Berlin Die Kanzler-Hüpfburg

Keine Panik auf der Titanic: Zehntausende strömten und strömen am Tag der offenen Tür in das Berliner Kanzleramt. Das Wahlvolk vergnügt sich noch einmal bei Bratwurst, Cola und Tanzmusik, als würde die Freizeit bald rationiert. In drei Wochen ist vielleicht alles vorbei.

Von Jens Todt und


Hüpfburg vor Kanzleramt: Nichts von Wahlfieber zu spüren
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Hüpfburg vor Kanzleramt: Nichts von Wahlfieber zu spüren

Der ältere Herr aus Regensburg will seinen Kanzler noch mal sehen, so lange es ihn noch gibt. "Sehr eindrucksvoll", lobt er das Spektakel in Tiergarten, "ich hätte nicht gedacht, dass das hier so locker ist."

Der bayerische Rentner steht im Park vor dem Kanzleramt, die Sonne strahlt, und sogar die Hunde der patrouillierenden Polizisten wedeln mit dem Schwanz. Drei Wochen vor der Bundestagswahl übt sich Gerhard Schröder in Normalität, als stünde alles zum Besten. Dabei besagen alle Umfragen, dass er das Kanzleramt am 18. September an Angela Merkel übergeben muss.

Doch heute gibt sich der Kanzler noch mal als Mr. Big. An diesem Wochenende stehen die Bundesministerien und das Kanzleramt allen Bürgern offen. Die Opposition kritisierte, dass die Regierung die Aktion zu Wahlkampfzwecken missbrauche. Die Regierung wies das natürlich entrüstet zurück. Und tatsächlich ist heute von Wahlkampf nichts zu spüren - merkwürdigerweise.

Schon am Morgen hatte sich eine etwa hundert Meter lange Schlange vor dem Haupteingang des Kanzleramtes gebildet. Über den Ehrenhof werden die Besucher in das Foyer geführt, rote Kordeln weisen den Weg zur Ausstellung "Fußball und Zeitgeschichte". Ein sanfter Einstieg, denn im Vordergrund stehen die Triumphe der deutschen Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften 1954, 1974 und 1990. Vor allem ältere Besucher drängeln sich vor Monitoren, auf denen Helmut Rahn immer wieder das entscheidende 3-2 gegen Ungarn schießt.

Im luftigen Informationssaal eine Etage höher sind auf einer riesigen Videoleinwand exklusivere Räume des Kanzleramtes zu sehen. Im Durchlaufmodus ziehen Kabinettssaal und Kanzlerbüro an den Zuschauern vorbei - zu besichtigen sind diese Räume nicht. "Ein wenig enttäuschend" findet das ein Besucher.

Besucher vor Kanzlerporträts: Kein Zutritt zu exklusiveren Räumen
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Besucher vor Kanzlerporträts: Kein Zutritt zu exklusiveren Räumen

Vom Politikbetrieb bekommt man heute nicht viel mit. Man kann nur ahnen, was hier läuft. Auf dem Weg in den Internationalen Konferenzsaal, einem fensterlosen Raum mit drei kreisrunden Stuhlanordnungen, schreiten die Gäste ehrfürchtig die Galerie der legendären Kanzlerporträts ab. Eine komplett verglaste Front zur Rasenfläche im Hof gibt den Blick frei auf einen glänzend polierten Hubschrauber der Flugbereitschaft. Falls es der Kanzler eilig hat.

Die schmale Fußgängerbrücke über die Spree, 116 Meter lang, verbindet das Kanzleramt mit dem gegenüber liegenden Park, das Spaßzentrum der Veranstaltung. Die Stimmung im Kanzlerpark pendelt hier zwischen Kirmes und Volkshochschulkurs. Während Besucher auf Bierbänken sitzend ihre Finger in fettige Pommes Frites-Schalen tauchen, rezitieren oben auf der eigens aufgebauten Bühne zwei Schauspieler Texte von Sigmund Freud oder Richard von Weizsäcker über Albert Einstein.

Schlange vor dem Haupteingang: "Ich möchte hier nicht arbeiten"
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Schlange vor dem Haupteingang: "Ich möchte hier nicht arbeiten"

Einige Meter weiter werfen Kinder Ringe über die Arme eines Seehundes aus Holz und tollen juchzend auf einer Hüpfburg herum. Ihre Eltern sonnen sich derweil auf Liegestühlen und blicken träge auf die vorbei ziehenden Ausflugsschiffe. Aus großen Lautsprecher dröhnt der Refrain eines Klassikers der Volksfestmusik: "Eins kann mir keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben." Dass der Hausherr im Moment keinen Grund zum Feiern hat, scheint hier niemanden zu interessieren.

Auch die Richtungswahl spielt heute keine Rolle. Die Szenerie im Kanzlerpark erinnert eher an die Siesta in einem Ferienclub. Am Nachmittag wird der Bundeskanzler auf dem Tag der offenen Tür erwartet. Die Sonne wird scheinen, Kinder werden sich Katzengesichter schminken lassen - alles wird so sein wie immer.

Doch bei aller Normalität, die Gastgeber Schröder an den Tag legt - gelegentlich sind es nur Halbsätze, die den wahren Stand der Dinge verraten. Am Freitag besuchte Gerhard Schröder das Betriebsfest eines ostdeutschen Klinik-Unternehmens in Mecklenburg-Vorpommern. Bestens gelaunt lobte er die versammelte Belegschaft für ihren Einsatz in den vergangenen Jahren und wurde dafür bejubelt wie ein Fußballtrainer nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft.

Dann entschuldigte sich der Kanzler dafür, dass er leider nicht lange bleiben könne, er müsse noch zu einem Wahlkampftermin nach Süddeutschland. "Aber wenn Sie mich im nächsten Jahr wieder einladen", so Schröder zu der begeisterten Menge, "werde ich ganz bestimmt genug Zeit haben, mit Ihnen den ganzen Abend zu feiern."



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