Angebliche Parteigründung Polizei löst illegales Treffen von Corona-Verharmlosern in Berliner Bar auf

Verschwörungsmythiker und Corona-Leugner wollten bei Bier und Espresso angeblich eine Partei gründen. Doch die Polizei löste das Treffen auf. Im Netz feiern sich die Anwesenden als Widerständler – und planen schon die nächste Aktion.
Polizisten bei der Auflösung des »Querdenken«-Treffens in der Bar in der Berliner Kollwitzstraße

Polizisten bei der Auflösung des »Querdenken«-Treffens in der Bar in der Berliner Kollwitzstraße

Foto: Paul Zinken / dpa

Sie stehen größtenteils ohne Maske und Abstand beieinander, auf dem Tresen geöffnete Bierflaschen und Espressotassen: In einer Bar in Berlin haben sich am Donnerstagabend nach Angaben der Polizei rund 20 Personen aus der »Querdenker«-Szene versammelt. Herbeigerufene Beamte lösten die Veranstaltung auf, die Teilnehmenden hätten sich nicht an die geltenden Corona-Maßnahmen gehalten. Am Rande wurde eine Journalistin angegriffen.

Bars und Restaurants sind aufgrund des Corona-Lockdowns derzeit geschlossen. Das Treffen war jedoch mehr als der Versuch, mitten in der Pandemie ein Feierabendbier zu trinken – die Versammelten hatten angeblich vor, eine neue Partei zu gründen. Gekommen waren Corona-Verharmloser und Anhänger der »Querdenken«-Szene. Das Event hatten sie live auf YouTube gestreamt, auch, als die Polizei hinzukam. Der »Tagesspiegel«  hatte zuerst darüber berichtet.

Impfgegner und Ufo-Forscher

Das Treffen fand in der Bar »Scotch & Sofa« in Prenzlauer Berg im Berliner Bezirk Pankow statt. Initiator des Treffens war Sören P., Betreiber der Bar. Mit anwesend waren unter anderem der »Querdenken«-Anwalt Reiner Füllmich, Carl-Richard Klütsch, Vorsitzender des Bündnisses Grundeinkommen, der Ufo-Forscher Robert Fleischer und die Berliner Hutmacherin Rike Feurstein, die im Netz unter dem Alias »Viviane Fischer« Stimmung gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung macht. Feurstein ist bekannt dafür, die Gefährlichkeit des Coronavirus zu leugnen. Covid-19 sei »einer Grippe sehr, sehr ähnlich«, Masken würden nicht schützen, behauptet Feurstein in Videos im Netz. Impfungen bezeichnet sie als »Teufelszeug«.

Die Anwesenden wollten angeblich eine Partei unter dem Namen »Team Freiheit« gründen. Ziel sei die Abschaffung der Corona-Maßnahmen und eine Umstrukturierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, sagte Feurstein in einem Netzvideo nach Auflösung der Veranstaltung.

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Tatsächlich dürfte die Aktion vor allem eine Provokation gewesen sein. Anwalt Reiner Füllmich ist vor Beginn der Veranstaltung im Livestream zu hören, wie er Mutmaßungen anstellt, was eine mögliche Störung durch Polizisten für ein Signal sende. »Das Gute ist, dass es gefilmt wird«, sagt Füllmich, »dass der Rest der Welt das mitkriegt.«

Füllmich gehört zur »Querdenken«-Szene. Er behauptet, die PCR-Tests zur Feststellung einer Corona-Infektion seien wirkungslos. Im vergangenen Herbst kündigte Füllmich eine Sammelklage in den USA an, die allerdings nur geringe Erfolgsaussichten haben dürfte. Interessenten konnten sich gegen eine Gebühr in Höhe von 800 Euro plus Mehrwertsteuer daran beteiligen. Auch den Virologen Christian Drosten will der Anwalt verklagen.

Dass eine von außen einsehbare Bar als Treffpunkt für die angebliche Parteigründung gewählt wurde, dürfte kein Zufall sein. Verschwörungsmythiker und Gegner der Corona-Maßnahmen versuchen seit einigen Wochen, verstärkt Gastronomen und Einzelhändler für ihren Protest zu gewinnen.

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Massive Werbung auf Telegram

Ein Krefelder Unternehmer hatte erst vor knapp zwei Wochen unter dem Motto »Wir machen auf« einen Massenprotest angekündigt. Der Mann gibt sich im Netz als Arzt aus und verbreitet Falschmeldungen über das Coronavirus. Die Aktion wurde massiv auf »Querdenken«-Kanälen im Messengerdienst Telegram beworben – am Ende blieben die meisten Geschäfte und Restaurants trotzdem zu.

Die Polizei betrat die Bar, als die Versammelten gerade eine mögliche Parteisatzung verlesen wollten. In Videos der Aktion ist zu sehen, wie sie die Beamten in Diskussionen verwickeln wollen. Zur Verstärkung rückte eine weitere Hundertschaft der Polizei an. Feurstein behauptete später in einem Video, die Polizei habe sie »bedrängt«. Nach gut fünf Minuten verlassen alle Beteiligten die Bar, die Polizei nahm die Personalien der Anwesenden auf.

Nachdem der Livestream beendet war, wurde nach »Tagesspiegel« -Informationen eine Journalistin angegriffen, die über das Treffen und die Räumung berichtete. Eine Teilnehmerin der Veranstaltung schlug ihr auf die Kamera, die Täterin wurde anschließend festgenommen.

Die Parteigründung soll nach Angaben von Beteiligten am Freitag fortgesetzt werden, angeblich wieder in der Bar.

mit dpa