Anschlag am Breitscheidplatz Amri-Überwachung lieferte Hunderte Hinweise auf Straftaten

Nach dem Lkw-Anschlag in Berlin setzte die Polizei eine Taskforce ein, um die Ermittlungen gegen Attentäter Amri aufzuarbeiten. Ihr Bericht listet nach SPIEGEL-Informationen schwere Fehler auf.
Tatort am Berliner Breitscheidplatz

Tatort am Berliner Breitscheidplatz

Foto: Bernd von Jutrczenka/ dpa

Interne Ermittler haben weitere grobe Versäumnisse der Berliner Polizei im Fall des Attentäters Anis Amri entdeckt. So wurden zahlreiche abgehörte Telefonate nicht übersetzt und Observationen zu früh beendet - und damit Chancen verpasst, Amri vor dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz ins Gefängnis zu bringen. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Das geht nach SPIEGEL-Informationen aus dem 188 Seiten langen Bericht der Taskforce "Lupe" hervor, die der Berliner Polizeipräsident im Mai vergangenen Jahres eingesetzt hatte. Die Berliner Ermittler, so heißt es in dem Bericht, hätten es versäumt, "Vorgänge zusammenzuführen, Ermittlungen zu bündeln und auszuweiten sowie zielgerichtet Maßnahmen der Inhaftierung oder der Abschiebung gegen ihn zu initiieren".

Insgesamt stellte die Taskforce 254 Mängel im Umgang mit Amri fest, 32 bezeichnet sie als schwer, weil sie sich auf das Ermittlungsergebnis ausgewirkt hätten. So sei zum Beispiel in 590 der abgehörten Telefongespräche von strafbaren Handlungen die Rede gewesen, es habe klare Hinweise auf mindestens zehn verschiedene Straftaten Amris gegeben. Die Ermittler hatten allerdings jedes vierte Telefongespräch erst gar nicht auf Deutsch übersetzen lassen. Andere Dialoge seien nur unzureichend übersetzt worden.

"Grob lückenhafte Aktenführung"

Insgesamt rügten die Kontrolleure eine "grob lückenhafte Aktenführung". Konkrete Hinweise auf einen geplanten Anschlag habe es in den zwischen April und September 2016 abgehörten Telefonaten nicht gegeben. Allerdings bezeichnete Amri sich selbst als "Krieger", seine eigene Familie in Tunesien hielt ihn für einen Terroristen.

Anis Amri hatte wenige Tage vor Weihnachten 2016 in Berlin einen Lkw-Fahrer erschossen und dessen Sattelschlepper auf den Breitscheidplatz gesteuert, wo elf Menschen starben. Amri konnte fliehen und wurde wenige Tage später in Italien von der Polizei erschossen. In einem von der Terrororganisation "Islamischer Staat" veröffentlichten Video bekannte er sich zu der Terrorgruppe.

kno/wow
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