Berlin-Brandenburg Preußens Comeback?

Der Vorschlag des Brandenburger Sozialministers Alwin Ziel (SPD), das geplante gemeinsame Bundesland Berlin-Brandenburg als "Preußen" zu benennen, wird von Politikern und Intellektuellen teils mit Stirnrunzeln, teils mit Zustimmung honoriert.


Otto von Bismarck war von 1867 bis 1871 Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes, nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 wurde er der "Eiserne Kanzler"
DPA

Otto von Bismarck war von 1867 bis 1871 Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes, nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 wurde er der "Eiserne Kanzler"

Potsdam - Ein Sprecher des Ministeriums hatte am Donnerstag den Vorschlag von Sozialminister Ziel, das geplante gemeinsame Bundesland Berlin-Brandenburg als "Preußen" zu benennen, so begründet: "Die beiden Länder sind alte preußische Kernländer, daher würde sich der Name eignen." Preußens geistige Tradition sei vor allem die Toleranz gewesen, erklärte Sprecher Peter Winkelmann weiter. So hätten beispielsweise Europas Verfolgte - wie etwa die Hugenotten, Böhmen und Niederländer - in Preußen eine Heimat gefunden. Zudem stehe Preußen für den Begriff des Gemeinwohls eines Volkes: "Friedrich der Große sah sich selbst als Erster Diener seines Staates - eine fortschrittliche Einstellung."

Bei Politikern und Intellektuellen stieß der Vorschlag auf Verwunderung. Wie die "FAZ" auf ihren "Berliner Seiten" schreibt, sagte Staatsminister Julian Nida-Rümelin, der Name Preußen könnte falsche Assoziationen in Deutschland und im Ausland wecken - vor allem wegen der preußischen Geschichte vor und während des Dritten Reiches. Berlins Wirtschaftssenator Gregor Gysi nannte den Vorschlag im gleichen Blatt "historisch-politisch schwer daneben. In Berlin haben wir zurzeit andere Sorgen als Namensgebungsakte für Kinder, deren Geburt noch nicht in Sicht ist." Mit der Meinung steht Gysi nicht alleine: Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister und Landesvorsitzender der CDU, Eberhard Diepgen, sagte: "Für ein Bundesland Berlin-Brandenburg ist der Name Preußen doch wohl eine Schuhnummer zu groß".

Autor Wolf Jobst Siedler nannte den Vorschlag dagegen eine "reizende romantische Idee, die aber weder etwas von Geschichte noch von Realität versteht. Wenn man zwei Hungerleider zusammenschließt, wird daraus kein modernes Preußen." "Auf Anhieb nachvollziehbar", nannte der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger gegenüber der "FAZ" die Idee und führte aus: "Man könnte es auch 'Kleinpreußen' nennen, zurück zu den Anfängen sozusagen." Interessant sei natürlich auch die Frage: "Was sagt der Alliierte Kontrollrat dazu? Aber der hat ja keine Adresse mehr in Berlin und kann somit leider gar nicht mehr befragt werden."

CDU-Bundestagskandidat Graf Carl-Eduard von Bismarck und Ur-Urenkel des deutschen Reichsgründers, nannte gegenüber demselbem Blatt den Vorschlag "überhaupt nicht absurd". Schließlich hätten auch andere deutsche Bundesländer historische Namen übernommen. Auch CSU-Politiker Peter Gauweiler nannte Ziels Vorschlag "überhaupt nicht so abwegig, wie er auf den ersten Moment wirken mag". Preußen sei längst rehabilitiert worden. Zudem hätte die Auflösung Preußens durch die Alliierten auch jeden anderen deutschen Staat treffen können. "Preußen war ein aufgeklärter, fortschrittlicher Rechtsstaat. Nicht umsonst sagte Franz Josef Strauß stets: 'Im Zweifel müssen wir Bayern die letzten Preußen sein!' Damit berief er sich nicht etwa auf Imperialismus oder Ähnliches, sondern auf die stolzen preußischen Tugenden, die zum Beispiel bei den Widerstandskämpfern des 20. Juli sehr ausgeprägt waren."



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