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Zahlen aus dem Einheitsbericht: Der Osten altert und wandert ab

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Bericht zum Stand der Einheit Kluft zwischen Ost und West wird tiefer

Abwanderung, Überalterung, Arbeitslosigkeit: Zwischen Ost- und Westdeutschland klaffen weiter große Unterschiede. Das geht aus dem aktuellen "Bericht zum Stand der Deutschen Einheit" hervor. In seiner wirtschaftlichen Entwicklung fällt der Osten sogar wieder leicht zurück.

Berlin - Ostdeutschland ist noch immer weit davon entfernt, sich in seinen Lebensverhältnissen dem Westen anzugleichen. Das bestätigt der Bericht zum Stand der deutschen Einheit, den Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) am Mittwoch vorstellte. Demnach hat Ostdeutschland auch 23 Jahre nach dem Mauerfall weiter erheblichen Aufholbedarf gegenüber dem Westen. Und damit nicht genug: Der Osten fiel in Sachen Wirtschaftskraft zuletzt sogar wieder unter sein einstiges Niveau zurück.

  • Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner lag demnach im Jahr 2011 im Osten bei 71 Prozent des westdeutschen Niveaus. Im Vorjahr waren es noch etwa 73 Prozent. Auch die Produktivität liegt bei 80 Prozent von der im Westen. Als Ursache für die wirtschaftliche Schwäche wird unter anderem das Fehlen großer Konzerne aufgeführt.
  • Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln unterstreichen das Bild: Danach wuchs die Wirtschaft in Ostdeutschland im ersten Halbjahr dieses Jahres um knapp 0,5 Prozent . In Westdeutschland hingegen legte sie um durchschnittlich 1,2 Prozent zu.
  • Dem Bericht zufolge sind die Haushaltseinkommen in Ostdeutschland ein Fünftel niedriger als die im Westen. Bei der Kaufkraft liegen Thüringen, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt 16 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt.
  • Der Bevölkerungsrückgang prägt Ostdeutschland nachhaltig: Im Zeitraum 1990 bis 2008 nahm die Bevölkerung in Ostdeutschland um 11,7 Prozent ab. "Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen", so der Bericht. Von 2008 bis 2030 werde die Zahl der Neugeborenen in Deutschland insgesamt zurückgehen. In den alten Bundesländern um etwa zehn Prozent - in den neuen Bundesländern aber um mehr als ein Drittel. Nur wenige Regionen in Europa, seien "so stark vom demografischen Wandel betroffen" wie der ländliche Osten - vor allem Thüringen und Sachsen-Anhalt.
  • Damit einher geht ein klarer Trend zur Überalterung: In den ostdeutschen Ländern werde der Anteil von Über-65-Jährigen von 23 Prozent im Jahr 2008 auf 35 Prozent im Jahr 2030 wachsen. "Jeder dritte Einwohner im Osten wird dann über 65 Jahre sein", heißt es weiter. Die für den Arbeitsmarkt relevante Altersgruppe der 20- bis 65-Jährigen werde im selben Zeitraum von 62 Prozent auf voraussichtlich 51 Prozent abnehmen.
  • Immerhin entspannte sich zuletzt die Gesamtsituation am Arbeitsmarkt: Erwerbstätigkeit und die Zahl sozialversicherungspflichtiger Jobs stiegen weiter an, so der Bericht. Insgesamt habe sich der Arbeitsmarkt "in den letzten Jahren erfreulich entwickelt". Seit 2005 klettere die Beschäftigung in Ostdeutschland kontinuierlich. Die Arbeitslosenquote im Osten betrug 2011 durchschnittlich 11,3 Prozent - das ist der bislang niedrigste Stand seit der Wiedervereinigung.
  • Insgesamt ist die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland im Durchschnitt aber noch immer knapp doppelt so hoch wie in den westlichen Bundesländern. Zudem gibt es bei der Beschäftigung deutliche regionale Unterschiede: Während in manchen Städten wie Jena, Potsdam oder Dresden die Arbeitslosenquote unter zehn Prozent liegt, verzeichnen andere Städte wie Magdeburg oder Leipzig eine höhere Quote.
  • Das Rentenniveau wird zeitnah nicht auf West-Standard angehoben, das legt der Bericht nahe. Friedrich bestätigte am Mittwoch, eine Anhebung der Renten werde man nicht gegen den Willen der Landesregierungen in Ostdeutschland durchsetzen - und dort gebe es bislang keine einheitliche Haltung. Der Minister bekannte sich ausdrücklich zur Angleichung der Rentensysteme, die im schwarz-gelben Koalitionsvertrag vereinbart wurde. Linken-Chef Bernd Riexinger drohte prompt, die Ost-Rente zum Wahlkampfthema zu machen: "Die Bundestagswahl wird im Osten eine Abstimmung über die Renteneinheit".

In einigen Bereichen sind auch Fortschritte und positive Entwicklungen zu verzeichnen: Der Bericht bescheinigt dem Osten zum Beispiel hervorragende Bedingungen für Forschung und Wissenschaft. "Die gute Infrastruktur spiegelt sich auch in der Qualität der Forschungsergebnisse und Innovationsleistungen wieder, bei denen der Osten dem Westen in nichts mehr nachsteht", heißt es.

Auch habe sich die Lebenserwartung in Ost- und Westdeutschland weiter angenähert. Frauen leben in Ost- wie Westdeutschland mittlerweile fast gleich lang, nämlich gut 82 Jahre. Allerdings haben die ostdeutschen Männer (76,43 Jahre) die Lebenserwartung ihrer Geschlechtsgenossen im Westen Deutschlands (77,76 Jahren) noch nicht ganz erreicht.

Die ostdeutschen Flächenländer hätten in den vergangenen Jahren ihre Haushalte zudem fleißig konsolidiert. "Die ostdeutschen Flächenländer und ihre Gemeinden konnten in den Jahren 2006 bis 2009 Haushaltsüberschüsse erzielen und weisen im Jahr 2010 nur ein geringes Defizit auf", so der Bericht. Der Schuldenstand sei seit 2005 stetig abgebaut worden.

Auch in der Kinderbetreuung sei der Osten weiter Vorreiter: In Ostdeutschland sei im Jahr 2010 fast jedes zweite Kind in einer Kita oder durch eine Tagespflegeperson betreut worden, in Westdeutschland nur jedes fünfte Kind.

Und auch das Problem der Abwanderung müsse man differenziert sehen, mahnt der Bericht. Zumindest in einigen Regionen kehre sich der Trend um , "aktuellen Befragungen zufolge erwägen nicht wenige Ostdeutsche, wieder zurück in ihre Heimat-Region zu kehren", heißt es. "Hiervon könnten einige Städte profitieren", resümiert das Papier.

Die Bundesregierung legt seit 1997 jedes Jahr einen Bericht zum Stand der deutschen Einheit vor (hier können Sie ihn ausführlich nachlesen). 2019 sollen die Milliardenhilfen des Solidarpakts II für den Osten auslaufen.

amz/dpa
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