Chaos ohne Konsequenzen Das Berlin-Syndrom

Ein Flughafen, der nicht fertig wird. Chaos im Nahverkehr. Polizeiskandale. Doch Proteste bleiben aus. Klaus Wowereit sitzt als Regierender Bürgermeister von Berlin fest im Sattel. Denn die Hauptstädter sind Vorläufer einer neuen Lebenshaltung - die gegenseitige Verachtung von Bürgern und Politikern.

dapd

Es gab wahrlich Zeiten, in denen es den Berlinern leichter gemacht wurde, stolz auf ihre Stadt zu sein. Doch momentan taugt Ernst Reuters legendärer Appell an die Völker der Welt höchstens noch für sarkastische Abwandlungen. Man schaut auf diese Stadt und wundert sich. Nichts klappt, nichts geht voran - aber das macht offenbar nichts, auch wenn das alles andere als gut ist.

Hat denn Klaus Wowereit, der Urenkel Reuters, mit all den Pleiten, Pech und Pannen, die schon seit längerem das Bild der Hauptstadt im Rest der Welt prägen, etwas zu tun? Eigentlich schon, weil er ja schließlich der Regierungschef dieses Stadtstaats ist, aber irgendwie auch wieder nicht. Sagt er jedenfalls meistens. Doch richtig übel scheint ihm das auch kaum jemand zu nehmen. Man könnte fast meinen, seine Nonchalance im Umgang mit sämtlichen Widrigkeiten strahle zunehmend ab auch auf die Regierten. Und das mutet geradezu symptomatisch an für einen bestimmten Modus des Politischen, der die Merkmale eines Syndroms aufweist.

Da ist ja nicht nur die besonders spektakuläre Spottnummer mit dem verpatzten Eröffnungstermin für den neuen Großflughafen - und der neuen Frage, ob der Termin überhaupt 17. März 2013 erneut zur Disposition steht. Auch auf dem Boden läuft es einfach nicht:

  • Der öffentliche Nahverkehr, der einst europaweit als beispielhaft galt, liegt buchstäblich am Boden. Störungsmeldungen, S- und U-Bahnausfälle zählen zur täglichen Routine.
  • Und mit dem Auto loszufahren, ist auch meist keine wirklich gute Idee. Die Baustellendichte ist rekordverdächtig, auch was das Beharren im Unvollendeten anbelangt. Um stadtweit Tempo 30 einzuführen, müsste im Prinzip nicht mehr viel geschehen.

An wenigstens halbwegs normalen Tagen macht garantiert die Polizei mit einem neuen Skandal von sich reden, wie überhaupt die innere bzw. öffentliche Sicherheit ein bedenkliches Kapitel für sich darstellt:

  • So ist etwa der Posten des Polizeipräsidenten seit Jahr und Tag dank politischer Querelen nur provisorisch besetzt. Dafür gibt es seit neuestem mit Jan Stöß einen linken Vorsitzenden der regierenden Sozialdemokraten, der sozusagen im Wege der feindlichen Übernahme dieses Jobs dem Chef im Roten Rathaus das Leben noch um einiges schwerer macht, was zumindest im Bereich der parteipolitischen Zwistigkeiten weiteres Wachstum erwarten lässt.

Die Liste der Misslichkeiten ließe sich leicht noch verlängern. Und dabei ist bisher noch nicht einmal vom Fußball die Rede gewesen. Den mag man zwar als Nebensache betrachten. Aber dass die größte Stadt zwischen Paris und Moskau die einzige Metropole in Europa ist, die nicht über einen Erstliga-Verein verfügt, gewinnt im Kontext der trüben Bilanzen und negativen Alleinstellungsmerkmale durchaus einen eigenen, metaphorischen Stellenwert.

Wäre Berlin nicht Berlin und mithin ohnehin etwas notorisch Besonderes, könnte man angesichts all dessen nun meinen, die Bewohner begönnen, allmählich etwas ungehalten zu werden. Doch das ist nicht so. Die Vorstellung beispielsweise, sie könnten in Scharen als Wutbürger auf die Straßen gehen, um für ein funktionierendes Verkehrssystem oder einen weltstadtgerechten Airport demonstrieren, wäre geradezu utopisch. Das Flughafen-Debakel erreicht bezeichnenderweise nicht mal den Rang eines richtigen Skandals. Allenfalls regen sich einige Unentwegte schon einmal prophylaktisch über Fluglärm auf, den es Gott weiß, wann geben wird. Demonstriert wird zwar dauernd für oder gegen irgendetwas, aber stets nur aufgrund von Partikularinteressen, nicht gegen die Handhabung der öffentlichen Angelegenheiten im Grundsätzlichen.

Kein Empfinden für allgemeine Verantwortung

Dies hat gewiss in erster Linie mit jener Art von Duldsamkeit bis an die Grenze der Gleichgültigkeit und mit dem irgendwie lässigen Alltagsgebaren zu tun, das überall auf der Welt typisch ist für die Mentalität der Bewohner der großen Städte. Was aber in Berlin erschwerend noch hinzukommt, ist das Fehlen einer historisch gewachsenen bürgerlichen Öffentlichkeit, wie es sie etwa in Hamburg, Stuttgart oder München gibt. Berlin ist letztlich eine Ansammlung von Kiezen, Rückzugsorten also, die es dem Einzelnen jederzeit ermöglichen, sich einfach rauszuhalten. Bei all dem vielen Zuzug und dem teils zweifelhaften Glamour der Mitte und dem neureichen Protz gab es stets auch einen starken Hang zum Proletarischen nach der Devise, dass die da oben einen sowieso alle mal können. Auch dies erschwert das Entstehen eines Empfindens für allgemeine Verantwortung, für produktive Unduldsamkeit in Bezug auf die Regelung der öffentlichen Angelegenheiten.

Wenn es stimmt, dass Berlin stets auch ein Labor für neue Lebenskonzepte und Daseinsgefühle war, dann sollte man jetzt jedenfalls besonders genau hinsehen, was dort geschieht. Denn es scheint sich, unter den Prämissen des neuen Jahrhunderts mit seinen postideologischen Ernüchterungen und der wachsenden Individualisierung, ein merkwürdiges Arrangement im Zeichen der wechselseitigen Desillusionierung, ja Lethargie zwischen Wählern und Gewählten zu entwickeln. Man traut einander ohnehin nicht mehr viel zu, fordert und erwartet kaum noch etwas und ist rasch bereit, sich abzufinden. Das fördert ein gesellschaftliches Klima, in dem der Typ des postmodernen Politikers, wie ihn ein Wowereit trotz seines sozialdemokratischen Parteibuchs verkörpert, ziemlich lange unbehelligt durchkommen kann.

Im Zweifelsfall wird so jemand immer einen Weg finden, sich die Macht zu bewahren, vorausgesetzt, er ist weiterhin an ihr interessiert. Dass er im Prinzip so ungefähr mit jedem koalieren kann, hat er schließlich nachgewiesen. Und falls es noch höhere Prinzipien geben sollte, lässt sich die Messlatte dafür zur Not so hoch legen, dass man auch schon mal darunter hindurch schlüpfen kann.

Als Pendant zur chronisch beklagten Politikverdrossenheit der Bürger, die im klassischen Sinne immer weniger als solche bezeichnet werden kann, bildet sich so eine bestimmte Art von Bürgerverachtung durch die Politik heraus. Diese testet in einer permanenten Folge von "Try and Error" nur noch aus, wie weit sie gehen kann und zieht dann ihr Ding durch, was auch schon mal heißen kann, dass sie einfach abwartet und nichts tut. Denn es sind zu ihrem Glück ja nicht einmal mehr Barrikaden da, auf die das Volk noch gehen könnte, nachdem die Idee der bürgerlichen Freiheit zur multioptionalen Beliebigkeit verkam.

Aber Klaus Wowereit kann gewiss keinen Gebrauchsmusterschutz für dieses dubiose Modell beantragen. Es gibt, nur ein paar Kilometer von seinem Amtssitz entfernt, eine Person, die dieses Spiel mindestens ebenso gut beherrscht wie er, wenn nicht noch besser - nämlich im Kanzleramt. Das Berlin-Syndrom mag typisch sein für den Status der Hauptstadt im Jahr 2012, doch er gilt nicht exklusiv für die Stadt, sondern kennzeichnet zunehmend auch die Art und Weise, wie das Land regiert wird. So weit wie Wowereit ist Angela Merkel allemal.

insgesamt 166 Beiträge
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emilroseau 23.06.2012
1. Flughafen liegt in Brandenburg
Das Chaos am Flughafen ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, das der Brandenburger gern den Berliner piesackt. Zuständig für die entsprechenden Genehmigungen und Bauabnahmen ist Brandenburg. Und was so behördenmäßig nach 20 Jahren Wiedervereinigung in Brandenburg läuft, ist schon extrem merkwürdig.
kbank 23.06.2012
2. Gegenseitige Verachtung!
Treffend formuliert und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen! Dieses ist aber erst der Anfang, haben denn viele Berufsanfänger zwischenzeitlich die Politik und Verbände als sicheren Arbeitgeber mit vielen Annehmlichkeiten entdeckt! Lösung? Keine Idee!
beobachter999 23.06.2012
3. Eine Frage,
Zitat von sysopdapdEin Flughafen, der nicht fertig wird. Chaos im Nahverkehr. Polizeiskandale. Doch Proteste bleiben aus. Klaus Wowereit sitzt als Regierender Bürgermeister von Berlin fest im Sattel. Denn die Hauptstädter sind Vorläufer einer neuen Lebenshaltung - die gegenseitige Verachtung von Bürgern und Politikern. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,839987,00.html
was soll der böse Bürger denn machen? Wählt er eine der großen 4 Parteien wählt er immer die gleiche Politik. Wählt er links oder rechts ist er ein böser Demokratiezerstörer und wird nicht ernst genommen, regiert wird in der "Mitte". Geht er auf die Straße wird er einfach ignoriert, notfalls als "Wutbürger" bezeichnet, eingetütet und nicht mehr ernst genommen. Also läßt er es einfach laufen, eine andere Wahl hat er nicht. Jedenfalls solange er noch leben und sich ernähren kann.
pragmat 23.06.2012
4. Wieso
Zitat von sysopdapdEin Flughafen, der nicht fertig wird. Chaos im Nahverkehr. Polizeiskandale. Doch Proteste bleiben aus. Klaus Wowereit sitzt als Regierender Bürgermeister von Berlin fest im Sattel. Denn die Hauptstädter sind Vorläufer einer neuen Lebenshaltung - die gegenseitige Verachtung von Bürgern und Politikern. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,839987,00.html
So lange wie es noch nicht direkt im Geldbeutel zu spüren ist, geht der Bürger nicht auf die Straße. Es sei denn, es stelle sich eine neue Politikertruppe an die Spitze, um an die Fleischtöpfe zu kommen, siehe Stuttgart21. Da verläßt der Bürger das traute Heim um mitzulaufen. Und wenn die Neuen an der Macht sind, ist alles vergessen.
spatzimatzi 23.06.2012
5. Berlin verkommt im eigenen Dreck
Zitat von sysopdapdEin Flughafen, der nicht fertig wird. Chaos im Nahverkehr. Polizeiskandale. Doch Proteste bleiben aus. Klaus Wowereit sitzt als Regierender Bürgermeister von Berlin fest im Sattel. Denn die Hauptstädter sind Vorläufer einer neuen Lebenshaltung - die gegenseitige Verachtung von Bürgern und Politikern. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,839987,00.html
"Raus aus dem Euro, raus aus der EU" - das ist offenbar noch zu kurz gedacht. Als Oberschwabe kann ich nur sagen: eine Abspaltung von diesem verrottenden Gebilde namens BRD und ein Beitriit zur Schweizer Eidgenossenschaft wäre genau das Richtige.
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