Bayerns neuer Ministerpräsident Ministerkür wird zur Machtprobe für Seehofer

Horst Seehofer ist Bayerns neuer Ministerpräsident - doch er wird es schwer haben: Zum ersten Mal seit 46 Jahren muss die CSU Rücksicht auf einen Koalitionspartner nehmen. Bis Mittwoch wird er sein Kabinett basteln. Dabei gilt: Qualifikation allein ist kein Kriterium.

Von , München


München - Das erste, was Horst Seehofer macht, nachdem er seinen Eid auf die Verfassung geschworen hat: Er testet seinen Stuhl. Den ganz linken in der Reihe roter Ledersessel am Ministertisch.

Neuer Ministerpräsident Seehofer muss CSU-Grabenkämpfe überwinden
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Neuer Ministerpräsident Seehofer muss CSU-Grabenkämpfe überwinden

Der Zwei-Meter-Mann nimmt Platz, rollt erst mal vor und zurück, wetzt den Rücken ein bisschen an der Lehne. Mal sehen, ob der zu mir passt, sagt die Geste.

Mal sehen, ob Seehofer in den Bayerischen Landtag passt, sagen viele Abgeordnete an diesem Nachmittag, der in mehrfacher Hinsicht eine Premiere ist. Denn mit Seehofer kam ein Regierungschef, der in Bayern gar nicht zur Wahl stand. "Ein Reservekandidat, der von der Besuchertribüne heruntergeholt werden muss", wie es der SPD-Fraktionschef Franz Maget ausdrückt.

Ein Politiker, der immer im Bundestag unterwegs war, der der CDU oft näher stand als den Parteifreunden in München. Er soll nun den Neuanfang einleiten - für eine in den letzten Wochen so chaotische CSU.

Allein dieser Status ist eine Steilvorlage für die Opposition. Maget erwähnt, dass Seehofer in den nächsten fünf Jahren an keiner einzigen Abstimmung teilnehmen darf. Und dass er eigentlich gar nicht nach München wollte. Genüsslich zitiert der SPD-Mann den gerade verabschiedeten Bundeslandwirtschaftsminister mit einem Satz, der erst vor rund vier Wochen in einem Zeitungsinterview geäußert hat: "Ich habe immer gesagt, der Parteichef muss in Berlin sitzen." Ebenso lustvoll erinnert die Opposition, mit welchem Energieaufwand die Mehrheit der CSU Seehofer vor einem Jahr als Parteichef abgewehrt hatte.

FDP-Chef Zeil erntet die meisten Lacher

Der Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, versichert Seehofer, dass der Sessel des Ministerpräsidenten immer mehr zum Schleudersitz geworden sei. "Wer nicht so funktioniert hat, wie er sollte, ist er von der CSU durch die Dachluke entsorgt worden". Grünen-Fraktionschef Sepp Daxenberger nennt ihn Master of Desaster.

Doch die meisten Lacher erntet der Chef des inzwischen streng loyalen Koalitionspartners FDP, der designierte Wirtschaftsminister Martin Zeil: Bei den Koalitionsverhandlungen, sagt Zeil mit ernster Miene und lobt die Bodenständigkeit des CSU-Mannes, habe ihn Seehofer an den Kalifen von Bagdad, Harun al Rashid, erinnert. Denn dieser sei nachts verkleidet durch die Hauptstadt geschlichen, um ganz nahe an den Sorgen der Menschen zu sein. "Wir wissen jedenfalls, wo er hingegangen ist", keifen die Hinterbänkler und schlagen sich auf die Schenkel. Es bleibt für diesen Tag der einzige Schwenk auf Seehofers außereheliche Affäre in Berlin.

Der Kandidat sitzt mit seiner Familie auf der Tribüne des Maximilianeums und erträgt die Anwürfe gelassen. In seiner kurzen Antrittsrede verkneift er sich eine Revanche. Er sei ein Überzeugungstäter in Sachen parlamentarischer Demokratie, verspricht Seehofer der Opposition, und er schätze den Diskurs.

Den wird er nun wohl auch in der eigenen Fraktion haben. Denn so erleichtert die Christsozialen sind, dass mit Seehofer nun eine echte Führungsfigur vom Wahldebakel ablenkt und zur Sachpolitik zurückkehren kann - zunächst muss der Neue aus Berlin übermorgen ein Kabinett basteln. Und da darf auch er - wie seine Vorgänger - wieder nicht nach Qualitätskriterien entscheiden.

Die Gräben zwischen den bayerischen Bezirken sind seit dem Rücktritt von Günther Beckstein so tief, dass jeder mit einem Ministerposten beruhigt werden muss. Zwei Ressortchefs und ein Staatssekretär sind der FDP versprochen.

Viel Spielraum für den angeblichen Neuanfang bleibt Seehofer nicht.



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