Berlin-Monitor So verbreitet ist Antisemitismus in der Hauptstadt

Wie groß ist das Problem des Judenhasses in Berlin? Kleiner als im Rest des Landes - so das Ergebnis einer Studie. Dennoch stimmt jeder Zehnte antisemitischen Aussagen zumindest teilweise zu.

Teilnehmer einer Solidaritätskundgebung in der Hauptstadt: "Berlin trägt Kippa"
picture alliance/dpa

Teilnehmer einer Solidaritätskundgebung in der Hauptstadt: "Berlin trägt Kippa"

Von Sophie Madeleine Garbe und


Zwei junge Männer mit Kippa werden im Stadtteil Prenzlauer Berg angegriffen und mit einem Gürtel geschlagen. Eine jüdische Frau wird von einem Kioskverkäufer mit Kronkorken beworfen, als "Judenschlampe" beschimpft und aus dem Laden geworfen. Ein Mann wird antisemitisch angepöbelt; als er sich darüber beschwert, wird ihm ins Gesicht geschlagen.

Vorfälle wie diese führten zuletzt zu einer Diskussion über Antisemitismus im Alltag, insbesondere in der Hauptstadt. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) meldete für das vergangene Jahr einen Anstieg bei Bedrohungen und Angriffen auf Menschen jüdischen Glaubens in Berlin.

Antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung der Hauptstadt bilden nun den Schwerpunkt des ersten Berlin-Monitors, den der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) gemeinsam mit den Autoren der Studie von der Universität Leipzig und der Hochschule Magdeburg-Stendal an diesem Mittwoch vorgestellt hat. Das Forschungsprojekt setzt sich mit den politischen Einstellungen der Berliner sowie ihren Erfahrungen mit Diskriminierung auseinander.

Im Video: "Du Jude!" - Antisemitismus in Berlin

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Das Fazit der Forscher: "Insgesamt findet sich eine geringe Verbreitung antisemitischer Einstellungen in der Berliner Bevölkerung." So seien antisemitische Einstellungen in Berlin weniger verbreitet als im Bundesgebiet. Dennoch stimmen laut der Studie auch in der Hauptstadt mindestens zehn Prozent der Bevölkerung antisemitischen Aussagen ganz oder teilweise zu.

Für den Berlin-Monitor wurden von Anfang März bis Ende April dieses Jahres insgesamt 2005 Bürger ab 16 Jahren befragt. Die repräsentative Befragung erfolgte mittels eines standardisierten Fragebogens. Darin enthalten: Angaben zu Geschlecht, Alter, Schulbildung, Einkommen, Religiosität und Migrationshintergrund ebenso wie "Messinstrumente zur Erfassung von politischen und weltanschaulichen Einstellungen, der Verbreitung von Vorurteilen und von Erfahrungen von Diskriminierung".

Zur Ermittlung judenfeindlicher Einstellungen präsentierten die Forscher den Befragten sieben Aussagen. Die Statements sind Ausdruck von Antisemitismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen. Dazu zählen etwa der tradierte und der israelbezogene Antisemitismus.

Tradierter Antisemitismus
1 Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.
2 Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.
3 Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.
Sekundärer Antisemitismus
4 Reparationsforderungen an Deutschland nutzen oft gar nicht den Opfern, sondern einer Holocaust-Industrie von findigen Anwälten.
Israelbezogener Antisemitismus
5 Die Gründung Israels war eine schlechte Idee.
6 Israels Politik in Palästina ist genauso schlimm wie die Politik der Nazis im Zweiten Weltkrieg.
Antisemitismus als Ideologie zur Welterklärung
7 Juden sind verantwortlich für die meisten Kriege und Konflikte in der Welt.

Formulierungen entsprechen dem exakten Wortlaut der entsprechenden Items bei der Berlin-Monitor Umfrage 2019;
N = 2.005 Berliner*innen. Quelle: Berlin-Monitor 2019

Auf einer Skala von eins bis fünf konnten die Befragten ihre Haltung zu den Aussagen signalisieren: von völliger Ablehnung bis hin zu völliger Zustimmung.

Zustimmung

Antwort lehne völlig ab lehne überwiegend ab stimme teils zu, teils nicht zu stimme überwiegend zu stimme voll und ganz zu
Wert 1 2 3 4 5
Zuordnung Ablehnung Latente Zustimmung Manifeste Zustimmung

Quelle: Berlin-Monitor 2019

Das Ergebnis: Jeder zehnte Befragte stimmte zumindest teilweise "tradierten" antisemitischen Aussagen zu, wonach Juden "nicht so recht zu uns" passten oder mehr als andere mit "üblen Tricks" arbeiteten, um das zu erreichen, was sie wollten. Bei der Aussage "Auch heute ist der Einfluss der Juden zu groß" lag die Zustimmungsquote gar bei 16 Prozent. Beim israelbezogenen Antisemitismus waren die Zustimmungswerte noch deutlich höher.

Verglichen mit der gesamtem Republik, so das Ergebnis der Studie, sind tradierte antisemitische Einstellungen in Berlin weniger verbreitet. Das ergibt ein Vergleich mit der Mitte-Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, in deren Rahmen zwischen September 2018 und Februar 2019 insgesamt 1890 repräsentativ ausgewählte deutsche Staatsbürger befragt worden waren.

Tradierter Antisemitismus

So viele Menschen stimmen diesen Aussagen zu (in Prozent)

Quelle: Berlin-Monitor 2019; FES-Mitte-Studie

Antisemitismus als Ideologie zur Welterklärung und israelbezogener Antisemitismus

So viele Menschen stimmen diesen Aussagen zu (in Prozent)

Quelle: Berlin-Monitor 2019; FES-Mitte-Studie

Hinsichtlich der politischen Einstellung der Befragten stellen die Autoren der Studie fest, "dass sich unter den Wählern der AfD die meisten Menschen mit einem antisemitischen Ressentiment finden - ob manifest oder latent". Demnach stimmen knapp 14 Prozent der befragten AfD-Anhänger tradierten antisemitischen Aussagen teilweise oder überwiegend zu; mehr als acht Prozent stimmen ihnen voll und ganz zu. Als nächste Gruppe folgen Nichtwähler vor SPD-Wählern und CDU-Anhängern.

Die Autoren machen ferner deutliche Unterschiede bei den Haltungen von Personen mit und ohne Migrationshintergrund aus: "Deutsche ohne Migrationshintergrund äußern seltener Ressentiments gegen Juden als Berliner mit Migrationshintergrund und ohne deutsche Staatsbürgerschaft."

Dabei sei tradierter Antisemitismus vor allem bei jenen Migranten zu beobachten, die vor nicht allzu langer Zeit nach Deutschland gekommen sind. Migranten, die länger in der Bundesrepublik lebten, wiesen hingegen keine Unterschiede zur in Deutschland bereits geborenen Bevölkerung mit deutscher Staatsbürgerschaft auf.

Auch in den verschiedenen Altersgruppen gibt es Unterschiede. Dazu heißt es in der Studie: "Am häufigsten finden sich antisemitische Ressentiments unter älteren Menschen, während bei den jüngeren Jahrgängen die manifeste Zustimmung fast gar nicht anzutreffen ist."

Im Video: Berlin demonstriert gegen Judenhass

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Über den Schwerpunkt Antisemitismus hinaus haben die Autoren des Berlin-Monitors weitere politische Einstellungen der Berlinerinnen und Berliner und ihre Erfahrungen mit Diskriminierung untersucht. Die Ergebnisse im Überblick:

  • Die Berliner haben ein zwiespältiges Verhältnis zum politischen System: Einerseits ist der Großteil zumindest in Teilen zufrieden mit der Demokratie. Andererseits glauben nur sechs Prozent der Berliner, dass man Politikern vertrauen kann. Mehr als die Hälfte der Befragten stimmten vollkommen oder teilweise der Behauptung zu, dass Parteien vor allem an den Stimmen der Wähler interessiert sind und weniger an ihren Ansichten.
  • Die Werte variieren jedoch je nach politischer Orientierung der Befragten. Während die Demokratiezufriedenheit unter FDP- und CDU-Wählern am höchsten ist, sind AfD und Nichtwähler der Politik gegenüber besonders misstrauisch. Unter den Anhängern der AfD ist zudem über die Hälfte der Meinung, dass das Beste für Deutschland "eine einzige Partei wäre", die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.
  • Auch unter den Bewohnern der Hauptstadt sind Vorurteile verbreitet. 45 Prozent der Berliner haben mindestens einer Aussage zugestimmt, die ein gruppenbezogenes Vorurteil enthielt. Besonders betroffen sind Langzeitarbeitslose: So gehen 27 Prozent der Befragten davon aus, dass Arbeitslose sich auf Kosten der Allgemeinheit ein "schönes Leben" machten. Aber auch Muslime, Asylbewerber oder Sinti und Roma sind laut Monitor häufig Opfer von Vorurteilen.
  • Die Folgen dieser Vorurteile machen sich offenbar auch im Berliner Alltag bemerkbar. 57 Prozent der Berliner geben an, dass sie sich schon einmal diskriminiert gefühlt haben, die meisten aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft. Gerade junge Leute berichten häufig von entsprechenden Erfahrungen.
  • Die Autoren der Studie vermuten, dass die Sensibilität für Diskriminierung in den jüngeren Generationen zugenommen hat. Gleichzeitig sehen sie angesichts der hohen Zahl von Diskriminierungserfahrungen auch einen "beachtlichen Handlungsbedarf", der politisch angegangen werden müsse.


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