Bericht einer Neonazi-Aussteigerin "Als wäre der Führer mein Onkel"

20 Jahre lang gehörte sie zur Elite der rechten Szene - dann floh sie und änderte ihre Identität. SPIEGEL ONLINE hat die Neonazi-Aussteigerin jetzt getroffen. Sie berichtet über ihr Leben in Verblendung und die Angst vor den rechten Rächern.

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Hamburg - Die Frau sitzt auf einer entlegenen Bank im Park. Nur wenige Passanten gehen vorbei. Sie trägt die weiße Mütze, die sie bei Fototerminen immer trägt, dazu eine Sonnenbrille. Ihre Vermummung, sagt sie, sei Selbstschutz. Sie fühlt sich verfolgt. "Wenn meine ehemaligen Kameraden mich zu fassen kriegen, ist vielleicht mein Leben in Gefahr. Meine Kinder würden wahrscheinlich entführt."

Neonazi-Aussteigerin Wolf: "Bekämen die mich zu fassen, wäre vielleicht mein Leben in Gefahr"
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Neonazi-Aussteigerin Wolf: "Bekämen die mich zu fassen, wäre vielleicht mein Leben in Gefahr"

20 Jahre verkehrte Katja Wolf* in den höchsten Zirkeln der rechten Szene. Wer sie beschreibt, muss gewisse Regeln befolgen: keine Namen. Keine Fotos ohne Vermummung. Keine Beschreibung markanter Personenmerkmale. Das Treffen mit ihr arrangiert ein Mittelsmann.

An den Tag ihrer Flucht erinnert sie sich noch genau: Es war ein warmer Morgen, Anfang Mai 2005, der Himmel leuchtete blau und wolkenfrei über ihrem Bauernhof, den sie verlassen wollte. Sie hatte alles gut vorbereitet, die Pferde verkauft, die Koppel abbauen lassen. Vor einigen Tagen waren die Schweine geschlachtet worden. Jetzt war es still auf dem Gut.

"Mit jeder Minute wurde ich nervöser", erinnert sich Katja. "Seit Stunden war der Umzugswagen überfällig. Während meine Kinder und ich warteten, filzten Polizisten bei meinem Ex-Mann das Haus." Katja hatte den mehrfach vorbestraften ehemaligen Landesvorsitzenden der FAP persönlich angezeigt, jetzt rannte ihr die Zeit davon. "Ich fragte mich, wer wohl zuerst auf unserem Hof vorfährt", erzählt sie. "Der Umzugswagen? Oder ein Rachetrupp der Neonazis?"

Katja sagt, sie habe lange im Hof gestanden und nach Motorengeräuschen gehorcht. Doch da war nichts. Nur Stille.

"Von dir Jüdin lass' ich mich nicht unterrichten"

Katja spricht auffallend sanft, ihre Bewegungen strahlen Ruhe aus. "Wenn man so will", sagt sie, "wurde ich schon als Neonazi geboren." Erzogen habe sie hauptsächlich ihr Großvater. "Als alter Wehrmachtssoldat schilderte er mir den Krieg in schillernden Farben. Stundenlang erklärte er mir, warum die Juden böse sind und woran man sie erkennt."

Doch Großvater redete nicht nur. "Manchmal musste ich mit einem schweren Rucksack durch die Berge marschieren", sagt Katja. "Er trieb mich, bis mir die Füße bluteten." Dabei erzählte er immer wieder vom Krieg. "Bald kam es mir so vor, als wäre der Führer mein Onkel."

Mit 13 trug sie Doc Martens und Bomberjacke. Ihr Hinterkopf war rasiert, ihr Pony stand nach oben. Sie verteilte Hakenkreuz-Aufkleber auf dem Pausenhof. Und sie war Mitglied der später verbotenen "Wiking-Jugend".

Mit 16 beschimpfte sie vor versammelter Klasse ihre Religionslehrerin: "Von dir Jüdin lass' ich mich nicht unterrichten!" Seelenruhig habe sie das gesagt, erinnert sich Katja, den Moment regelrecht ausgekostet. "In mir brodelte eine nie enden wollende Wut", erzählt sie. "Ich hatte das Gefühl, ich müsste den Kampf meines Großvaters weiterführen."

Nach dem Streit mit der Religionslehrerin flog Katja von der Schule. Sie wurde von ihrer Mutter in ein geschlossenes Heim gesteckt, aus dem sie bald wieder floh. "In der Abenddämmerung kletterte ich über die hohe Heimmauer", erinnert sie sich. Auf der anderen Seite warteten ihre Kameraden mit dem Auto. "Als wir losfuhren, wusste ich: Jetzt gibt es kein Zurück."

"Runenkekse" zu Weihnachten

Schon mit 16 war so für Katja die Flucht der Normalzustand. "Alle paar Tage wechselte ich die Wohnung", berichtet sie. "Wildfremde Menschen gewährten mir Unterschlupf. Manchmal waren es Rentner, manchmal junge Pärchen, die den ganzen Tag in SA-Uniformen rumliefen."

Der Neonazi-Kader habe sie schon zu dieser Zeit geschützt. "Erhard Kemper versprach mir damals, mich ins Ausland zu bringen, sollte es für mich brenzlig werden", erzählt Katja. Nach dem Versprechen des mehrfach vorbestraften Holocaust-Leugners habe sie sich "sehr sicher gefühlt".

Für Katja begann ein Leben in rechtsextremer Hermetik. An Hitlers Geburtstag saß sie mit Kameraden in der Stube und las laut aus "Mein Kampf". Dazu gab es Lachshäppchen und Sekt. An Hitlers Geburtstag heiratete sie auch den Mann, vor dem sie 2005 fliehen sollte. Mit ihm hatte sie mehrere Kinder, für jedes gab es vom Kader Geld, "Wurfprämien", wie Katja sagt.

Weihnachten backte sie mit ihren Kindern "Runenkekse", sang "urdeutsche Weihnachtslieder" ohne Maria und Jesus. Dann holte sie ihre eigene Mutter in die Szene. "Es dauerte nicht lange, da trug sie 'White Power'-Shirts", erzählt Katja. "Bald darauf war sie mit Erhard Kemper zusammen.

Wir waren jetzt eine Neonazi-Großfamilie."


* Name von der Redaktion geändert.



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Seite 1
Langsam, 27.05.2008
1. Geheimhaltung
Zitat von sysop20 Jahre lang gehörte sie zur Elite der rechten Szene - dann floh sie und änderte ihre Identität. SPIEGEL ONLINE hat eine einst hochrangige Neonazi-Aussteigerin getroffen. Sie berichtet über ihr Leben in Verblendung und die Angst vor den rechten Rächern. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,544643,00.html
Das ist ja absolut lächerlich, die Frau wird zwei Mal auf einem Foto so gezeigt, dass jeder Bekannte sie sofort erkennen muss, und im Artikel wird verschwörerisch geraunt:
Hercules Rockefeller, 27.05.2008
2. Langweilig
Nazigruselgeschichten werden auch immer fader. Eine braune Wuchtbrumme, die vom Ehemann vertrimmt wird. Ohne Nazispleen eine Geschichte, wie sie leider etliche Male pro Jahr vorkommt. Solche Geschichten finden sich ohne Naziopa in der Biographie in allen Frauenhäusern der Republik.
Stefan Albrecht, 27.05.2008
3. Erschreckend
Zitat von sysop20 Jahre lang gehörte sie zur Elite der rechten Szene - dann floh sie und änderte ihre Identität. SPIEGEL ONLINE hat eine einst hochrangige Neonazi-Aussteigerin getroffen. Sie berichtet über ihr Leben in Verblendung und die Angst vor den rechten Rächern. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,544643,00.html
Es ist schlicht und einfach erschreckend, wie mächtig die Rechtsradikalen sind. Ihre Macht schöpfen sie aus der oft verdeckten Tollerierung ihrer Hassparolen ähnlich denkender aber sich nicht öffentlich erklärender "braver Mitbürger". Man kann diese aber an bestimmten dummen Sprüchen erkennen und der Artikel lehrt, daß man diesen "braven Mitbürgern" mit null Tolleranz begegnen muß und ihnen sofort klar machen, daß man ihre dummen Sprüche nie mehr hören will, unmissverständlich. Nur so kann man den Rechtsradikalen das Wasser abgraben. Es ist sehr anstrengend aber unausweichlich, Zivilcourage zu zeigen.
sam clemens, 27.05.2008
4. Was soll man dazu sagen?
Diese "Lebensbeichte" an sich ist uninteressant, denn dort, wo Klarheit nötig wäre, bleibt die Darstellung (sicher notwendigerweise) im Ungewissen. Was kann denn die Frau über Pastörs usw. berichten? Was weiß sie denn über die Neonazi-Netzwerke? Gibt es wirklich Verbindungen zur rechtskonservativen Szene? Alles das und vieles mehr würde mich interessieren - viel mehr als das, was eine Neonazi-Aussteigerin persönlich empfindet.
bestoff5, 27.05.2008
5. Elite
Was für eine Elite?Hochrangig?So viel Mist auf einmal habe ich selten gelesen.Da gibt es keine Elite,das sind Hohlköpfe!
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