Beerdigung von Stasi-General Wolf CDU-Politiker attackiert russischen Botschafter

Bei der Beerdigung des früheren Chefs des Stasi-Auslandsgeheimdienstes, Markus Wolf, lobte der russische Botschafter Kotenev den Verstorbenen überschwänglich. Der CDU-Politiker Wimmer nennt dies in einem Brief an den deutschen Außenminister einen "unglaublichen Vorgang".

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Berlin - Vergangenes Wochenende auf dem Berliner Friedrichsfelder Zentralfriedhof: Kaum sind die ersten musikalischen Klänge in der Trauerhalle verklungen, tritt der russische Botschafter Vladimir Kotenev ans Mikrofon. Ohne Nennung seiner Funktion spricht der oberste Vertreter Russlands als erster Redner in allerwärmsten Worten über den früheren Chef der DDR-Auslandsspionage, Markus Wolf. Seine Rede gipfelt in dem Satz: "Deutschland hat einen seiner bedeutenden Söhne und Russland einen seiner besten Freunde in Deutschland verloren".

Beerdigung von Markus Wolf: "Einen seiner bedeutenden Söhne verloren"
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Beerdigung von Markus Wolf: "Einen seiner bedeutenden Söhne verloren"

Dem Vortrag des exzellent Deutsch sprechenden Botschafters, der SPIEGEL ONLINE in schriftlicher Fassung vorliegt, hören nicht nur die rund 100 Trauergäste in der Halle, sondern auch die weit über 1.000 zu, die auf dem Friedhof vor den Lautsprechern ausharren, darunter viele ehemalige Stasi-Mitarbeiter.

Dass ein russischer Botschafter den früheren Topmann der DDR-Staatssicherheit ehrt, ist ein ungewöhnlicher Akt. Er sicherte zumindest in den großen deutschen Medien eine breite Berichterstattung. Der CDU-Außenpolitiker und frühere Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Willy Wimmer (CDU), hält den Auftritt und den Inhalt der Rede des russischen Botschafters gar "für einen unglaublichen Vorgang". Wolf sei führender Vertreter des DDR-Geheimdienstes "und Unterdrückungsapparates" gewesen. Beides - Auftreten und den Inhalt der Ausführungen des Botschafters - machten deutlich, "wie die russische Föderation das demokratische Deutschland sieht oder zu sehen vorgibt", so der Christdemokrat in einem Brief an den deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

In dem Schreiben fragt Wimmer: "Auf welcher Seite steht nach der Rede des Herrn Botschafters das Land, das er zu vertreten vorgibt". Das Auswärtige Amt bestätigte am Mittwoch gegenüber SPIEGEL ONLINE den Eingang des Briefes und erklärte, er werde in den kommenden Tagen beantwortet.

Enge Bindung an Russland

Markus Wolf hatte Zeit seines Lebens eine enge Bindung an Russland. Seine Familie - beide Eltern waren Kommunisten - war 1934 nach Moskau emigriert. Russlands Botschafter Kotenev kannte Wolf persönlich - noch am Tag vor seinem überraschenden Tod war der frühere Geheimdienstchef Gast bei einer russischen Kulturveranstaltung in der Botschaft unter den Linden gewesen.

Ungewöhnlich ist jedoch, dass ausgerechnet ein amtierender russsischer Botschafter Wolf ehrte - so wurde das Ereignis flugs zum Politikum. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, hatte bereits Anfang der Woche die Ansprache kritisiert. "Wer solch ein Signal sendet, muss sich nicht wundern, wenn angesichts der Menschenrechtslage in Russland die Spekulationen immer schlimmer werden", sagte Nooke der "Super Illu".

Kontenev hatte während der Trauerrede unter anderem auch erklärt, auch wenn es manche gebe, die versuchten, aus Markus Wolf eine dunkle Figur zu machen, so sei er ein Mensch gewesen, für den Freundschaft niemals ein leerer Begriff gewesen sei. In Anspielung auf dessen schnellen Tod - Wolf war am 9. November im Alter von 83 Jahren im Schlaf gestorben - zitierte Kotenev auch ein russisches Sprichwort: "Nur die, die reinen Herzens sind, verabschieden sich so aus dem Leben."

Was der Botschafter allerdings nicht erwähnte: Das Verhältnis Russlands zu Markus Wolf war zeitweise eingetrübt. Denn noch 1991 hatte das damalige Russland unter Präsident Boris Jelzin den früheren Stasi-Generaloberst, der nach der deutschen Einheit zunächst nach Österreich, dann nach Moskau gereist war, nicht im Lande behalten wollen. Wolf musste im Herbst 1991 in die Bundesrepublik zurückkehren, wurde kurzzeitig inhaftiert, stand in den folgenden Jahren mehrmals vor bundesdeutschen Gerichten. 1993 wurde er vom Oberlandesgericht Düsseldorf zu sechs Jahren Haft wegen Landesverrats verurteilt, das Urteil aber später vom Bundesgerichtshof aufgehoben. Am 27. Mai 1997 verurteilte ihn schließlich das OLG Düsseldorf wegen Freiheitsberaubung in vier Fällen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung.



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