Tod im Kleinen Tiergarten von Berlin Ermittler gehen von Auftragsmord der russischen Regierung aus

Der Mord an einem Exil-Tschetschenen im vergangenen Sommer blieb mysteriös - bis Recherchen des SPIEGEL und von Bellingcat eine Beteiligung des russischen Geheimdienstes FSB nachwiesen. Nun klagt der Generalbundesanwalt den mutmaßlichen Täter an und benennt die Verantwortlichen.
Tatort Kleiner Tiergarten in Berlin, im August 2019

Tatort Kleiner Tiergarten in Berlin, im August 2019

Foto: Paul Zinken/DPA

Generalbundesanwalt Peter Frank wirft der russischen Regierung vor, den Mord an einem Exil-Tschetschenen im Sommer des vergangenen Jahres in Auftrag gegeben zu haben. "Stellen der Zentralregierung der Russischen Föderation" hätten den Täter "beauftragt, das Opfer zu liquidieren", heißt es nach SPIEGEL-Informationen in Karlsruhe unter Berufung auf die Anklageschrift gegen den mutmaßlichen Mörder.

Im August vergangenen Jahres war der Exil-Tschetschene Zelimkhan Kangoshvili am helllichten Tag im Berliner Kleinen Tiergarten erschossen worden. Augenzeugen berichteten bereits kurz darauf von Vorgängen "wie bei einer Hinrichtung". Der Täter hatte sich Kangoshvili auf einem Fahrrad genähert und ihn mit zwei Schüssen getötet.

Die Bundesanwaltschaft hat am heutigen Donnerstag Anklage gegen den mutmaßlichen Mörder erhoben, einen russischen Staatsbürger namens Vadim Krasikov. Er war bereits kurz nach dem Mord an Kangoshvili festgenommen worden, nachdem Jugendliche ihn dabei beobachtet hatten, wie er kurz nach der Tat in einem Gebüsch verschwand und danach sein Fahrrad und einen Beutel in der Spree versenkte.

Bei seiner Festnahme wies Krasikov sich noch als "Vadim Sokolov" aus. Doch Recherchen des SPIEGEL und seiner Kooperationspartner Bellingcat, "The Insider" und The Dossier Centre zeigten bereits unmittelbar danach, dass diese Identität gefälscht sein dürfte. Zahlreiche Indizien sprachen für eine Beteiligung staatlicher russischer Stellen an der Schaffung der Identität "Sokolov".

Dass es sich bei dem Mörder in Wahrheit um den Mann namens Krasikov handelte, konnten die Ermittler anhand einer später zurückgenommenen Fahndung aus Russland nachvollziehen. Moskau hatte Krasikov nach einem ebenfalls von einem Fahrrad herab ausgeführten Mord 2013 international gesucht. Später hatten russische Behörden die Fahndung zurückgenommen – obwohl Krasikov nie vor Gericht kam. Ein Bildvergleich der Fahndungsfotos für Krasikov mit den Bildern in Sokolovs Pass hatte sehr hohe Übereinstimmungen ergeben.

Der SPIEGEL und die Investigativplattformen Bellingcat und "The Insider" konnten in der Folgezeit belegen, dass Krasikov im Vorfeld des Mords eng im Austausch mit Mitgliedern der Wympel-Organisation stand , einem Verein ehemaliger Angehöriger einer Eliteeinheit des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Mehrfach hielt er sich vor der Tat in unterschiedlichen Trainingszentren der Einheit auf.

Das Opfer Kangoshvili war ein Tschetschene aus Georgien. Er hatte bereits im zweiten Tschetschenien-Krieg gegen russische Kräfte gekämpft. Später hatte er für georgische Sicherheitsbehörden und in der Ukraine gegen russische Kräfte gearbeitet. Er hatte vor seinem Tod bereits einen Mordanschlag überlebt.

Russland hatte ihn zuvor als Terrorverdächtigen in Deutschland angeschwärzt. Er sei Mitglied des "kaukasischen Emirats", behauptete Moskau damals. In den vergangenen Jahren wurden mehrere im Exil lebende Ex-Tschetschenienkämpfer ermordet.

Ein Sprecher von Russlands Präsident Wladimir Putin hat in der Vergangenheit eine Beteiligung des russischen Staates an dem Mord zurückgewiesen. Allerdings hatte Putin persönlich Kangoshvili nach dessen Tod als "Banditen" bezeichnet.

"In Berlin wurde ein Krieger getötet, der in Russland gesucht wurde, ein blutrünstiger und brutaler Mensch", hatte Putin gesagt. Er wisse nicht, was mit Kangoshvili passiert sei. Dieser habe sich in einem verbrecherischen Umfeld bewegt. Da könne "alles Mögliche passieren", sagte Putin.

Tatsächlich hatte sich auch in den deutschen Sicherheitsbehörden lange der Verdacht gehalten, der Mord an Kangoshvili könnte auch mit organisierter Kriminalität zu tun haben.

Mit der Übernahme durch den Generalbundesanwalt wurden diese Thesen jedoch hinfällig. Schon als der Generalbundesanwalt die Ermittlungen in dem Fall übernommen hatte, verwies die Bundesregierung als Strafmaßnahme zwei russische Diplomaten des Landes. Als Begründung nannte sie damals die ungenügende Kooperation Moskaus bei den Mordermittlungen.

Im Mai dann verschärfte Berlin erneut den Ton. So will die Bundesregierung russische Hacker mit Verbindung zu den Geheimdiensten wegen der Beteiligung an einem Cyberangriff auf den Bundestag auf eine entsprechende EU-Sanktionsliste setzen lassen. Schon damals hieß es in Berlin, man behalte sich im Zusammenhang mit dem Tiergarten Mord weitere diplomatische Schritte ausdrücklich vor.

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