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01. April 2019, 15:27 Uhr

Hauptstadt

Berlin, eine Kippe

Eine Kolumne von

Wenn es gegen unsympathische mutmaßliche US-Geld-Schwaben-Touristen geht, kann man sich selbst in Kreuzberg schon einmal mit dem Lebensmitteldiscounter Aldi solidarisieren.

Sie lag immer noch da. Einem der Arbeiter, die ständig dieses Bürohaus mit Presslufthämmern traktieren und konsequent einstauben, musste sie heruntergefallen sein, wahrscheinlich hatte er sie hinters Ohr geklemmt, und als er eines dieser riesigen undefinierbaren Bauteile in den Aufzug schieben wollte und dabei eine ungewohnt schnelle Arbeitsbewegung verrichten musste, ist sie ihm herausgerutscht und in die Ecke des Aufzugvorraumes gerollt: eine selbstgedrehte Zigarette.

Und weil das hier Berlin ist, bückte sich niemand und warf sie weg. Der Arbeiter nicht, der Putzdienst nicht, und auch keiner aus dem Bürovolk, das hier jeden Tag mehrmals hinauf- und hinunterfährt. Schau mal, sie liegt immer noch da, sagten wir zu einander. Tage vergingen, Wochen, zwischendurch musste jemand darauf getreten sein, die Zigarette war nun flach und lag umso stabiler.

Die platte Kippe, Symbol der deutschen Hauptstadt: Da liegt was? Steigen wir drüber. Da ist was kaputt? Nicht mein Problem. Da modert Müll? Gut, legen wir noch weiteren Müll dazu. Soll sich jemand darum kümmern. Anderswo mögen wohlmeinende Menschen ihre Freizeit damit verbringen, Unrat von der Straße zu klauben, hier machen wir so was nicht. Hat sowieso keinen Sinn.

Die Zustände sind sowieso unerträglich

Diese hartleibige Haltung des gemeinen Hauptstadtbewohners darf man nicht als Faulheit oder Desinteresse missverstehen, sie ist eine über Jahre erlernte Überlebensstrategie. Die Zustände sind sowieso unerträglich, also Augen zu und durch. Man gewöhnt sich daran.

Berlin verändert sich. In den vergangenen Jahren sind immer mehr Menschen in die Stadt gezogen, die offenbar nicht einsehen wollen, dass allzu großes Engagement sinnlos ist. Sie sind in großer Zahl mutmaßlich aus Schwaben und den USA allesamt nach Kreuzberg eingewandert und stören das eingeübte Zusammenleben. Sie eröffnen eine Bioeisdiele und zwei Häuser weiter noch eine Bioeisdiele, aber mit Salzeis. Mit ihrem geerbten Geld verderben sie die Preise, zahlen hohe Mieten und kaufen die finstersten Dreckslöcher zu Mondpreisen. Vor allem aber sind sie ständig überall.

Am Samstag gab es eine Demo in Kreuzberg. Nicht gegen den Klimawandel, das wird freitags erledigt, oder gegen den Mietenwahn, der ist erst nächste Woche dran, sondern für den Aldi in der Markthalle IX. Diese Markthalle gibt es seit 1891, sie ist eine von ehemals 14 städtischen Markthallen, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurden, um den Berlinern bei Wind und Wetter das Einkaufen zu erleichtern, auch herrschten hier bessere hygienische Bedingungen. Mit der Zeit kamen die Markthallen jedoch aus der Mode. Als ich vor Jahren einige Zeit in der Nähe der Markthalle IX wohnte, ging ich nur ungern hinein. Die tristen Stände wirkten alles andere als einladend, die ganze Halle hatte die Atmosphäre eines Trinkertreffs. Aber das war zuzeiten, als man im Winter noch auf dem Landwehrkanal Schlittschuhlaufen konnte und Roberto Blanco mit zwei Blondinen im Arm über den Ku'damm schlenderte, also sehr lange her.

Die faszinierende Welt der Honigsorten

Mittlerweile hat die Markthalle neue Betreiber und sich mit neuem Konzept zu einem Treffpunkt für Gutverdiener und Touristen gewandelt. Es gibt einen "Breakfast Market", den "Street Food Thursday", und am 12. April kann man sich bei einem "Try Food Tasting" die faszinierende Welt der Honigsorten erklären lassen. Früher wollte man nicht in die Markthalle, weil sie zu heruntergekommen war. Heute kann man aus Prinzip nicht mehr hingehen.

Denn das Prinzip des eingefleischten Berliners lautet: Meine Stadt ist kaputt und soll so bleiben. Und wehe, jemand kommt und will etwas verändern! Die Betreiber der Markthalle IX wollen nun den dort untergebrachten Aldi-Markt durch einen dm-Drogeriemarkt ersetzen, Aldi passt nicht mehr ins Konzept. Das geht natürlich überhaupt nicht. Also wurde demonstriert. Denn wo sollen die armen, alten, gehbehinderten Leute denn in Zukunft billig einkaufen? 100 Gramm Parmesan für über drei Euro können die sich nicht leisten. Und wie Honig schmeckt, wissen sie schon.

Wie hieß noch gleich die Nachbarin?

Wenn es gegen unsympathische mutmaßliche US-Geld-Schwaben-Touristen geht, kann man sich selbst in Kreuzberg schon einmal mit einem Lebensmitteldiscounter solidarisieren, der die Arbeitsbedingungen vom Hersteller bis zur Kassenkraft dermaßen durchoptimiert, dass bei der 500g-Packung Putenschnitzel für 2,99 Euro immer noch Gewinn hängen bleibt. Man könnte natürlich auch mal für die alte Nachbarin im Discounter 800 Meter weiter einkaufen gehen. Wenn man nur wüsste, wie die heißt.

Gestern hat ein Kollege das Foto einer Berliner Litfaßsäule auf Facebook gepostet. Die Litfaßsäulen sollen abgeschafft werden, offenbar informiert sich niemand mehr über die Auftritte von Berühmtheiten, indem er auf der Straße auf einen runden Plakataufsteller starrt. "Stoppt den Abriss der alten Säulen!" hat jemand auf die Säule geschrieben. Richtig so. Wir brauchen sie unbedingt und noch lange, die guten alten Litfaßsäulen. Was wäre Berlin ohne sie.

Letztens wollte ich ein Schild über der platten Kippe vor dem Büroaufzug anbringen, für mich gehörte sie mittlerweile zum schützenswerten Inventar, ein Hauptstadt-Kulturgut: "Selbstgedrehte Zigarette, Frühjahr 2019, Unbekannter Künstler". Aber irgendwer hatte sie weggeworfen.

Das ist nicht mehr mein Berlin.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes stand, die Demonstration für den Erhalt der Aldi-Filiale habe am Sonntag stattgefunden. Tatsächlich war sie am Samstag.

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