SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

30. September 2010, 15:33 Uhr

Becker-Prozess in Stammheim

Stille nach dem Schuss

Aus Stuttgart-Stammheim berichtet

Wer erschoss Generalbundesanwalt Siegfried Buback? 30 Jahre nach dem deutschen Herbst sitzt Ex-RAF-Frau Verena Becker genau dort auf der Anklagebank, wo die Republik einst die großen Terrorprozesse erlebte - und schweigt. Szenen einer Zeitreise.

Wer den Prozess von Verena Becker besuchen wollte, fühlte sich in die alte Bundesrepublik zurückversetzt, in die siebziger Jahre, in denen die Rote Armee Fraktion (RAF) den westdeutschen Staat an den Rand des Notstands brachte.

Zunächst ging es einzeln durch ein schweres eisernes Drehkreuz, dann durch eine Stahltür, schließlich die Durchsuchung in einer fensterlosen Zelle. Laptop, Handys dürfen nicht mit in den Gerichtssaal. Uhr, Ringe, Halskette, alles müssen Zuschauer abgeben. Die Taschen in ein Schließfach. Stift und Papier sind die einzigen erlaubten Accessoires.

Stammheim bleibt Stammheim, auch im Jahr 2010.

Selbst die Anwälte wurden durchsucht. Nur für die Angeklagte Verena Becker hat der Vorsitzende Richter des Oberlandesgerichts Stuttgart eine großzügige Ausnahme gemacht. "Wegen ihrer gesundheitlichen Gegebenheiten ist es ihr gestattet", hat er verfügt, "eine Flasche Wasser sowie einen Trinkbecher, jeweils aus Plastik, an ihren Platz im Sitzungssaal mitzunehmen."

Die Pressebänke im Stammheimer Mehrzwecksaal sind überfüllt, im Zuschauerbereich bleiben Plätze leer. Verena Becker hat nicht mehr die Solidarität der verbliebenen RAF-Freunde. Sie gilt als Verräterin. Im Herbst 1981 hat sie beim Verfassungsschutz ausgesagt. Sie ist die einzige aus dem inneren Kreis der RAF, die jemals detailliert über die Strukturen der Gruppe ausgesagt hat. Verena Becker bereute den Verrat an ihren Genossen und bot ihren Selbstmord an. Die RAF lehnte ab und schloss sie aus, doch die Aussage lohnte sich für sie: Becker wurde im Dezember 1989 vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker begnadigt.

"Wir Bubacks wollen nur die Wahrheit wissen"

Ihre Schwester Omega ist immerhin gekommen. Und ein ehemaliger RAF-Genosse, der vor über 30 Jahren hier verurteilt wurde. "Sie hat sich eigentlich nicht sehr verändert", sagt er. Er konnte sie noch nie besonders gut leiden und hat sie als Scharfmacherin in Erinnerung. Verena Becker trägt eine helle Jeansjacke und einen Rollkragenpullover und ist von ihren Verteidigern Walter Venedey und Wolfgang Euler eingerahmt.

Sie hat heute ein besonderes Déjà-vu. Ende Dezember 1979 wurde sie in diesem Saal zu Lebenslang verurteilt, wegen sechsfachen Mordversuchs an Polizisten bei ihrer Verhaftung. "Ihr Nazi-Schweine", brüllte sie damals die Richter an. "Ich nehme euer Scheißurteil nicht an."

Damals hatte Verena Becker es nur mit Bundesanwälten zu tun, heute hingegen auch mit einer ganzen Riege von Nebenklägern. Es sitzen ihr Michael Buback gegenüber, der Sohn des ermordeten Generalstaatsanwalts Siegfried Buback, seine Frau, und der Anwalt der beiden. Weiterhin zwei Anwälte, die die Mutter und einen Onkel des Göttinger Chemieprofessors vertreten. Nach dem Prozess sagt Michael Buback, der Sohn des Mordopfers: "Wir Bubacks wollen nur die Wahrheit wissen." Für ihn ist freilich längst klar: zu 99 Prozent sei Verena Becker die Schützin auf dem Motorrad gewesen.

"Frau Becker will sich derzeit nicht äußern."

Diese Wahrheit aber teilen weder die Bundesanwälte noch die Verteidiger Beckers. In der Anklage, die Bundesanwalt Walter Hemberger vorträgt, wird ihr vorgeworfen, das Attentat mit beschlossen zu haben. Sie sei am Vortag in Karlsruhe gesehen worden und habe Kuverts geschlossen, in denen Bekennerschreiben zum Attentat verschickt wurden. Außerdem habe sie später den Begriff "Täterwissen" verwendet. Die Verteidiger halten diese Anschuldigung in keiner Weise für hinreichend, um sie der Mittäterschaft zu überführen. Es gibt also mindestens drei Wahrheiten im Fall Buback.

Verena Becker hält mit ihrer Wahrheit hinterm Berg. Als der Richter fragt, ob sie sich zur Sache oder zu ihrer Person äußern möchte,

antwortet ihr Anwalt Venedey für sie: "Frau Becker will sich derzeit nicht äußern." Die Prozessbeobachter erfahren so nur aus einem Vernehmungsprotokoll etwas über die schweigsame Angeklagte. Sie habe den bewaffneten Kampf schon lange aufgegeben, "weil durch ihn nur noch mehr Leid entsteht", habe sie gesagt. Stattdessen habe sie den spirituellen Weg gewählt. Verena Becker leidet auch an einer seltenen chronischen Krankheit, die unter anderem "den Tränenfluss unterbindet".

Es sieht danach aus, als würde sie ihr Schweigen nicht brechen.

Michael Buback wird sich darum bemühen, dass sie eine schwere Strafe bekommt. Der Prozess ist erst einmal bis Ende dieses Jahres terminiert, aber er wird sich ziemlich sicher ins nächste Jahr ziehen. Zu klären ist die eigentlich einfache Frage: Wer erschoss Siegfried Buback?

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung