Bericht über Ausländer in Deutschland Zuwanderung nur aus dem Kreißsaal

Der hitzigen Debatte über das Zuwanderungsgesetz stehen nüchterne Zahlen gegenüber. Kaum jemand wandert nach Deutschland ein. Und die meisten Ausländer sind längst Einheimische.


Kaum Zuwanderung in Deutschland
DDP

Kaum Zuwanderung in Deutschland

Berlin - Die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer hat sich im Jahr 2000 nur leicht um 86.000 erhöht. Das entspricht einem fast unveränderten Anteil von 8,9 Prozent der Gesamtbevölkerung, wie aus dem am Mittwoch in Berlin veröffentlichten Bericht zur Lebenssituation von Ausländern in Deutschland hervorgeht. Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck (Grüne), bezeichnete die Zahl im europäischen Vergleich zwar als hoch, machte aber die im Vergleich lange Zeit restriktive Einbürgerungspraxis dafür verantwortlich. Angesichts jahrzehntelanger Aufenthalte kam sie zu der Einschätzung: "Die meisten Ausländer sind längst Einheimische."

Beck rechnete vor, dass ein Drittel der Ausländer länger als zwanzig Jahre, über die Hälfte länger als zehn Jahre in Deutschland lebt. Allein 1,6 Millionen Kinder seien im Inland als Ausländer geboren. "Unsere Zuwanderung hat lange Zeit im Kreißsaal stattgefunden", monierte Beck. Mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts am 1. Januar 2000, nach dem in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern einen deutschen Pass erhalten können, habe sich die Statistik leicht verbessert.

Insgesamt lebten Ende 2000 in Deutschland fast 7,3 Millionen Ausländer bei einer Gesamtbevölkerung von 82 Millionen. Doch wegen der geringen Nettozuwanderung und der um 30 Prozent gestiegenen Zahl der Einbürgerungen sank der statistische Ausländeranteil um - wie Beck formulierte - "gesellschaftlich unbedeutende" 0,6 Prozent. Den größten Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung machten mit zwei Millionen oder 27,4 Prozent die Türken aus. Auf rund 660.000 oder 9,1 Prozent kamen jugoslawische Staatsangehörige. 25,7 Prozent aller im Bundesgebiet lebenden Ausländer sind EU-Bürger.

Zugereist sind im Jahre 2000 knapp 650.000 Migranten. Davon ist laut Bericht jedoch ein großer Teil als Saisonarbeiter und Werkvertragsarbeiter zu verbuchen, die oft nur wenige Wochen bleiben. Nach Abzug der Fortzüge von rund 562.000 Einwanderern bleibt unter dem Strich ein positiver Wanderungssaldo von 86.000. Beck machte darauf aufmerksam, dass ohne Zuwanderung die Bevölkerung Deutschlands von heute 82 Millionen auf 59 Millionen Einwohner 2050 schrumpfen würde. Pure Begrenzung, wie die Union sie im geplanten Einwanderungsrecht festschreiben will, "wäre ein gesellschaftspolitischer Bärendienst, der die mittel- und langfristigen Entwicklungen ignoriert".

"Diskussion alt und ideologisch"

Wenn die Politik bereit wäre, wahrheitsgemäß zu agieren, käme es zu einer starken Verschiebung der aktuellen Debatte", sagte Beck. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit sei es zwar verständlich, dass die Bevölkerung teilweise besorgt auf Zuwanderung reagiert, meinte Beck. Die Politik dürfe dies jedoch nicht missbrauchen: "Das Zuwanderungsgesetz darf nicht zum Wahlkampfthema werden."

Die Diskussion werde in vielen Punkten unsachlich geführt, wie zum Beispiel beim Kindernachzug. "Dabei ist diese Auseinandersetzung genauso alt wie ideologisch", sagte Beck. Von den 708.100 Kindern der derzeit in Deutschland lebenden Türken seien gerade mal noch ein Prozent oder 7392 Kinder in der Türkei.

Arbeitslosenquote bei Ausländern sinkt leicht

Die Zahl der Arbeitslosen unter den Ausländern ging in den westlichen Bundesländern laut Bericht im Jahr 2000 von 18,4 auf 16,4 Prozent zurück, war damit aber immer noch um 110,3 Prozent höher als die durchschnittliche Arbeitslosenquote im westlichen Bundesgebiet. Hinsichtlich der jüngst debattierten Frage, ob angesichts allgemein gestiegener Arbeitslosenzahlen überhaupt Einwanderung gebraucht werde, wies Beck darauf hin, dass durch die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte zusätzliche Beschäftigungschancen für Einheimische entstünden.

71 Prozent aller Ausländer leben in den vier Flächenländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Dabei leben fast doppelt so viele Einwanderer in den großen Städten als auf dem Land. In den neuen Bundesländern liegen die Ausländeranteile laut Statistik um die zwei Prozent.



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