Becks runder Tisch Wunderglaube an die zahmen Taliban

Der Vorschlag des SPD-Vorsitzenden Beck, mit den Taliban zu verhandeln, ist naiv. Genauso könnte man Dealer in den Kampf gegen Drogen einspannen und Bordell-Besitzer gegen Zwangsprostitution engagieren.

Von Henryk M. Broder


Ostern steht vor der Tür, es wird auch dieses Jahr wieder die traditionellen Ostermärsche der Friedensbewegung geben, die von der moralischen Überlegenheit des Pazifismus in kriegsbewegten Zeiten zeugen werden, und wenn alles nach Plan verläuft, wird bei der zentralen Kundgebung unter freiem Himmel auch Kurt Beck, der Vorsitzende der SPD, sprechen.

Vorschlag ohne Weitblick: SPD-Chef Beck in Afghanistan (31. März 2007)
DPA

Vorschlag ohne Weitblick: SPD-Chef Beck in Afghanistan (31. März 2007)

Er wird die Verlegung von sechs Tornado-Aufklärern der deutschen Luftwaffe nach Afghanistan rechtfertigen, zugleich wird er seinen Vorschlag verteidigen, die radikal-islamischen Taliban-Milizen an einer "Friedenskonferenz" zur Lösung der Afghanistan-Frage zu beteiligen. "Wir können", sagte Beck zum Abschluss einer mehrtätigen Fact-Finding-Tour am Hindukusch, "die Möglichkeit der nationalen Versöhnung unter Einbeziehung von Taliban ausloten".

Beck, der weiß, wie man prekäre Situationen souverän meistert, seit er einem leicht verwahrlosten Dauer-Arbeitslosen riet, ein Bad zu nehmen und sich die Haare schneiden zu lassen, wenn er einen Job bekommen möchte, hat mit seinem neuesten Statement - vermutlich unabsichtlich - enthüllt, welchem Zweck der Einsatz der Tornados in Afghanistan dienen soll. Da es kein Kampfeinsatz sein darf, aber auch keine humanitäre Mission, da die Tornados zum Abwurf von Gummibärchen und Mozartkugeln nicht geeignet sind, sollen die Flieger die Stellungen der Taliban auskundschaften, um ihnen eine Einladung zur großen Afghanistan-Konferenz zustellen zu können.

Runder Tisch funktioniert nicht am Hindukusch

Es gibt ja keine Taliban-Hotline, wo man einfach anrufen, und keinen offiziellen Taliban-Vertreter beim Bundesvorstand der SPD, den man bitten könnte, die Einladung an die zuständigen Kader weiter zu reichen.

So naiv Becks Angebot an die Taliban auch klingt, es sollte nicht voreilig vom Tisch gewischt werden, wie es der außenpolitische Sprecher der Union, Eckart von Klaeden tat, als er den Vorschlag „nicht sonderlich durchdacht" nannte. Beck hat sich sicher etwas dabei gedacht, möglicherweise nicht, wie man den Afghanistan-Konflikt lösen, sondern wie man eine deutsche Sitte wiederbeleben könnte. Was Beck im Sinn hat, ist ein Runder Tisch nach dem Vorbild der Runden Tische in der Schlussphase der DDR, als es darum ging, ein marodes System vor dem totalen Kollaps zu retten.

Seitdem ist der runde Tisch zu einem Synonym für das Bemühen geworden, Konflikte diskursiv statt konfrontativ zu lösen. In der DDR saßen Systemgegner mit den Vertretern des Systems an einem Tisch und überlegten gemeinsam, wie sie die Situation meistern konnten, ohne sich gegenseitig Schmerzen zuzufügen.

Nun ist die Situation in Afghanistan ein wenig anders. Die Herrschaft der Taliban dauerte im Ganzen nur fünf Jahre, war aber in höchstem Maße effektiv. Dem Terrorregime der wild gewordenen Männer fiel alles zum Opfer, das unter "Kultur und Zivilisation" subsumiert werden kann, von Musik bis zu den elementaren Menschenrechten.

Der Irrtum der Feuilletons

Die übrige Welt nahm es gelassen hin, dass in einem von der EU finanzierten Stadion in Kabul anstelle von Sportveranstaltungen öffentliche Hinrichtungen stattfanden und war nur kurz irritiert, als die 1.500 Jahre alten Buddha-Statuen von Bamiyan, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählten, von den Taliban gesprengt wurden. Damals konnte man in den deutschen Feuilletons Artikel lesen, in denen darauf hingewiesen wurde, dass die Zeit der Bilderstürmerei in Europa noch nicht so lange vorbei wäre, als dass "wir" uns anmaßen könnten, über andere zu richten.

Nicht einmal die Not der afghanischen Frauen, die vollkommen entrechtet waren, vermochte die vielen Gutmenschen zu erschüttern, die sonst zugunsten geschändeter Tiere auf die Straße gehen und sich mit jedem Huhn solidarisieren, das nicht frei herumlaufen darf.

Inzwischen weiß man, was die Taliban angerichtet haben und wozu sie imstande sind. Dass sie zurück an die Macht wollen, kann man ihnen nicht verübeln; sie an einen runden Tisch zu bitten, um ihnen die Gelegenheit zu geben, an der Lösung der Konflikte mitzuwirken, deren Ursache sie sind, zeugt dagegen von einem Wunderglauben, der an Voodoo grenzt. Als nächstes könnte Kurt Beck vorschlagen, Drogendealer in den Kampf gegen den Drogenhandel einzubinden und Bordellbesitzer um Rat zu fragen, wie man die Zwangsprostitution eindämmen könnte.

Andererseits: Es wäre spannend zu erleben, wie eine Afghanistan-Konferenz unter Beteiligung der Taliban aussehen und worüber dabei verhandelt würde: Ob man Ehebrecherinnen steinigen oder erschießen sollte? Ob Dieben nur eine Hand oder beide Hände abgehackt werden sollten? Mit vielen Peitschenhieben das Hören von Musik bestraft werden sollte?

Und was macht man mit den Tausenden Selbstmordattentätern, die nach Angaben der Taliban bereit stehen, "die westlichen Truppen und ihre afghanischen Marionetten anzugreifen"? Sollen die auch alle an der Konferenz teilnehmen, damit keine Chance ungenutzt bleibt, alle Möglichkeiten für eine nationale Versöhnung auszuloten?

Dann könnte die Konferenz gleich im Sportstadion von Kabul stattfinden, für die Taliban wäre es ein Heimspiel. Nur der Runde Tisch müsste etwas größer gebaut werden.

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