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Linker Wahlkampf: Im Wirtshaus und auf Bayerns Straßen

Foto: Tobias Lill

Linke auf Wahlkampf in Bayern Wenn Wagenknecht das Wirtshaus rockt

Die Linke kratzt in Umfragen im konservativen Bayern an der Fünf-Prozent-Hürde. Der Einzug in den Landtag könnte klappen. Dafür schickt die Partei die Promis wie Fraktionschefin Wagenknecht bis tief in die Provinz.

Manfred Seel ist sichtlich nervös. Der 63-Jährige deutet auf eine riesige Leinwand hinter dem Rednerpult. "Warum ist da immer noch das Standbild?", fragt er einen Helfer. Alles muss perfekt laufen. Wenig später werden dann im Abstand weniger Sekunden Fotos an die Wand projiziert - sie alle zeigen einen Menschen: Sahra Wagenknecht. "Perfekt. Sie wäre eine ideale Bundeskanzlerin", schwärmt Seel.

Doch er weiß natürlich, dass am Sonntag nicht Bundestags-, sondern Landtagswahlen anstehen. "Und die Linke hat gute Chancen, in das Parlament einzuziehen", sagt Seel, Kreisvorsitzender seiner Partei in Donau-Ries. Deshalb hat er die Fraktionschefin an diesem Mittwochabend in ein Gasthaus ins bayerisch-schwäbische Mertingen eingeladen.

Denn wenn die Linke die Fünf-Prozent-Hürde tatsächlich überwinden will, muss sie in einem Flächenstaat wie Bayern auch auf dem Land zulegen. Zuletzt lag die Partei Demoskopen zufolge bayernweit bei gut 3,5 bis 5,0 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2017 waren die Umfrageergebnisse im Freistaat vor der Wahl jedoch sogar noch etwas schlechter - und am Ende holte die Partei im Süden 6,1 Prozent. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnte gerade erst vor einem Einzug der "Kommunisten" ins Parlament.

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Linker Wahlkampf: Im Wirtshaus und auf Bayerns Straßen

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Dass die Linke auch auf dem konservativen Land durchaus Potenzial hat, zeigt sich in Donau-Ries. Etwa 100 Mitglieder hat der Kreisverband - das sind so viele wie kaum anderswo sonst in Bayern. Und das, obwohl in Donau-Ries mit einer Arbeitslosenquote von 1,6 Prozent de facto Vollbeschäftigung herrscht. Mineralölunternehmer Seel hat 75 Angestellte, sitzt im Kreistag und seit dreieinhalb Jahrzehnten im Gemeinderat - früher für SPD. "Aber dann kam die Agenda 2010." Seither ist er bei der Linken.

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Dann betritt Wagenknecht zu lauter Musik das mit etwa 400 Leuten rappelvolle Gasthaus. CSU-Ikone Franz-Josef-Strauß hätte eine solche Begrüßung gefallen. Viele aus der Region sind neugierig auf Wagenknecht. Er kenne sie ja aus dem Fernsehen, sagt ein junger Mann im Trachten-Jancker. Nun wolle er sie einmal live sehen.

Mehrfach wird Wagenknecht von lautem Applaus unterbrochen. Sie kritisiert die Zunahme befristeter Jobs und Leiharbeit. In einer Region wie Donau-Ries, wo in der Industrie solche Arbeitsplätze an der Tagesordnung sind, kommt das an.

Die Flüchtlingsthematik streift Wagenknecht am Rande, als sie über Fluchtursachen spricht und auf den Krieg im Jemen und die deutschen Waffenexporte nach Saudi-Arabien eingeht. Anders als bei den Grünen sind manche Linken-Anhänger nicht wegen, sondern trotz der sehr liberalen Positionen im Parteiprogramm bei diesem Thema, heute Abend hier. "Wagenknecht hat erkannt, dass wir nicht die ganze Welt aufnehmen können", sagt ein Zuschauer.

Den jungen Mann im Trachten-Jancker hat ihr Auftritt in Mertingen rhetorisch überzeugt - die Linke wird er aber wohl dennoch nicht wählen.

Ortswechsel nach München. In Bayerns Großstädten haben es die Linken leichter. In Nürnberg konnte die Partei bei der Bundestagswahl 2017 zehn, in Augsburg und München mehr als acht Prozent einfahren. In der Isarmetropole lebt jeder zehnte bayerische Wähler. Kein Wunder also, dass Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch am Mittwoch einen Abstecher nach München macht. In der für ihre Millionärsdichte bekannten Landeshauptstadt war zuletzt mehr als jeder sechste Bewohner arm oder zumindest von Armut bedroht.

Besonders viele Abgehängte leben im Stadtteil Neuperlach. Vor einem Einkaufszentrum neben riesigen Betonburgen mit Sozialwohnungen verteilt Bartsch gemeinsam mit dem Linken-Landesvorsitzenden Ates Gürpinar Parteiprogramme. "Die Stimmung ist sogar noch besser als vor einem Jahr", sagt der Landeschef, während er einem jungen Deutsch-Griechen eine Broschüre in die Hand drückt. Er wolle Kinderpfleger werden, sagt der Münchner und fügt hinzu: "Aber wovon soll ich die hohe Miete hier bezahlen?" Gürpinar verspricht, sich für günstigere Wohnungen und eine faire Bezahlung angehender Kinderpfleger einzusetzen.

Die fehlenden Wohnungen seien eines der Topthemen an den Infoständen, sagt er. Kein Wunder: Seit 1995 sind die Münchner Mieten um etwa 80 Prozent gestiegen. Auch in anderen Großstädten zogen die Mieten weit schneller an als die Gehälter. Gering- und auch Normalverdiener können zunehmend nicht mehr mithalten.

40.000 neue Sozialwohnungen im Jahr, versprechen die Linken. Gürpinar hofft, dass sich die Wut der Menschen über die Wohnungspolitik der CSU in Stimmen für seine Partei ummünzen lässt. Ein Problem: Gürpinar ist neben Fraktions-Vize Klaus Erst das wohl einzige auch nur halbwegs bekannte Gesicht der bayerischen Genossen - der 34-Jährige, dessen Vater Türke ist und der mütterlicherseits von Vertriebenen abstammt, hatte sich nach Ansicht von Beobachtern bei der TV-Diskussion der Spitzenkandidaten der kleineren Parteien wacker geschlagen.

Ein Signal, das nicht nur in Berlin Erschütterungen auslösen wird"

Zudem fehlen schlicht Ressourcen. Im ganzen Freistaat hat die Partei nicht einmal 50 kommunale Mandatsträger. Immerhin verzeichnete die Linke seit 2017 einen Zuwachs von 850 auf rund 3300 Mitglieder - noch immer hat jedoch selbst die FDP fast doppelt so viele Parteigänger.

Gürpinar hofft nicht zuletzt auf enttäuschte SPD-Anhänger - auch an diesem Tag: Eine 66-jährige Rentnerin blickt kurz zu einem nahen Stand der Sozialdemokraten, bleibt jedoch bei den Linken stehen. "Die SPD hat doch nichts für Alte, Kranke und Behinderte gemacht", sagt sie. Diesmal überlege sie, die Linke zu wählen.

Bartsch erzählt offen: "Ich sage den Leuten: Ob die SPD 13 oder 14 Prozent bekommt, ist egal - bei uns geht es um vier oder fünf Prozent." Er prophezeit: "Wenn wir in Bayern in den Landtag einziehen, wäre das ein Signal, das nicht nur in Berlin Erschütterungen auslösen, sondern auch in Washington, Brüssel und Moskau zur Kenntnis genommen würde."

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