Streit über Gedenken Die dunkle Geschichte der Präsidentenvilla

Als die Nazis kamen, musste der jüdische Fabrikant Hugo Heymann seine Villa in Berlin verkaufen. Bald wird Bundespräsident Steinmeier in das Haus ziehen - und verspricht ein "angemessenes Gedenken". Warum erst jetzt?
Dienstvilla des Bundespräsidenten

Dienstvilla des Bundespräsidenten

Foto: Jörg Carstensen;Peter Steffen/ picture alliance / dpa

Es ist erst wenige Tage her, dass Joachim Gauck die Dienstvilla des Bundespräsidenten in Berlin-Dahlem verlassen hat. Das herrschaftliche Gebäude in der Pücklerstraße 14 - 150 Quadratmeter Wohnung, 215 Quadratmeter für Empfänge - steht seither leer.

Handwerker gehen ein und aus. Bis Ende des Jahres, sagt die Sprecherin des Bundespräsidialamts, will Frank-Walter Steinmeier dort einziehen, seit März als Gauck-Nachfolger der erste Mann im Staat.

Debatte über die Geschichte

Steinmeier muss sich nicht nur damit beschäftigen, wohin er Möbel rückt und welche Gardinen er aufhängt. In diesen Tagen ist eine Debatte um die Geschichte des Hauses entbrannt und darum, wie der Bundespräsident damit umgeht.

Hintergrund sind Erkenntnisse von Historikern, wonach ein jüdischer Vorbesitzer die Villa 1933 nur wenige Tage nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verkauft hat - in einer Notlage.

Erstmals schaltet sich Steinmeier nun selbst in die Debatte ein. Dem SPIEGEL sagte er: "Bevor ich als neuer Bundespräsident die Wohnung in der Dienstvilla nutze, werde ich sicherstellen, dass eine Verständigung über ein angemessenes Gedenken hergestellt ist."

Spätestens Ende des Jahres sollte demnach eine Entscheidung fallen. Es geht demnach nicht um das Ob - sondern um das Wie. Steinmeier sagte, er halte ein angemessenes Gedenken "ausdrücklich für angebracht". Sein Amt sei in Gesprächen mit dem Zentralrat der Juden, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stolperstein-Initiative.

Die Stolperstein-Initiative hatte den Fall maßgeblich in Bewegung gebracht. Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Seit 1992 stellt er die Gedenksteine her, in die Namen von Nazi-Opfern eingraviert werden. In Gehwege eingelassen werden die Steine vor dem letzten frei gewählten Wohnort der Opfer. Eine Entscheidung über die Standorte treffen lokale Initiativen, die auch Vorschläge erhalten und prüfen.

Im Fall der Dienstvilla meldete sich Anfang 2014 der Historiker Julien Reitzenstein im Bundespräsidialamt und überraschte die Beamten mit seinen Forschungen. Besitzer der Villa, so Reitzenstein, sei bis 1933 der wohlhabende jüdische Perlenfabrikant Hugo Heymann gewesen. Das Anwesen habe er unter Wert an den Nazi-Verleger Waldemar Gerber verkaufen müssen, um das Land möglichst schnell zu verlassen. Die Emigration sei Heymann aber nicht gelungen, 1938 sei er nach Gestapo-Folter gestorben.

"Bis zu dem Gespräch war dem Bundespräsidialamt vom Schicksal des früheren jüdischen Besitzers nichts bekannt", sagt Steinmeiers Sprecherin. Reitzenstein habe Gauck um ein Vorwort gebeten für das Buch, in dem der Historiker am Rande auch die Informationen über die Villa veröffentlichen wollte. Gauck habe die Bitte gemäß der üblichen Gepflogenheiten abgelehnt.

Ein Stolperstein vor der Villa?

Reitzenstein regte darüber hinaus beim Präsidialamt Stolpersteine vor der Villa an. Dafür wandte er sich auch an die örtliche Stolperstein-Initiative. Die wiederum nahm, so berichtet es Steinmeiers Sprecherin, im Juni 2015 mit dem Amt Kontakt auf. Sie informierte über die geplante Verlegung der Stolpersteine und bat um eine Teilnahme des Bundespräsidenten an der Verlegungsveranstaltung.

Gauck sagte nicht zu, fasste aber den Entschluss, ein eigenes Gutachten in Auftrag zu geben, um sich ein genaueres Bild zu machen. Warum zwischen der Vorsprache Reitzensteins und der Anfrage der Initiative anderthalb Jahre verstrichen waren, ohne dass das Präsidialamt etwas unternahm, konnte die Sprecherin nicht sagen.

Reitzenstein nennt das Verhalten des Bundespräsidialamts "zögerlich". Die Verlegung der Stolpersteine sei "nach einem Dialog zwischen der Stolperstein-Initiative und dem Bundespräsidialamt" abgesagt worden.

Ein Sprecher der Initiative sagte dem SPIEGEL, man habe bewusst von einer Verlegung abgesehen. "Es gab Zweifel, ob die Villa der letzte frei gewählte Wohnort des Ehepaars war." Man habe eine eigene Prüfung in die Wege geleitet. Eine Entscheidung stehe noch aus.

Neues Gutachten liegt vor

Für das Bundespräsidialamt untersuchte der renommierte NS-Forscher Michael Wildt das Schicksal des jüdischen Vorbesitzers. Seit dem 6. Dezember 2016 liegt das 78-seitige Werk dem Bundespräsidialamt vor. Im Zuge der Debatte wird es jetzt veröffentlicht.

Fest steht demnach: Hugo Heymann kaufte das Anwesen 1926 für 150.000 Goldmark, bekam beim Verkauf aber nur noch 86.000 Reichsmark. Ein Verlust von mehr als 40 Prozent. Die Hintergründe des Verkaufs, schreibt Wild, seien nicht eindeutig zu klären - trotz der Aussage von Heymanns Witwe nach dem Krieg vor Gericht, wo sie vergeblich versuchte, die Rückerstattung der Villa durchzusetzen.

"Der Erwerber Gerber hatte die Veräußerung sowohl angeregt und dringend nahegelegt, weil das Grundstück in der Hand eines Juden nicht zu halten sein würde", gab Maria Heymann, die später Kaps hieß, damals zu Protokoll. "Ebenso sehr waren die Verkaufsverhandlungen dann nur unter heftigen Auseinandersetzungen möglich."

Heymann musste verkaufen, weil er Jude war - und nur deshalb habe Käufer Gerber den Preis drücken können. So stellte es Heymanns Witwe dar. Käufer Gerber widersprach. Wildt schreibt, die Äußerungen seien auf beiden Seiten interessengebunden gewesen, immerhin sei es um die Erstattung hoher Vermögen gegangen.

Umzug nach Wilmersdorf

Wildt kommt zu dem Ergebnis, der Wertverlust sei "nicht darauf zurückzuführen, dass Heymann als Jude erpressbar war". Der Immobilienmarkt sei in Zeiten der Weltwirtschaftskrise am Boden gewesen. Villen für mehr als 100.000 Reichsmark waren demnach Anfang 1933 in Dahlem "schlicht unverkäuflich".

"Es ist also nicht der erzielte Verkaufspreis, der auf eine Diskriminierung des jüdischen Verkäufers Hugo Heymann verweist, sondern die Tatsache, dass Heymann sich überhaupt genötigt sah, die Villa trotz der ungünstigen Lage am Immobilienmarkt zu verkaufen", schreibt Wildt. Angesichts der politischen Verhältnisse habe Heymann nicht warten können.

Das Paar zieht nach dem Verkauf in eine Acht-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Wilmersdorf. In den folgenden Jahren verkauft Heymann weiteren Besitz, seine Fabrik, Immobilien. Am 5. Juni 1938 ist Heymann tot. Offenbar wenige Tage nach dem letzten Gestapo-Verhör.