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18. September 2015, 14:20 Uhr

Erschossener Islamist Rafik Y.

"Hölle im Kopf"

Von und

Er ging mit einem Messer auf eine Polizistin los und wurde von ihren Kollegen getötet: Der Islamist Rafik Y. galt den Behörden seit Jahren als hochgefährlich. Sein Hass richtete sich auch gegen Repräsentanten des Staates.

Am letzten Tag des Prozesses, nach mehr als zwei Jahren Verhandlungsdauer, nach unzähligen Beschimpfungen, Drohungen und Entgleisungen, brach es noch einmal aus Rafik Y. heraus. In wirren Worten beschimpfte er die Richter des Stuttgarter Oberlandesgerichts (OLG) als "Schweine" und "Neonazis".

Da reichte es der Vorsitzenden schließlich: "Wir wollen dem Angeklagten nicht das letzte Wort überlassen", sagte sie. "Das Verfahren ist beendet." Das war im Sommer 2008.

Doch der Hass, den der verurteilte Terrorist Rafik Y. offenbar für die westliche Welt empfand, endete damit nicht. Er überdauerte seine Haft, er kehrte mit ihm 2013 nach Berlin zurück, er ließ sich nicht von einer Fußfessel im Zaum halten, die Rafik Y. seither tragen musste, und auch nicht von den wöchentlichen Meldungen bei der Polizei.

Der Hass suchte sich seinen Weg.

Am Donnerstagmorgen nahm Rafik Y. die Fußfessel ab, griff mit einem 19 Zentimeter langen Messer eine Oberkommissarin an und wurde von ihren Kollegen erschossen. Zuvor soll der 41-jährige Iraker noch wüste Tiraden ausgestoßen haben, wie Augenzeugen einigen Berliner Zeitungen erzählten. Die wichtigste Frage, mit der sich die Ermittler nun befassen, lautet daher: Was trieb Rafik Y.?

Handelte der Islamist aus einem spontanen Impuls heraus? Litt er an psychischen Problemen und suchte den Tod durch Polizistenhand vielleicht sogar gezielt? Oder war die Attacke ein Akt des Terrors, ein sogenannter Low-Profile-Anschlag, bei dem mit einfachsten Tatmitteln und ohne große Planung möglichst viel Furcht und Schrecken verbreitet werden soll - wie damals in London, als zwei Extremisten mit Fleischerbeil und Messern einen britischen Soldaten töteten?

Aus Berliner Polizeikreisen hieß es zunächst, das Motiv des Islamisten erscheine bisher nicht eindeutig. Es könne durchaus sein, dass Rafik Y. geistig verwirrt gewesen sei und deswegen Passanten bedroht habe. Für die Ermittler ist es jedoch ebenfalls denkbar, dass Y. die Streife gezielt anlocken und dann verletzen wollte. In dem Zimmer in einem Wohnheim für Arbeitslose in Berlin-Spandau, in dem Rafik Y. lebte, fanden Beamte islamistisches Propagandamaterial. Das wird nun ausgewertet.

Im Irak drohte die Todesstrafe

"Es gibt einige Anhaltspunkte, die gegen ein geplantes Vorgehen sprechen", teilte der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) mit. Bei der Vorgeschichte von Y. könne "jedoch eine religiöse Motivation nicht ausgeschlossen werden". Rafik Y. sei wiederholt aufgefallen, "weil er ausgesprochen aggressiv auftrat", so Oberstaatsanwalt Dirk Feuerberg. Y. soll eine Amtsrichterin, eine Mitarbeiterin im Sozialamt und einen Polizisten bedroht haben. Dies habe Y. damit gerechtfertigt, dass die Opfer gegen seine Religion verstoßen hätten, so Feuerberg.

Das OLG Stuttgart hatte Rafik Y. zu insgesamt acht Jahren Gefängnis verurteilt, er war einer der Mitverschwörer eines vereitelten Anschlags. Eine Abschiebung in den Irak war nicht möglich, weil Rafik Y. dort nach der Verurteilung in Deutschland die Todesstrafe drohte.

Der Senat sah es als erwiesen an, dass der Iraker sich gemeinsam mit seinen Komplizen Ata R. und Mazen H. der islamistischen Terrororganisation Ansar al-Islam angeschlossen hatte. Sie hatten demnach vor, ein Attentat auf den irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi während seines Berlin-Besuchs im Dezember 2004 auszuführen. Dank eines V-Manns aus Mecklenburg-Vorpommern, der Kontakt zu der Zelle hatte, fiel die Verschwörung auf.

"Der schwierigste Mandant, den ich je hatte"

Im Verlauf des Stuttgarter Mammut-Prozesses, dessen Gesamtkosten die "Welt" mit 1,2 Millionen Euro angab, war Y. nicht nur mit unflätigen Zwischenrufen aufgefallen. 14 Mal wurde er aus der Verhandlung ausgeschlossen, 114 Tage Ordnungshaft bekam er aufgebrummt. Insgesamt stellte Rafik Y., der einen seiner Verteidiger für einen amerikanischen Spion hielt, auf eigene Faust 140 Beweis- und Befangenheitsanträge.

Nach seiner Freilassung äußerten Ermittler Zweifel, ob man den als Gefährder eingestuften Y. ausreichend überwachen könne. So gab es Hinweise, dass er möglicherweise erneut Gewalttaten plante. Als Beispiel nannten Beamte Briefe, die er einem Mitglied der sogenannten Sauerland-Gruppe geschrieben hatte. Darin bekundete Rafik Y. seine Sympathie für den bewaffneten Kampf und bekräftigte seine Absicht, sich nach der Haft dem Dschihad anzuschließen.

"Rafik Y. war der schwierigste Mandant, den ich je hatte", sagte Rechtsanwalt Reinhard Kirpes zu SPIEGEL ONLINE. "Ich habe damals in dem Prozess in Stuttgart ein psychiatrisches Gutachten beantragt, dem sich mein Mandant jedoch entzogen hat." Es habe Hinweise gegeben, dass Y. geistig nicht gesund gewesen sei, so Kirpes. "Er hatte wohl im Irak einiges mitgemacht."

Das habe man allerdings nur erahnen können. "Mir erschien er jedenfalls nicht wie jemand, der am Leben hing oder Freude daran hatte", so der Verteidiger: "Ich glaube, er war sehr allein mit seiner kleinen Hölle im Kopf."

Video: Messerattacke in Berlin - Polizei erschießt verurteilten Islamisten

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