Becks Wutausbruch "Das wird dem Kurt guttun"

Er wittert einen Vernichtungsfeldzug, beklagt Mobbing und Miesmacherei: Kurt Beck versucht einen Befreiungsschlag, mit Journalistenschelte und viel Wut im Bauch. Der kalkulierte Ausraster zeigt vor allem eines - wie weit Innen- und Außensicht bei ihm inzwischen auseinanderklaffen.

Von und Martina Schrey


Berlin - Kurt Beck hat einen knallroten Kussmund auf der rechten Backe. Und ein breites Grinsen im Gesicht. "In der Tat, das ist ein großartiges Ergebnis", sagt er. Es ist ein Tag im März 2006. Wahltag in Rheinland-Pfalz. Kurt Beck hat gerade die absolute Mehrheit für die SPD geholt. In der SPD-Fraktion rufen sie ein "Hurra, hurra, hurra" auf "König Kurt" aus.

Polternder SPD-Vorsitzender Beck: "Das wird dem Kurt guttun."
DPA

Polternder SPD-Vorsitzender Beck: "Das wird dem Kurt guttun."

Zwei Jahre später ist alles anders. Aus dem Mainzer König ist der politisch angeschossene Vorsitzende der deutschen Sozialdemokratie geworden. Das schlägt aufs heimatliche Bundesland durch: Nur noch 37 Prozent in der Sonntagsfrage und in der Beliebtheit gleichauf mit dem blassen Oppositionsführer Christian Baldauf von der CDU, meldet die "Rheinpfalz".

Es ist verheerend. Denn Rheinland-Pfalz war der Rückzugsraum des Kurt Beck. Die ehrliche Provinz, fern vom überdrehten Berlin. Fern von hintenrum redenden Parteifreunden und auch fern von den Hauptstadtjournalisten, von denen sich Beck in Sachen Linkspartei und SPD-Zwist ungerecht behandelt fühlt.

Und dann bröckelt auch noch die Macht in Mainz. Ausgerechnet während Beck zwei Tage mit einer Gruppe Journalisten durch sein Land reist.

Blühende Landschaften wollte er vorführen. Gefragt aber wurde er nach der Verfassung der SPD, der Kanzlerkandidatur - und der Linkspartei. Schon tagsüber platzt es laut Zeitungsberichten aus ihm heraus: "Schreiben Sie doch: Beck macht alles falsch!"

Beim Abendessen am Mittwoch dann der Höhepunkt. Beck beklagt sich über einen "Vernichtungsfeldzug", über "Mobbing" und "Herabwürdigung" in den Medien. Dann geht es gegen die Genossen: "Wichtigtuer" in der SPD schwächten die Partei. Und schließlich, am Ende seiner Suada, entfährt es ihm: "So, jetzt ist es passiert, ich habe es gewollt und bewusst gesagt!"

Es ist raus. Für Kurt Beck war dieser Ausbruch eine versuchte Befreiung.

"Das wird dem Kurt guttun"

Meint man auch in der SPD. Intern fahre Beck öfter mal aus der Haut, heißt es. Mit dieser halböffentlichen Aktion erreiche er nun "hoffentlich das Ziel, dass man in Zukunft fair mit ihm umgeht", sagt ein führender Sozialdemokrat. Ein Fraktionsmitglied sagt: "Das wird dem Kurt guttun."

Allerdings ändere es nichts an der Lage der Partei.

Und die ist prekär. Der Ärger um das Verhältnis zur Linkspartei wurde erst in dieser Woche befeuert durch ein Treffen linker Sozialdemokraten mit Vertretern der Linkspartei in einem Berliner Restaurant. Wenige Tage zuvor hatte SPD-Vizechefin Andrea Nahles ihrer Partei öffentlich ein schlechtes Zeugnis ausgestellt, als sie sie "nicht versetzungsfähig" nannte.

Dann die K-Frage: In der Umgebung von Becks Stellvertreter im Parteivorsitz, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, werde bereits an einem Wahlprogramm für dessen Kanzlerkandidatur gearbeitet, meldete die "Welt am Sonntag". Und das von der SPD-Führung mit herzlicher Abneigung geschmähte Umfrageinstitut Forsa servierte neue Katastrophenzahlen dazu: 20 Prozent für die SPD, 15 Prozent für die Linke.

So geht das immer weiter. Bisher sind alle Befreiungsschläge und Aufbruchsversuche des Vorsitzenden Beck gescheitert. Weder der Hamburger Parteitag im vergangenen Oktober noch der SPD-Zukunftskongress in Nürnberg Ende Mai brachten die Wende. Auch mit seiner jüngsten Programmoffensive - Kampf gegen Kinderarmut, Verlängerung der Altersteilzeit - drang Beck nicht wirklich durch.

"Jetzt war eben mal Schluss"

Es muss in ihm brodeln. Er habe sich "die Fähigkeit angewöhnt, Dinge runterzuschlucken, auch aus den eigenen Reihen", hat Beck kürzlich gesagt. Doch jetzt war eben mal Schluss: "Das war nur eine Frage der Zeit", heißt es aus der Bundestagsfraktion.

In der SPD möchte sich kaum jemand offen äußern zu Becks Wutausbruch. Herr X werde nichts sagen zu diesem Thema, heißt es aus dem einen Büro. Aus dem anderen: "Ich kommentiere die Worte des Vorsitzenden nicht." Und auch: "Keine Zeit, sorry." Nur Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit versucht es per Selbstsuggestion und versichert im Südwestrundfunk, in seiner Partei gehe es keinesfalls drunter und drüber, wie manche denken würden: "Das ist nicht mein Eindruck."

In seiner Innensicht mag sich Kurt Beck wie in einem Strudel fühlen: Alles, was er sagt oder tut, läuft gegen ihn. Das muss für ihn heißen: Man missversteht ihn - in Partei und Medien. Dabei war doch er es, der sich der SPD in schwieriger Lage zur Verfügung gestellt hat, als Matthias Platzeck vor zwei Jahren nicht mehr Vorsitzender sein konnte.

Und der Dank? Hinterfotzigkeiten in Berlin, die Machtbasis in Rheinland-Pfalz angekratzt. Und das ihm, "König Kurt".

Die Außensicht ist eine andere, auch in der Partei. Zu spüren zum Beispiel im bayerischen Landtagswahlkampf: Da hat die SPD einen Werbefilm gemacht, in dem Kurt Beck vorkommt. Er erscheint kurz im Bild. Dass sein Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier länger vorkommt, sogar ein paar Worte sagen darf, könnte man jetzt als kleinen Wink in der K-Frage deuten. Der Strudel würde sich weiter drehen. Aber vielleicht steckt auch gar nichts dahinter.

Viel interessanter ist die Tatsache, dass die Filmemacher von den bayerischen Genossen angewiesen wurden, Beck auf keinen Fall aus dem Film herauszuschneiden. Einfach so. Ohne dass dies überhaupt jemand beabsichtigt hätte.

Zwischen fürsorglicher Belagerung und Attacke: Bei den einen wird Kurt Beck umsorgt wie der kranke Mann der Sozialdemokratie, von anderen wird er hintenrum angegriffen. Aber Beck ist nicht der Typ, der entnervt hinwirft. Mit weiteren Befreiungsschlägen kann also gerechnet werden.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.