Befreiung vom Nationalsozialismus Erinnerungen an die Hölle

In Berlin haben sich jüdische Veteranen der Roten Armee in einem Club zusammengetan. Die Feiern zum sechzigsten Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs bringen stolze, aber auch schreckliche Erlebnisse wieder in ihre von Armut geprägte Gegenwart.

Berlin - In der kurz nach dem Krieg erbauten Russischen Botschaft Unter den Linden entfaltet sich stalinistische Prunkarchitektur: Säulen aus poliertem Marmor, Kronleuchter, Samtvorhänge und Seidentapeten. Die 200 Alten, die sich im Konzertsaal versammelt haben, wirken mit ihren ausgebeulten Windjacken und abgeschabten Anzügen verloren in dem pompösen Ambiente.

Seine Exzellenz Wladimir Kotenew warnt vor Antisemitismus und Neo-Nazismus, dann bedankt er sich sich bei den Kriegsveteranen für ihre Verdienste um das Vaterland. Anschließend überreicht der Botschafter ihnen eine der Messing-Medaillen "60 Jahre des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg". Von einer jungen Frau bekommen sie noch eine rote Nelke dazu. Manche der Geehrten haben Tränen in den Augen.

Unter den Ausgezeichneten ist auch Rudolf Rosenberg vom Vorstand des "Clubs der Kriegsveteranen" in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. "Es ist schön", sagt Rosenberg anschließenden beim Buffet, "dass man uns nicht vergessen hat."

Seit elf Jahren gibt es den Club. Die jüdischen Veteranen treffen sich zweimal im Monat. Meist gibt es dann Vorträge; über das Judentum, deutsche Geschichte, zuletzt einen über Albert Einstein. Rosenberg ist mit 79 einer der jüngsten im Club, der älteste ist 101. Auch wenn die Reihen sich Jahr für Jahr mehr lichten, es sind noch 60 ehemalige Mitglieder von Kampfeinheiten dabei.

Der Sexshop ist pleite, es riecht nach Armut

Nach der Verleihung der Medaillen fährt Jakow Kolodizner vom Vorstand des Clubs wieder nach Hause in den Wedding. Nicht gerade das, was man sich unter einer schönen Wohngegend vorstellt: Der Sexshop an der Hauptstraße ist pleite, fast jede Wand im Viertel ist mit Graffiti überzogen. Im Treppenaufgang des heruntergekommenen Hauses hängt der Geruch von gekochtem Kohl und Armut. Kolodizner lebt mit seiner Frau in einer 2-Zimmerwohnung.

Kolodizner erzählt, dass er 1922 in der Ukraine geboren wurde, in einem Städtchen namens Belaja Zerkow, 90 Kilometer südlich von Kiew, in dem viele Juden lebten. Doch die Bolschewiki ließen bald nach der Revolution die jüdischen Schulen und Synagogen schließen. "Wir haben zu Hause konspirativ den Sabbath gefeiert", erinnert er sich. "Damals hatten die Menschen zwei Gesichter."

Die Schrankwand im Wohnzimmer ist vollgestopft mit Büchern. Schon als Junge las Kolodizner in jeder freien Minute, auch Goethe, Schiller und Heine: Deutschland war für ihn ein Land der Kultur, doch als er im Radio von den antisemitischen Hetzreden von Hitler und Goebbels hörte, wurde dieses Bild erschüttert. "Wir Juden", erkannte er, "waren in der schlimmsten Lage."

Nachdem Hitler am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angreifen ließ, brachte der Geologie-Student als erstes seine Eltern nach Usbekistan in Sicherheit. Dann meldete er sich freiwillig zur Roten Armee - wie über eine Million Juden, die während des Krieges in der Roten Armee kämpften, auch in der Hoffnung endlich als vollwertiger Sowjetbürger anerkannt zu werden.

Kolodizner fand sich im Frühjahr 1942 im Artillerieregiment 822 der Division 300 bei der Zweiten Ukrainischen Front. Seine Division wurde von der Wehrmacht vor sich hergetrieben und von der Luftwaffe erbarmungslos bombardiert. Als die Deutschen zwei sowjetische Armeen einkesselten, fiel sein Bruder.

"Eine kleine Schraube"

"Der Mensch", so Kolodizners bitteres Resumee, "war eine kleine Schraube in einer riesigen Maschine. Es gab keine Gnade und kein menschliches Gefühl. Der Krieg war ein Fleischwolf." Seit Stalin im Juli 1942 den berühmten Befehl 227 ausgegeben hatte ("Kein einziger Schritt zurück."), wußten Kolodizner und seine Kameraden, dass in ihrem Rücken Spezialeinheiten des Geheimdienstes NKWD standen, die jeden, der seine Stellung ohne Befehl verließ, sofort erschossen.

Vor dem jungen jüdischen Artilleristen standen die Wehrmachtstruppen der 6. Armee. Sie hatten im Sommer und Herbst dem größten Teil Stalingrads erobert - bis die Rote Armee am 19. November zum Gegenangriff ansetzte. An die Stunden vor dieser kriegsentscheidenden Offensive erinnert sich Kolodizner wie an kaum eine andere Situation als Soldat. "Das war eine entsetzliche Nacht", sagt er. "Mein ganzes bisheriges Leben zog noch mal an mir vorbei. Ich war erst 20. Ich hatte noch kaum etwas von der Welt gesehen, ich hatte noch keine Frau geliebt. Gott, sagte ich, nur um ein Jahr möchte ich diesen Krieg überleben."

Den nächsten Tag überlebte er nur mit Glück. Kolodizners Zugführer fiel, sein Kompaniechef ebenfalls. Er selbst bekam einen Granatsplitter in den Rücken, der ein Stück Fleisch herausriß, und kam in ein Lazarett hinter der Front.

Nach seiner Genesung wurde Kolodizner zum Übersetzer ausgebildet und erlebte das Ende des Krieges im slowakischen Bratislawa. "Es war der glücklichste Tag meines Lebens", sagt er. "Was war ich für ein Glückspilz, dieses Inferno überlebt zu haben. Alles Schreckliche war in diesem Moment vergessen. Alles war hell und fröhlich."

Nachdem er im Rahmen einer Kampagne gegen "Kosmopolitismus", die sich vornehmlich gegen Juden richtete, 1948 aus Deutschland zurückbeordert wurde und auch nicht Jura studieren konnte, brachte er es in Kiew zum Hochschuldozenten für Spanisch und Deutsch.

"Wer in der Sowjetunion überlebt hat, kommt hier gut zurecht"

Nach Deutschland wanderte Kolodizner 1992 aus. Vor vier Jahren hat er auch die Staatsbürgerschaft des Landes angenommen, das er einst bekämpfte. Da er in seiner Heimat als Jude beständig diskriminiert wurde, fiel es ihm nicht schwer, Deutscher zu werden. Seine Söhne leben heute in Berlin und Australien. Sein größter Stolz ist seine Enkelin Polina, von der ein Farbfoto über dem Sofa hängt. Sie wurde für Deutschland dreifache Junioren-Tanz-Weltmeisterin.

Seine Frau Bella und er gehören zu den zwei Dritteln der jüdischen Veteranen in Berlin, die Akademiker sind. Gleichzeitig leben sie wie nahezu alle der einstigen Rotarmisten von der Sozialhilfe. Kolodizner weiß natürlich, dass er in der Ukraine höchstens einen zweistelligen Euro-Betrag als Rente bekommen würden. "Und wer diese Schule des Überlebens in der Sowjetunion absolviert hat", sagt er, "kommt hier mit Sozialhilfe sehr gut zurecht."

Die Ursache des zweiten, friedlichen Einmarschs der Roten Armee in Berlin ist die seit 1991 praktizierte Aufnahme von Juden aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten als Kontingentflüchtlinge. Rund 200.000 kamen seitdem; die allermeisten allerdings sprechen kaum Deutsch und wissen auch wenig über die jüdische Religion.

Dies zu ändern, hat sich Rudolf Rosenberg vorgenommen. "Wir wollen unsere Leute vor allem bei der Integration in das deutsche Leben und das Judentum unterstützen", sagt der promovierte Sprachpädagoge. Er spricht geschliffenes Deutsch, schließlich wurde er 1925 in Berlin geboren wurde, wo sein Vater im Scheunenviertel eine Schneiderwerkstatt betrieb.

"In die falsche Richtung emigriert"

Als er am 1. April 1933, dem Tag der ersten reichsweit organisierten Ausschreitungen gegen Juden, aus der Schule kam, beobachtete er, wie vier SA-Männer einen orthodoxen Juden einkreisten und ihm johlend den Bart abbrannten. "Und die Leute", sagt er, "standen drumrum und gafften nur."

Seine Familie flüchtete 1935 nach Leningrad, wo der Vater ursprünglich herkam. Doch der wurde schon zwei Jahre später als angeblicher deutscher Spion verhaftet und in ein Arbeitslager nach Sibirien geschickt, aus dem er erst 1953, nach dem Tod Stalins, freikam. "Wir sind in die falsche Richtung emigriert", sagt Rosenberg mit einem feinen, aber traurigen Lächeln.

Als Nazi-Deutschland die Sowjetunion überfiel, war es für den 16-Jährigen aber keine Frage, dass er sich freiwillig meldete. Er diente bei einem Stab für Befestigungsanlagen, der Vorratslager anlegte, und für den zu erwartenden Angriff Panzergräben aushub. Als die Wehrmacht Leningrad eingeschlossen hatte, um es auszuhungern, stand er nur drei Kilometer von der Front.

Ab September 1941 griff die Luftwaffe fast jeden Abend an. Die Lebensmittellager wurden in Brand geschossen und bald konnten gar nicht mehr alle Leichen begraben werden. Rund eine Million Menschen starben während der 900 Tage dauernden Belagerung in Leningrad. Rosenberg bekam zwar Typhus, doch er überlebte.

Aus der Höhle der Bestie stieg Rauch auf

Heute ist Rosenberg häufig im "Seniorentreff" im jüdischen Gemeindehaus zu finden, wo er zum Beispiel mit Ilja Fridmann Kriegserinnerungen austauscht.

"Ich bin mit meinem geliebten T-34 den ganzen Weg von Moskau nach Berlin gefahren; Minsk, Warschau, Lodz, Berlin", erzählt der 82 Jahre alte, in Odessa geborene Fridmann. "Am 2. Mai stießen wir zum Reichstag vor." Er hat seine Krücken an die Wand gestellt und schließt immer wieder die Augen, um die 60 Jahre alten Bilder zurückzuholen. Völlig zerstört war die "Höhle der faschistischen Bestie", wie Stalin den Bau gerne nannte; aus den geschwärzten Fensterhöhlen stieg der Rauch. "Aber plötzlich", so Fridmann, "wurde es ganz still."

Fridmann lehnt seinen kantigen, kahlen Kopf zurück. Das ist seine stärkste Erinnerung an das Ende des Kriegs in Berlin. Diese Stille. Nach all den Tagen und all den Nächten, in denen die Katschuschas geheult hatten, die Bomben und Granaten dumpf detonierten waren, die Sturmgewehre gerattert hatten, nach diesem infernalischen Lärm: Totenstille. Bei der Moltkebrücke, die gleich nördlich des Reichstages über die Spree führt, hängten Deutsche weiße Tücher aus den Fenstern. "Hitler kaputt", riefen sie dabei. "Als wir begriffen, dass wir lebend wieder aus der Hölle herausgekommen waren", sagt Fridmann, "haben wir ganz schön einen getrunken."

Rosenberg war am 9. Mai 1945 so betrunken war, dass er den Weg in seine Wohnung nicht mehr fand. "Es war ein ungeheures Glücksgefühl. Endlich waren die Nazis geschlagen."

Bilder, die man nicht vergisst

Fridmann lebt sein 1998 in Berlin, zusammen mit seiner Frau Sara in einer kleinen Sozialwohnung in Kreuzberg. Als ihn Rudolf Rosenberg dort besucht, läuft im Fernseher ein russisches Programm. Der ehemalige Panzerfahrer zeigt uns abgegriffene Urkunden, die mit dem Konterfei von Stalin geziert sind: Eine Dankesurkunde für das Vordringen nach Brandenburg vom 31. Januar 1945; eine vom 23. April 1945 für den Durchbruch nach Berlin und schließlich noch eine für die Eroberung Berlins.

Was die Urkunden verschweigen, sind seine schrecklichen Erinnerungen, etwa die an die Schlacht um die Seelower Höhen, in der mehr als 30.000 Rotarmisten fielen. "Aber wenn man jung ist", sagt Fridmann, "hat man keine Angst." Doch eingebrannt hat sich ihm die Szene, wie ein anderer Panzer einen Volltreffer in den Tank bekam und die Besatzung, darunter eine Frau, zwar noch herauskamen, aber als lebende Fackeln. "

Der ehemalige Panzerfahrer holt schließlich seine Jacke mit den Orden aus dem Schrank. Rund zwanzig Medaillen beulen das Jackett nach vorne aus. "Drei Rote-Stern-Orden für Auszeichnungen im Kampf. Das ist wirklich selten", stellt Rosenberg zufrieden fest. "Ein besonders tapferer Soldat."

"Ilja, wenn das nächste runde Jubiläum gefeiert wird, in zehn Jahren", meint Rosenberg, "werden nicht mehr viele von uns da sein." - "Zum Teufel, nein!", antwortet Fridmann. "Wir halten noch durch."