Becker-Prozess Aktenzeichen XY und die schützende Hand

Auch nach 13 Monaten vor Gericht gibt es keinen Beweis, dass Verena Becker 1977 am Buback-Mord beteiligt war. Der Nebenkläger meint: Weil jemand seine "schützende Hand" über die Terroristin hielt. Dieser Vorwurf soll nun ausgeräumt werden - mit Hilfe einer jahrzehntealten TV-Fahndung.
Tatort des Buback-Mordes (1977): Gab es eine "schützende Hand"?

Tatort des Buback-Mordes (1977): Gab es eine "schützende Hand"?

Foto: A1844 Heinz Wieseler/ dpa

Über die Frage, ob sich Verena Becker nicht nur der Beihilfe, sondern der Mittäterschaft am Attentat auf den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback schuldig gemacht hat, wird vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart nun schon mehr als ein Jahr lang gestritten. Was heißt gestritten: Der Senat sieht sich in der Pflicht, nicht nur den Anklagevorwurf aufzuklären - das wäre ein vergleichsweise noch überschaubares Unterfangen -, sondern vor allem dem Begehren des Nebenklägers nachzukommen.

Der Göttinger Chemieprofessor Michael Buback, Sohn des Ermordeten, vermutet nämlich in der Angeklagten jene Person, die vom Sozius-Sitz einer Suzuki-Maschine aus am Vormittag des 7. April 1977 in Karlsruhe auf den Dienstwagen des obersten Anklägers der Bundesrepublik geschossen und nicht nur ihn, sondern auch den Fahrer des Wagens und einen Sicherheitsbeamten getötet hat. Doch dafür gibt es auch nach 13 Monaten Hauptverhandlung keinen Beweis, ja noch nicht einmal einen ernstzunehmenden Verdacht. Die Bundesanwaltschaft behauptet dies in ihrer Anklage auch nicht.

Gleichwohl setzt sich der Senat nimmermüde mit jedem einzelnen Argument Bubacks auseinander. So wurde zum Beispiel Ende Oktober ein Sachverständiger zu der Frage gehört, ob jenes Motorrad den Wagen des Generalbundesanwalts hätte umkreisen können, so wie es eine Zeugin jetzt, nach mehr als 30 Jahren, behauptet. Die Frau hatte damals aus dem Fenster eines Bürogebäudes geschaut, nachdem Schüsse auf der Straße gefallen waren. Mehrere Zeugen, darunter solche, die das Tatgeschehen aus nächster Nähe beobachtet hatten, erinnern sich an zwei dunkel gekleidete Personen mit Sturzhelmen, die nach der Schussabgabe davonbrausten.

Der Sachverständige hielt bereits ein einmaliges, vollständiges Umkreisen des Dienstfahrzeugs mit dem Motorrad für unmöglich. Die Zeugin hingegen will beobachtet haben, wie die Täter das Auto sogar dreimal umrundeten. Unmöglich?

Rollte der Mercedes im ersten Gang? Im zweiten? Wie schnell?

Der Gutachter setzte sich mit dem Fahrverhalten des Mercedes auseinander und der Geschwindigkeit, mit der der Wagen noch über die Kreuzung gerollt sein musste, ehe er, nachdem er den Bordstein überwunden hatte, an einem Pfosten zu stehen kam. Zunächst hatten beide, Wagen und Motorrad, an einer Ampel angehalten und waren dann nebeneinander angefahren. Dann wurde geschossen, der Fahrer fiel aus dem Wagen auf die Straße. Und der Mercedes rollte führerlos weiter. Im ersten Gang? Im zweiten? Wie schnell? Schließlich war da ja der Bordstein. Um wie viel schneller hätte das Motorrad sein müssen, wenn es den Wagen hätte umrunden wollen? Und passt der Ort der Schussabgabe dazu?

Die Zeugin hatte von einer 45-Grad-Neigung des Motorrads gesprochen. Der Sachverständige aber hielt eine 35-Grad-Neigung "für das Maximum", was ein mit zwei Personen besetztes Motorrad, egal welcher Bauart und Marke, leisten könne, und hielt auch die Zeit, die den Tätern zum Umrunden zur Verfügung gestanden haben soll, für "nicht ausreichend". Er wies alle Mutmaßungen, wie das Umrunden doch stattgefunden haben könnte, entschieden zurück.

Nebenkläger Buback missfällt die Aussage des Sachverständigen. Vielleicht war die Straße damals abschüssig, vielleicht der Reifendruck ungewöhnlich. "Haben Sie Kontakt zum Cheffahrer des Generalbundesanwalts aufgenommen, der noch am Leben ist?", fragt er den Gutachter. "Nein", antwortet der Sachverständige. "Warum nicht? Jemand, der den Wagen täglich betreut hat!" Buback ist wieder einmal fassungslos. "Ich habe als Sachverständiger einen Auftrag", erklärt der Mann, "und ich ermittle nicht außerhalb dieses Auftrags."

"Schützende Hand" der Bundesanwaltschaft?

Buback unterstellt der Bundesanwaltschaft das Einverständnis mit einer "schützenden Hand", die die Angeklagte angeblich vor Strafverfolgung bewahrte. So quälend es für ihn sein mag, dass der mordende Schütze bis heute nicht eindeutig benannt ist, der den Generalbundesanwalt erschossen hat: Auch für die Annahme einer "schützenden Hand" über Verena Becker gibt es kaum mehr als Verschwörungstheorien.

Doch damit scheint es nun vorbei zu sein. Denn die Verteidiger präsentierten dem Gericht nun einen Beweisantrag, der geeignet sein könnte, Manipulationsgerüchte und Versuche der Strafvereitelung mittels dunkler Mächte in den Bereich der Phantasie zu verweisen.

Es geht in dem Antrag um den Auftritt eines Zeugen vom Bundeskriminalamt namens Urbaniak, der 1977 gegen Sabine Schmitz ermittelt hatte, die im Verdacht stand, der "Haag-Mayer-Bande" anzugehören. In diesem Zusammenhang hatte der BKA-Mann einen Said Osman Karim vernommen, der seinerzeit behauptete, er habe im Frühjahr 1976 beobachtet, wie mehrere Personen, darunter Verena Becker, die Wohnung von Sabine Schmitz in Karlsruhe betreten hätten. Karim identifizierte auch mehrere dieser Personen anhand von Fotos, die ihm vorgelegt worden waren. Der Zeuge Urbaniak sagte in Stuttgart überraschend aus, Karim habe ihm damals berichtet, Frau Becker "auch in einer XY-Sendung" erkannt zu haben.

"Die Aussage Urbaniaks", so die Verteidiger, "musste nun insofern überraschen, als von einer XY-Sendung im Zusammenhang mit Fahndungen nach terrorismusverdächtigen Personen in den Jahren 1976 und 1977 in den uns zugänglichen Akten nicht die Rede ist."

Daher habe man geforscht - und sei fündig geworden. Tatsächlich seien 1977 nach dem Anschlag zwei solcher Sendungen ausgestrahlt worden: am 22. April, als nach den RAF-Mitgliedern Günter Sonnenberg, Christian Klar, Knut Folkerts und Adelheid Schulz gefahndet wurde, und am 20. Mai 1977, nach der Festnahme Verena Beckers und Sonnenbergs in Singen. Eduard Zimmermann, der damals die Sendung moderierte, so heißt es in dem Beweisantrag, sei neben einer Fotomontage mit der Aufschrift "Buback-Mörder gefasst" zu sehen gewesen. Es seien dabei auch Fotos der Angeklagten gezeigt worden, verbunden mit der Frage an die Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo sich Sonnenberg und Becker vor ihrer Festnahme am 3. Mai 1977 aufgehalten hätten.

Wendet sich die Polizei ans Fernsehen, damit sich zum Beispiel im Rahmen einer XY-Sendung die Bevölkerung an der Fahndung nach verdächtigen Personen beteilige, ist dies mit der Hoffnung auf möglichst viele Hinweise verbunden. Die dafür notwendigen Informationen erhält der Sender von den Strafverfolgungsbehörden. Es gibt kaum ein anderes Medium, das geeigneter wäre, die breite Öffentlichkeit zur Mithilfe bei der Fahndung zu gewinnen, als das Fernsehen.

Für die Verteidiger ist dieser öffentliche Aufruf vom Mai 1977 ein nicht zu bestreitender Beleg dafür, dass Bubacks Mutmaßungen bezüglich der "schützenden Hand" fehlgehen. Denn wer sogar Fernsehzuschauer um Mithilfe bei der Fahndung bittet, dem kann schwerlich der Vorwurf gemacht werden, er verhindere die Strafverfolgung der betreffenden Person.

Euler und Venedey beantragten, die Sendung in der Hauptverhandlung vorzuführen. "Unabhängig von der Frage, warum Informationen über diese Fahndungsmaßnahmen in den vorhandenen Verfahrensakten nicht enthalten sind, sollte mit der Kenntnis der XY-Sendung vom 20. Mai 1977 den Spekulationen endgültig der Boden entzogen sein", trugen sie vor.

Ob Nebenkläger Buback nun von der Idee einer "schützenden Hand" über Verena Becker ablässt?

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.