Datenanalyse zur Bayernwahl CSU verliert nach rechts und links

Aderlass bei den traditionellen Volksparteien: CSU und SPD verlieren in Bayern Hunderttausende Wähler. Die Grünen jagen viele davon ab - und punkten auch bei Nichtwählern. Die Analyse.
Stimmzählung in München

Stimmzählung in München

Foto: LENNART PREISS/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Nach der Bayernwahl gibt es bei der CSU einiges zu analysieren. Die Partei verliert ihre absolute Mehrheit im Landtag. Hochrechnungen zufolge kommt sie auf 37,4 Prozent. Das sind zehn Prozentpunkte weniger als 2013; das schlechteste Wahlergebnis der Christsozialen seit 1950.

"Wir nehmen es an, mit Demut, und werden daraus Lehren ziehen müssen", kommentierte Ministerpräsident Markus Söder das Abschneiden seiner Partei. "Es wird in den nächsten Wochen darauf ankommen, dass wir aufarbeiten, woran dieses Ergebnis liegt, und daraus die nötigen Konsequenzen ziehen", sagte Parteichef Horst Seehofer.

Ein wichtiger Punkt bei der Aufarbeitung wird die Frage nach der Wählerwanderung sein. Hunderttausende Wähler sind den Christsozialen davongelaufen - und zwar in beide Richtungen: Etwa 180.000 Wähler gab die CSU an die Grünen ab, ebenfalls rund 180.000 an die AfD. Das geht aus einer Analyse der vorläufigen Wählerwanderung von Infratest dimap  für die ARD hervor (Stand: 20 Uhr am Wahltag).

170.000 Wähler verlor die CSU demnach an die Freien Wähler, 40.000 an die FDP. Von der SPD holten die Christsozialen rund 100.000 Wähler. Zudem gaben 200.000 frühere Nichtwähler der CSU ihre Stimme, mehr als jeder anderen Partei.

Grüne jagen Volksparteien Hunderttausende Wähler ab

Noch mehr Wähler als der CSU konnten die Grünen der SPD abjagen: rund 210.000. Die Grünen in Bayern holen das mit Abstand beste Ergebnis ihrer Geschichte und werden zweitstärkste Kraft, auch weil sie frühere Nichtwähler überzeugen konnten: etwa 120.000 gaben ihnen ihre Stimme.

Nicht nur die CSU gab Stimmen an die Freien Wähler (FW) ab. Auch 70.000 SPD-Wähler und 10.000 FDP-Wähler wechselten in das Lager der FW, die drittstärkste Kraft werden dürften. Auch bei früheren Nichtwählern können die FW punkten.

Die AfD zieht in den Landtag ein und dürfte die viertgrößte Fraktion stellen. Die Partei bleibt jedoch hinter den 12,4 Prozent zurück, die sie bei der Bundestagswahl 2017 in Bayern holte. Neben den Stimmen früherer CSU-Wähler erhalten die Rechtspopulisten den größten Zuwachs vor allem aus dem Lager der Parteien, die nach jetzigem Stand nicht im Landtag vertreten wären (220.000), sowie aus der Gruppe der Nichtwähler (170.000). Die FW geben 60.000 Wähler an die AfD ab; einen geringeren Zuwachs verzeichnet die Partei bei SPD-, FDP- und Grünen-Wählern.

Für die Sozialdemokraten ist nicht nur das Gesamtergebnis, sondern auch der Blick auf die Wählerwanderung bitter. Die SPD verliert an alle etablierten Parteien Wähler, die mit Abstand meisten davon an die Grünen, die zweitmeisten an die CSU. 50.000 Wähler wandern zu Parteien ab, die - wie Die Linke - nicht im Landesparlament vertreten sein werden, 10.000 haben nicht gewählt.

Die FDP überzeugt 40.000 Nichtwähler und jagt den Christsozialen (40.000) und den Sozialdemokraten (10.000) Zweitstimmen ab. Die Liberalen müssen nach jetzigem Stand dennoch um den Einzug in den Landtag bangen. Sie verlieren je 10.000 Wähler an Grüne, FW und AfD.

Nicht nur bei den Ergebnissen gab es viel Bewegung, sondern auch bei der Partizipation. Die Wahlbeteiligung ist so hoch wie seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr. Knapp 72 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab - gut acht Prozent mehr als beim Urnengang vor fünf Jahren.

Und wie haben die Parteien in den unterschiedlichen Altersklassen abgeschnitten?

CSU und SPD holen ihre besten Ergebnisse zwar unter älteren Wählern. Aber auch in der Gruppe "60 Jahre und älter" büßen die beiden Parteien ein - so wie in allen anderen Altersgruppen auch. Die Christsozialen verzeichnen ihre größten Einbußen unter jüngeren Wählern, die SPD in der Gruppe der 45- bis 59-Jährigen.

Zudem gilt beim Wahlergebnis 2018 für beide traditionellen Volksparteien: je jünger die Wähler, desto schlechter das Ergebnis. In der Gruppe zwischen 18 und 24 Jahren holt die CSU 26 Prozent der Stimmen, die SPD sieben Prozent.

Die Grünen und die FW können sich in allen Altersklassen verbessern, die Liberalen in allen außer der Gruppe 60 und älter. Die AfD holt bei den 35- bis 44-Jährigen sowie den 45- bis 59-Jährigen ihr bestes Ergebnis: 13 Prozent. Ihre schlechtesten Ergebnisse verzeichnen die Rechtspopulisten hingegen bei den jüngsten (7 Prozent) und bei den ältesten Wählern (8 Prozent).

Betrachtet man das Wahlverhalten von Frauen und Männern getrennt, so zeigt sich eine Auffälligkeit, die schon bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr zu beobachten war: Die AfD wählen deutlich mehr Männer (14 Prozent) als Frauen (8 Prozent).

Grüne und SPD sind hingegen bei Frauen beliebter als bei Männern. Bei CSU, FW, FDP und Linken gibt es hingegen keine nennenswerten Unterschiede beim Wahlverhalten nach Geschlecht.

Auch der Blick auf die verschiedenen Berufsgruppen dürfte für die Sozialdemokraten schmerzhaft sein: Unter Arbeitern schneidet die AfD (25 Prozent) fast dreimal so gut ab wie die SPD (neun Prozent); stärkste Partei ist in dieser - wie in allen anderen - Gruppen die CSU.

Allerdings ist das Ergebnis der Christsozialen in allen Berufsgruppen bis auf die Beamten schlechter als vor fünf Jahren. Umgekehrt verhält es sich bei den FW. Sie büßen bei den Beamten ein, legen aber in allen anderen Gruppen zu.

Die Grünen verbessern sich bei allen Berufsgruppen. Ihre besten Ergebnisse holen sie unter Beamten (26 Prozent) und Selbstständigen (25 Prozent). Letztere sind eine Gruppe, in der die Liberalen traditionell ihre besten Ergebnisse holen. So auch bei dieser Wahl.

Im höheren Bildungsbereich legen die Grünen gegenüber 2013 noch einmal deutlich zu. Sie überholen hier auch die CSU und holen das beste Ergebnis aller Parteien. Aber auch im mittleren und niedrigen Bildungsbereich legt die Partei zu. Auch die FW verbessern sich in allen Bildungsschichten.

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