Geheimdienstexperte über Mord an Georgier "Die deutsche Beschwichtigungspolitik ist gescheitert"

Steckt ein russischer Geheimdienst hinter dem Mord an einem Exil-Georgier in Berlin? Der Sicherheitsexperte Edward Lucas sieht klare Hinweise darauf - und wirft der Bundesregierung vor, zu milde mit Moskau zu sein.
Tatort in Berlin: "Ein bisschen ungeschickt"

Tatort in Berlin: "Ein bisschen ungeschickt"

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Zur Person
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Der britische Sicherheitsexperte Edward Lucas, Jahrgang 1962, ist Senior Vice President des US-amerikanischen Thinktanks "Center for European Policy Analysis". Er arbeitet unter anderem zu den Themen Spionage, Cybersicherheit und Information Warfare. Lucas ist Autor von Sachbüchern und arbeitete als Journalist bei "The Economist", für den er als Korrespondent auch in Berlin, Wien und Moskau tätig war.

SPIEGEL ONLINE: Am vorletzten Freitag wurde der Georgier Zelimkhan Khangoshvili in Berlin ermordet. Die bisherigen Spuren deuten auf Verbindungen des mutmaßlichen Täters zum russischen Militärgeheimdienst hin - waren Sie überrascht über den Fall und die mutmaßlichen Hintergründe ?

Edward Lucas: Überrascht hat es mich nicht wirklich. In Deutschland sind die drei großen russischen Geheimdienste FSB, SWR und GRU breit vertreten. Sie sind teilweise mit diplomatischem Cover, also an den Botschaften, aber auch komplett klandestin im Land aktiv. Mich fasziniert der Fall, aber der Verhaftete wirkt für mich nicht wie ein professioneller Geheimdienstoffizier.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht, die Tat wirkt nicht wie die eines Laien?

Lucas: Weil Vadim Sokolov ein bisschen ungeschickt war und erwischt wurde. Das sollte einem Profi eigentlich nicht passieren. Wäre er ein GRU-Offizier, hätte man die Waffe wahrscheinlich nicht gefunden. Sein echter Pass mit falschen Personalien lässt jedoch deutlich auf einen russischen Geheimdienst im Hintergrund schließen.

SPIEGEL ONLINE: Der Pass wurde elf Tage vor dem Visumsantrag für die Reise nach Frankreich ausgestellt und hat keine biometrischen Daten enthalten. Wie kann so etwas passieren?

Lucas: Der Pass, die falschen Angaben, das ist alles ziemlich seltsam. Wenn ich der französische Nachrichtendienst wäre, würde ich einige sehr scharfe Fragen an die Mitarbeiter der eigenen Botschaft in Moskau stellen. Die Frage nach einem möglichen Helfer unter den Angestellten muss erlaubt sein.

SPIEGEL ONLINE: Bisher hält sich die Bundesregierung mit öffentlichen Aussagen und Bewertungen zu dem Fall zurück. Ist diese Zurückhaltung angebracht?

Lucas: Dieses sichtbare Unbehagen der deutschen Politik ist für mich nicht überraschend. Ich habe den Eindruck, dass sie versuchen, es herunter- anstatt hochzuspielen. Die Ermittlungen hätten schon lange von Bundesbehörden übernommen werden müssen. Mein Eindruck ist, dass sich nicht viel in Deutschland getan hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Lucas: In einigen europäischen Ländern ist man schon länger enttäuscht über die zaghaften Bemühungen der Deutschen gegenüber Russland. Nicht so sehr mit der operativen, nachrichtendienstlichen Ebene, sondern der politischen.

SPIEGEL ONLINE: Ihrer Meinung nach sind die Deutschen zu zögerlich?

Lucas: Wenn ein russischer Spion enttarnt wird, heißt es oft nur: Bitte geh nach Hause, deine Entsendung endet vorzeitig. In Deutschland wird alles sehr geräuschlos geregelt. Das hat zur Folge, dass die Russen das Land nicht wirklich ernst nehmen. Und wenn sie einen Tschetschenen abknallen wollen, gehen sie nach Berlin und machen es dort, wo sie glauben, dass nichts passieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Gehört der Fall des russischen Agenten-Ehepaars Heidrun und Andreas Anschlag dazu, das vor etwa acht Jahren verhaftet wurde und bei dem die Bundesregierung zunächst einen Agentenaustausch angeboten  hatte?

Lucas: Dieser und weitere. Wir haben die radioaktiven Spuren in Hamburg im Zusammenhang mit dem Mordanschlag auf Alexander Litwinenko, der in London vergiftet wurde, und den Fall des Nato-Spions Herman Simm, der für die Russen und den BND arbeitete.

SPIEGEL ONLINE: In all diesen Fällen gab es Ermittlungen oder Untersuchungen. War das nicht genug?

Lucas: Es muss mehr Strafverfolgung und Sanktionen geben. Schauen Sie, in estnischen Gefängnissen gibt es wahrscheinlich mehr russische Spione als im übrigen Europa zusammen. Weil dort konsequent juristisch gegen die Spione vorgegangen wird. Was glauben Sie, was mehr abschreckt? Nach Hause geschickt oder in ein Gefängnis gesteckt zu werden?

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte die Bundesregierung im Fall von Sokolov denn ihrer Meinung nach handeln?

Lucas: Die deutsche Beschwichtigungspolitik mit Putin ist aus meiner Sicht gescheitert. Russische Spione sollten öffentlichkeitswirksam ausgewiesen und die Ermittlungen auf höchster Ebene geführt werden. Wenn Russland mit der Ermordung von Khangoshvili ohne Konsequenzen durchkommt, muss man fragen: Wer wird das nächste Opfer sein?

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