Erschossener Georgier Verfassungsschutz warnte schon Anfang 2017 vor Gefahr für späteres Mordopfer

Im Fall des Berliner Tiergartenmordes fordert das Kanzleramt Russland zur Kooperation auf. Nach SPIEGEL-Informationen befürchtete der deutsche Geheimdienst schon 2017, der später erschossene Georgier könnte in Gefahr sein.
Ermittler am Tatort in Berlin: Steckt der russische Geheimdienst hinter dem Mord an Khangoshvili?

Ermittler am Tatort in Berlin: Steckt der russische Geheimdienst hinter dem Mord an Khangoshvili?

Foto: Paul Zinken/ DPA

Der Chef des Bundeskanzleramts, Helge Braun (CDU), verteidigt die Entscheidung der Bundesregierung, zwei Mitarbeiter der russischen Botschaft auszuweisen, weil Russland eine Kooperation bei den Ermittlungen zum Mord an einem Georgier im Berliner Kleinen Tiergarten bislang verweigert.

"Die Ausweisungen sehen wir als sehr eindringliches Signal an die russische Seite, uns unverzüglich bei der Klärung der Identität und der Hintergründe zu der Person des mutmaßlichen Täters umfassend zu unterstützen", sagte Braun dem SPIEGEL. "Vor dem Hintergrund der monatelang fehlenden Unterstützung habe ich absolut kein Verständnis dafür, dass Russland empört ist oder sogar über Gegenmaßnahmen nachdenkt."

Der Georgier Zelimkhan Khangoshvili war Ende August im Kleinen Tiergarten in Berlin am helllichten Tag von einem Fahrradfahrer erschossen worden. Kurze Zeit später wurde der mutmaßliche Täter festgenommen. Inzwischen hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen in dem Fall übernommen. Er sieht "zureichende tatsächliche Anhaltspunkte", dass "staatliche Stellen" Russlands oder der zu Russland gehörenden Republik Tschetschenien den Mord in Auftrag gegeben hätten.

Nach SPIEGEL-Informationen hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz bereits im Februar 2017 einen Warnhinweis an die Behörden in Brandenburg und Berlin verschickt. Wenn Khangoshvilis Anwesenheit in Deutschland bekannt werde, so hieß es darin, drohe eine "Gefährdung seiner Person" - etwa von "prorussischen Akteuren" oder Getreuen von Ramsan Kadyrow, dem russischen Statthalter in Tschetschenien.

Das Opfer, der Georgier Khangoshvili, hatte im zweiten Tschetschenienkrieg gegen Russland gekämpft. Später arbeitete er jahrelang als Informant und Vermittler für georgische und ukrainische Antiterrorbehörden. Auch US-Dienste profitierten wohl von seinen Kontakten in die schwer zugängliche Kaukasusregion. Nach andauernden Bedrohungen und einem Attentat auf ihn war er zunächst in die Ukraine und später nach Deutschland geflohen. Sein Antrag auf Asyl wurde jedoch abgelehnt. Die Polizei hielt ihn zwischenzeitlich für einen islamistischen "Gefährder", der Verdacht erhärtete sich aber nicht.

Deutschland führt Verfahren gegen Skripal-Attentäter

Nach SPIEGEL-Informationen führen der Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt auch ein eigenes Verfahren gegen die beiden mutmaßlichen Skripal-Attentäter. Das kürzlich eingeleitete Ermittlungsverfahren mit dem Namen "Novi" hat Hinweise darauf ergeben, dass sich die beiden Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU in Deutschland aufgehalten haben. Im Jahr 2014 sollen sie drei Tage lang Station in der Gegend um Frankfurt gemacht haben.

Auf den russischen Überläufer Sergej Skripal war vor eineinhalb Jahren in Großbritannien ein Anschlag mit dem Giftgas Nowitschok verübt worden, er überlebte nur knapp.

Nach Recherchen des SPIEGEL und der Investigativplattform Bellingcat hatte wahrscheinlich auch der mutmaßliche Kommandeur der geheimen "Einheit 29155" des GRU Kontakte nach Deutschland. Sie wird neben dem Mordversuch auf Skripal mit weiteren Attentaten in Europa in Verbindung gebracht. Auch bei den Ermittlungen zum Mord an Khangoshvili führen Spuren zum russischen Verteidigungsministerium, dem der GRU unterstellt ist.

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