Kommunalpolitikerin in Kreuzberg Eine für unten

Taina Gärtner kämpft im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg für Flüchtlinge und gegen Gentrifizierung. Die Grünenpolitikerin weiß, was es heißt, sich im Leben behaupten zu müssen.

Taina Gärtner im Görlitzer Park
HC Plambeck/ SPIEGEL ONLINE

Taina Gärtner im Görlitzer Park

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Während die jungen Menschen mit den Sonnenbrillen zu Techno auf der Straße feiern, sammelt die Politikerin, die alle nur "Taina" nennen, Pfandflaschen. Es ist der 1. Mai in der Hauptstadt, längst tanzen Berliner und all die, die sich als solche fühlen, am Tag der Arbeit lieber beim "MyFest", als bei der jährlichen Demo Steine zu werfen, wie es im Bezirk Kreuzberg früher einmal Mode war.

Taina Gärtner ist eine von den Kreuzbergerinnen, die schon hier waren, bevor hippe Bars türkische Gemüseläden verdrängten, internationale Studenten die Großfamilien. Und Gärtner ist eine, die hier nicht weg will.

Frauen in der Kommunalpolitik
    Am 26. Mai ist in vielen Teilen Deutschlands Kommunalwahl. Frauen sind auf kommunaler Ebene bislang nur selten in politischen Ämtern vertreten. Weniger als zehn Prozent aller Bürgermeister Deutschlands sind weiblich. In kleineren Gemeinden sind besonders wenige Frauen in politischen Führungspositionen zu finden.
Hier stellen wir einige von ihnen vor. Sie bestätigen die Statistik: Fast alle sind über 50 Jahre alt und haben keine oder bereits erwachsene Kinder. Sie verbindet ein sehr hohes Arbeitspensum mit manchmal bis zu 80 Wochenstunden.

DEUTSCHLAND
Berlin Fried­richs­hain-Kreuz­berg Taina Gärtner (Grüne), 53, Ab­geord­nete in der Be­zirks­ver­ord­neten­ver­samm­lung
Schwie­low­see Kerstin Hoppe (CDU), 53, Bürgermeisterin
Le­ver­ku­sen Eva Lux (SPD), 63, Bürger­meisterin
Chem­nitz Barbara Ludwig (SPD), 57, Ober­bürger­meisterin
Mün­chen Dorothea Wiepcke (CSU), 37, Stadt­rätin

Für die Grünen sitzt die 53-Jährige im Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg in der Bezirksverordnetenversammlung. Sie hat Häuser besetzt und später Wohnungen für Flüchtlinge organisiert. Sie hat mit ihnen auf dem Oranienplatz geschlafen, als sie in Berlin für ihr Bleiberecht kämpften und ihnen Essen organisiert. Und jetzt sammelt sie eben Flaschen, um Flüchtlinge damit zu unterstützen. "Politisches Pfandsammeln", nennt sie das.

Gärtner passt nicht ins System

Taina Gärtner will ihren Bezirk nicht verlassen. Sie interessiert sich nicht dafür, "dass die Steglitzer ein Loch im Asphalt haben", sagt sie. Sie interessiert, dass in Kreuzberg nicht mehr die Menschen leben können, die hier früher gelebt haben. Menschen, die es sich woanders nicht leisten können. Menschen, die keine Arbeit finden. Menschen, die nicht ins System passen. Menschen wie sie.

Mit 14 Jahren landet Gärtner in der Hausbesetzerszene, sie ist Punk und passt zu Hause nicht mehr rein. Ihren Haupt- und Realschulabschluss holt sie über Umwege nach, macht eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, Fachbereich Fahrrad. Ein Beruf, in dem sie nie arbeiten wird - das Berufsbild wird abgeschafft.

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Kommunalpolitik: Frauensache

Stattdessen fängt sie mit 25 auf dem Bau an. Ein klassischer Männerberuf. Gärtner macht das nichts. Damals hat sie einen kleinen Sohn, den sie allein ernähren muss. Sie verlangt ihrem Körper in der Zeit vieles ab, bringt sich das meiste selbst bei, muss immer besser sein als die anderen, damit die Männer die einzige Frau akzeptieren. Nach kurzer Zeit leitet sie selbst die Baustellen. Dann verletzt sie sich am Knie, kann den Beruf nicht mehr ausüben.

Heute bezieht sie Hartz IV. "Hilfstätigkeiten", sagt sie, zu mehr sei sie laut Arbeitsamt nicht gut. Mit Politik will sie ohnehin kein Geld verdienen. 300 Euro Aufwandsentschädigung bekommt sie dafür. Weil ihr das Arbeitsamt seit Jahren die Leistungen kürzt, ist sie bis vor das Bundesverfassungsgericht gezogen. Andere bekämen ihr Ehrenamt auch nicht vom Lohn abgezogen.

Gärtner im Görlitzer Park
HC Plambeck/ SPIEGEL ONLINE

Gärtner im Görlitzer Park

Ein paar Tage später läuft Gärtner durch den Görlitzer Park, sie ist unterwegs zum Büro ihrer Partei. Es liegt hinter dem Kottbusser Tor, einem der Zentren des Bezirks, zu dem die Touristen an den Wochenenden pilgern, nicht nur am 1. Mai. Unterwegs grüßen sie immer wieder schwarze Männer. Gärtner ruft freundlich "Hallo", sie kennt von jedem Namen und Lebensgeschichte. Es sind Flüchtlinge, von denen einige auch auf dem Oranienplatz demonstriert haben. Im "Görli", wie die Berliner den Park nennen, sind manche von ihnen inzwischen als Drogendealer gelandet. Polizei und Politik versuchen vergeblich, sie von dort zu vertreiben. Für Gärtner sind es Freunde.

Gärtner: "Die wollen uns Kreuzberger als Statisten"

Wütend machen sie hier andere Menschen. Die, die Kreuzberg zur Partyzone erklärt haben und keine Rücksicht auf Anwohner nehmen. Wenn Gärtner sich durch ihren Bezirk bewegt, macht es sie manchmal traurig, dass sie zwischen diesen Menschenmassen so gar nicht mehr durchkommt. "Die wollen uns Kreuzberger ja als Statisten, aber dann sollen sie auch nett zu uns sein und nicht überall ihre Flaschen zerschmeißen."

Im Kreuzberger Grünen-Büro hängen Schilder an der Wand mit der Aufschrift "Legalize it", auf dem Tisch stehen Chips und ein Berliner Trendgetränk. Gärtner stellt ihr gelbes Mountainbike vor der Tür ab. Ein Grünen-Kandidat für die Europawahl, Erik Marquardt, soll hier heute im Livestream auf Instagram Fragen beantworten.

Gärtner setzt sich dem jungen Mann gegenüber, in der einen Hand hält sie ein Stück Käse, in der anderen ein Brot mit Hummus. Sie hört ihm zu. Heute hat sie mal wieder vergessen zu essen. Das passiert ihr manchmal, weil immer irgendwer etwas von ihr will.

Da sind die Geflüchteten, die vom Oranienplatz übrig geblieben sind und für die sich heute keiner mehr interessiert. Gärtner sucht immer wieder Schlafplätze für sie, wird angerufen, wenn es Probleme gibt. Dann sind da die BVV-Sitzungen, die abends stattfinden und immer mehr Zeit in Anspruch nehmen. Inzwischen seien die Berliner Bezirke wie kleine Städte geworden, sagt Gärtner. Der Job ist ehrenamtlich, die BVV ein "Feierabendparlament". Aber Gärtner ist sich sicher: "Wenn es nicht solche gäbe wie mich, weiß ich nicht, wie wir das schaffen würden." Solche, die nicht nebenbei arbeiten, sondern den Job einfach Vollzeit machen. Ohne Geld.

Nebenbei lernt Gärtner Haussa, eine Sprache, die in Nigeria gesprochen wird. Sie will die Menschen verstehen, für die sie sich einsetzt.

Für Gärtner lassen sich Politik und Aktivismus oft nicht trennen. Der Chef des Ausländeramtes nannte sie deswegen mal eine "Schlepperin", die Polizei ermittelte wegen Beihilfe zur illegalen Einreise und zum illegalen Aufenthalt. Gärtner schüchtert das nicht ein. Sie will da sein für die Menschen, die ganz unten sind. Und: Sie weiß, was das heißt.

Taina Gärtner im Büro der Grünen in Kreuzberg
HC Plambeck/ SPIEGEL ONLINE

Taina Gärtner im Büro der Grünen in Kreuzberg

Hinter Marquardt hängen Europaflaggen. Die Anwesenden tragen ihre Europashirts, auf denen ein Igel unter Sternen sitzt. Gärtner trägt ihr Glitzershirt und trinkt Chaitee. Sie spricht darüber, wie die Flüchtlingspolitik der EU ihre Schützlinge in die Illegalität drängt. Wie sie durch die Dublin-Regelung zwischen Italien und Deutschland zerrieben werden.

Drei ihrer Schützlinge seien dabei gestorben, sagt Gärtner. Einer ermordet in einer Nacht im Februar 2016 in Berlin, in der es Gärtner nicht gelungen war, einen Schlafplatz für ihn zu finden. Ein anderer sei auf dem Oranienplatz an den Folgen einer verschleppten Sinnusitis gestorben, die in Italien nie behandelt worden war. Ein Dritter habe in der Notaufnahme wiederholt keine richtige Untersuchung erhalten, sagt Gärtner, sei schließlich ins Koma gefallen. Sie lebe permanent in Angst, sagt sie, dass jemand erfriere oder angegriffen werde.

Gärtner: "Fehlen euch die Frauen bei eurer Quote?"

Einst haben die Grünen sie in die Politik geholt, weil sie Menschen suchten, die sich im Bezirk engagierten. Weil Gärtner den Widerstand in Kreuzberger Häusern mit organisierte. Anfangs lacht sie noch darüber. "Fehlen euch die Frauen bei eurer Quote?", fragt sie. Schließlich kandidiert sie und wird gewählt.

Bis heute will sie lieber nicht auffallen bei dem, was sie tut. "Sachen laufen dann gut, wenn sie gar nicht sichtbar werden", sagt Gärtner. Wie die Zwangsräumungen migrationsstämmiger Familien, die sie durch Verhandlungen verhindern konnte. Wie die Flüchtlinge vom Oranienplatz, von denen sich einige inzwischen integriert haben. Stolz ist sie auch darauf, dass sie mit einem Antrag dafür gesorgt hat, dass ein Kreuzberger Ufer nicht mehr nach dem Kolonialherren Otto Friedrich von der Groeben, sondern nach der antirassistischen Aktivistin Maya Ayim benannt ist.

Im Kreuzberger Büro der Grünen macht eine junge Frau die Kamera an, Erik Marquardt stellt sich vor. Gärtner hört ihm aufmerksam zu, immer wieder nickt sie. Mit Marquardt verbindet Gärtner, dass auch er zunächst Aktivist war. Er fotografierte auf Flüchtlingsbooten, bereiste Migrationsrouten, war dort, wo Tainas Schützlinge herkommen. Nun will er ins Europaparlament, nach Brüssel, und dort fortsetzen, was er auf dem Mittelmeer angefangen hat.

Taina bleibt lieber in Kreuzberg.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
neutron76 19.05.2019
1. Berlin
Sie wird als engagierte Rebellin dargestellt. Letztendlich lebt sie aber von der Solidargemeinschaft, von denen auch ein paar gerne in Kreuzberg wohnen möchten und auch gerne bereit sind dafür noch mehr zu arbeiten, als Frau Gärtner das getan hat.
karl-felix 19.05.2019
2. Nun
Zitat von neutron76Sie wird als engagierte Rebellin dargestellt. Letztendlich lebt sie aber von der Solidargemeinschaft, von denen auch ein paar gerne in Kreuzberg wohnen möchten und auch gerne bereit sind dafür noch mehr zu arbeiten, als Frau Gärtner das getan hat.
ja. Von der Solidargemeinschaft leben wir alle, das wäre für mich kein Kriterium, eher die Frage wie ist ihr Verhältnis zu dem Kind -was ist aus dem Kind geworden . Jedenfalls ist die Vita recht ungewöhnlich und die Frau hat ein recht erfülltes Leben . Nur die Idee, Haussa zu lernen um die Menschen zu verstehen finde ich schon etwas ulkig , das hilft bei einem Targi oder Mossi oder Fulbe eher nicht weiter. Sinnvoller wäre es, wenn sie ihren Bekannten Deutsch beibringen würde, das hilft dem Verständnis und den Betroffenen . Aber es gibt halt nichts Intimeres als Bildung , soll sie halt Haussa lernen .
eunegin 19.05.2019
3. Berliner Toleranz
Als Berliner kann ich dazu sagen: ja, uns allen liegt unser Kiez, unser Bezirk am Herzen. Die meisten sind dabei nicht so konservativ, dass alles so bleiben muss, wie es früher war. Berlin war immer Veränderung, im Guten wie im Schlechten. Interessanterweise zeigt sich Taina Gärtner als eigentliche Konservative. Sie ist nur dann tolerant, wenn es in ihr Weltbild passt und ihr Mikrokosmos erhalten wird. Auch diese Einstellung ist leider Berlin.
infomeric 19.05.2019
4. Diese Frau arbeitet unmenschlich viel
Wer Taina kennt, weiß, dass diese Frau nie aufhört etwas für andere zu machen. Und sie macht das, weil es nötig ist und weil unsere Staat nichts für diese Menschen tut. Menschen, die nicht zurück können in ihre Heimat, aber auch nicht hier arbeiten dürfen, die keine Chance auf dem Wohnungmarkt haben, selbst wenn sie Arbeit hätten. Wenn uns Menschrechte wirklich wichtig sind, wäre das was Taina macht unsere Aufgabe als Solidaritätsgemeinschaft. Anstatt solcher Menschen, Menschen wie Raiba, schlechter Worte zu widmen, befassen sie sich lieber mit Superreichen, die prozentual weniger Steuern zahlen und sich so aus der Solidaritätgemeinschaft herausziehen.
eunegin 19.05.2019
5. Solidargemeinschaft
Zitat von infomericWer Taina kennt, weiß, dass diese Frau nie aufhört etwas für andere zu machen. Und sie macht das, weil es nötig ist und weil unsere Staat nichts für diese Menschen tut. Menschen, die nicht zurück können in ihre Heimat, aber auch nicht hier arbeiten dürfen, die keine Chance auf dem Wohnungmarkt haben, selbst wenn sie Arbeit hätten. Wenn uns Menschrechte wirklich wichtig sind, wäre das was Taina macht unsere Aufgabe als Solidaritätsgemeinschaft. Anstatt solcher Menschen, Menschen wie Raiba, schlechter Worte zu widmen, befassen sie sich lieber mit Superreichen, die prozentual weniger Steuern zahlen und sich so aus der Solidaritätgemeinschaft herausziehen.
Ich lebe in Berlin, bin nicht superreich, zahle tüchtig Steuern und leiste meinen Beitrag für die Solidargemeinschaft , von der auch Taina Gärtner lebt. Dennoch fühle ich mich nicht von ihr repräsentiert. Im Gegenteil. Sie wendet sich gegen Menschen wie mich und gegen meine Interessen. Ist ja OK, nur soll sie sich nicht als Ultratolerante ins Bild setzen. Miteinander gilt doch für alle, nicht nur diejenigen, die ihr passen.
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