das Problem für die Volksparteien ist nur, das sie nicht mehr alle Strömungen erreichen. Die CSU erreicht die konservativen Wähler kaum noch, die SPD erreicht die Arbeiterschaft nicht mehr. Die Individualisierung schreitet voran, auch in der Wahlkabine.
ein-berliner 14.10.2018
3. SPD ade
Was für verlogene Aussagen bezüglich Volksparteien. Die SPD ist jetzt einstellig und somit nicht mehr als Volkspartei in Bayern zu bezeichnen. Erstaunlich ist jedoch das Ergebnis der AfD, aus dem Stand deutlich im Landtag. Was also läuft in Bayern? Die wichtigste Frage ist doch, was haben die Grünen bisher richtig gemacht um ein derartiges Ergebnis zu rechtfertigen. Bisher ist darüber nichts zu lesen.
ein-berliner 14.10.2018
4. SPD ade
Was für verlogene Aussagen bezüglich Volksparteien. Die SPD ist jetzt einstellig und somit nicht mehr als Volkspartei in Bayern zu bezeichnen. Erstaunlich ist jedoch das Ergebnis der AfD, aus dem Stand deutlich im Landtag. Was also läuft in Bayern? Die wichtigste Frage ist doch, was haben die Grünen bisher richtig gemacht um ein derartiges Ergebnis zu rechtfertigen. Bisher ist darüber nichts zu lesen.
demiurg666 14.10.2018
5. 1. Reaktion aus Bayern...
Wir haben alles richtig gemacht, es ist Berlin dass der CSU, laut Frau Aigner, das Wahlergebnis kaputt gemacht hat. Nach so einer Reaktion muss man sagen dass selbst die 35,5% für die CSU zu hoch sind. Die Kreuzfahrt Söders, der absichtlich herbei geführte Streit zwischen CSU und CDU, der die Stabilität Deutschlands gefährdet hat, die Totalversager Dobrind und Scheuer, das verschärfte Polizei-Gesetz, das Verlängern des Einsatzes von Glyphosat,die Anbiederung an den Möchtegern-Diktator Orban etc...Aber Frau Aigner denkt die CSU hätte alles richtig gemacht.... Noch Fragen?
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