CSU-Urgestein Scharnagl "Es ist Zeit für das große bayerische Aufbegehren"

Maut, Betreuungsgeld, Abschiebelager - aus Bayern kommen Vorschläge, die kaum noch jemand ernst nimmt. Was hilft gegen die drohende Bedeutungslosigkeit des Freistaats? Seine Unabhängigkeit, sagt Ex-"Bayernkurier"-Chef Scharnagl.

Franz Josef Strauß (Archivbild 1985) über Scharnagl: "Er schreibt, was ich denke"
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Franz Josef Strauß (Archivbild 1985) über Scharnagl: "Er schreibt, was ich denke"

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Die Osteria Italiana in der Schellingstraße gehört zu den ältesten italienischen Restaurants in München. Professoren speisen hier, Studenten. Einst saß auch Oskar Maria Graf im Gastraum, während nebenan Adolf Hitler vor seinen Gefolgsleuten schwadronierte. Graf war so empört, dass er gleich darüber schrieb. Die Osteria Italiana ist auch das Stammlokal von Wilfried Scharnagl. Will man mit ihm reden, trifft man ihn hier. An seinem Stammplatz sitzt er dann, in Anzug und Krawatte, trotz der Hitze draußen. Er ist ein Mann des gepflegten Umgangs.

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Heft 35/2015
100 Jahre Franz Josef Strauß: Der Freistaat und das verklärte Erbe eines korrupten Landesvaters

Scharnagl, 76 Jahre alt, war 24 Jahre lang Chefredakteur des "Bayernkurier", der Parteizeitung der CSU, und ein enger Weggefährte von Franz Josef Strauß. So eng, dass Strauß einmal sagte: "Er schreibt, was ich denke, und ich denke, was er schreibt." Scharnagl ist sozusagen der Bewahrer des genetischen Codes der CSU. Solche Vergleiche hört er nicht gerne, er mag auch keine Fragen darüber, was Strauß wohl heute denken oder machen würde, doch seine Vorschläge klingen so, als stammten sie vom einstigen Landesvater höchstselbst.

"Es ist Zeit für das große bayerische Aufbegehren", sagt Scharnagl. "Der Raubzug gegen den Freistaat muss beendet werden." Solche Sätze hatte er bereits 2012 in einem Buch veröffentlicht, dessen Umschlag weiße und blaue Rauten zierten. Der Titel: "Bayern kann es auch allein." Es ist nichts anderes als ein trotziges Plädoyer für einen Befreiungskampf.

"Ist das unser Traum von Europa?"

Bayern, sagt Scharnagl, sei Opfer einer doppelten Transferunion. Er meint den Länderfinanzausgleich, in den Bayern seit Jahren am meisten einzahlt. Er meint aber auch die Europäische Union, von der ein paar Länder profitierten, wohingegen Bayern auch hier vor allem zahle. Wie zwei Schleifsteine, zwischen denen Bayern eingeklemmt sei, sei dies. Der Freistaat verliere zunehmend seine Freiheit und Staatlichkeit, die schon so oft in seiner Geschichte bedroht gewesen seien. Die historische Erfahrung Bayerns zeige, "dass das große und wichtige Land im Süden stets dafür büßen musste, wenn es einer fernen Zentralgewalt ausgeliefert war", sagt Scharnagl. In dieser Diktion heißen die modernen Gewalten Berlin und Brüssel.

Strauß war, trotz aller bayerischer Bierdimpfeligkeit, ein europäischer Visionär. "Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland und Europa unsere Zukunft", hatte er gesagt. Auch Scharnagl, sein einstiger Haus- und Hofschreiber, war früher ein glühender Europäer. Heute sagt er Sätze wie: "Die Geschichte des Euro ist eine Geschichte des Vertragsbruches." Es gebe eine klare vertragliche Festlegung, dass kein Land für die Schulden eines anderen aufkommen dürfe und müsse. Dies werde bedenkenlos missachtet. "Die Stimmung in Europa ist geprägt von Streit und Hass und wir reden nur über das Geld. Ist das unser Traum von Europa?"

Die bayerische Revolution

Scharnagl hat sich nun in Rage geredet. Er weiß, dass sein Buch eine Provokation ist, aber er findet, es sei einen Gedanken wert, ob Bayern nicht stark genug sei, seine Interessen in Europa nicht selbst zu vertreten. Die Bayern hätten ja einen angeborenen Widerstand gegen Zwänge von außen, "gegen Einebnung und Gleichmacherei".

Der Kellner bringt den zweiten Espresso. Scharnagl lehnt sich zurück. "Jeder, mit dem ich so rede wie mit Ihnen, ist am Ende von meinen Argumenten überzeugt." Genauso sei es mit seinem zweiten Buch, einer Streitschrift für einen anderen Umgang mit Russland. Vor allem von jungen Leuten erhalte er viel Zustimmung. Das beruhigt ihn, das gibt ihm Hoffnung. Dass es mit der bayerischen Revolution vielleicht doch noch irgendwann klappt.

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insgesamt 314 Beiträge
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Bueckstueck 22.08.2015
1. Gaudi
Wär sicher ne Gaudi das krachende Scheitern zu erleben.
alexxa2 22.08.2015
2. Super
Super ich bin dabei!!
norman.schnalzger 22.08.2015
3. Omei, omei
Mir als eingefleischtem Bayern wird bei so am Schmarrn einfach nur schlecht.
Pfaffenwinkel 22.08.2015
4. Das Ausscheren Bayerns
aus Deutschland ist dank seiner Verfassung möglich und wurde seinerzeit schon von Strauß angedacht. Hat ja durchaus etwas für sich.
pacificwanderer 22.08.2015
5. Hat er nicht recht?
"Die Geschichte des Euros ist eine Geschichte des Vertragsbruches." Es gebe eine klare vertragliche Festlegung, dass kein Land für die Schulden eines anderen aufkommen dürfe und müsse. Dies werde bedenkenlos missachtet. "Die Stimmung in Europa ist geprägt von Streit und Hass und wir reden nur über das Geld. Ist das unser Traum von Europa?" Das ist doch auch die Meinung vieler Kommentatoren. Und: Der Mann hat recht! (Jedenfalls im NordSued-Dialog, wobei bei mir Bayern noch zum Norden gehoert!)
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