Aufwertung der Lesben- und Schwulen-Union Ausgerechnet die Berliner CDU

2015 war die Mehrheit der Berliner CDU noch gegen die Ehe für alle, jetzt gibt sie sich besonders progressiv. Parteichef Kai Wegner erklärt, warum er Lesben und Schwule in der CDU aufwerten will - und was er noch plant.

Berliner CDU-Chef Wegner: "Ich möchte, dass die Berliner CDU weiblicher wird"
CDU Berlin

Berliner CDU-Chef Wegner: "Ich möchte, dass die Berliner CDU weiblicher wird"

Ein Interview von


Das wohl größte Problem der Berliner CDU ist ihr verstaubtes Image. Schon einige Landeschefs haben das zu ändern versucht, mit überschaubarem Erfolg. Zuletzt scheiterte Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die im vergangenen Mai als Vorsitzende abgelöst wurde. Ihr Nachfolger Kai Wegner unternimmt nun einen neuen Anlauf.

Erster öffentlichkeitswirksamer Aufschlag: Ein Antrag der Berliner für den CDU-Bundesparteitag Ende November, der Organisation der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) den Status einer offiziellen Vereinigung wie etwa der Jungen Union zu geben. Und auch bei weiteren Themen versucht Wegner, aus seiner CDU eine moderne Großstadtpartei zu machen.

Lesen Sie hier das komplette Interview.

SPIEGEL: Sie wollen die LSU aufwerten, dabei hatte die Mehrheit Ihrer Mitglieder noch 2015 gegen die Ehe für alle votiert. Was ist da los in der Berliner CDU?

Wegner: Unser Landesverband war der Erste, der vor vielen Jahren die Lesben und Schwulen in der Union als Arbeitskreis anerkannt hat. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dass die LSU eine offizielle Vereinigung wird, wie beispielsweise die Junge Union oder die Frauen Union. Dafür setzen wir uns auf dem Bundesparteitag in Leipzig ein. Die LSU ist Teil der CDU, sie ist eine starke Organisation - und wenn ich mir die Lebenswirklichkeit in den Großstädten anschaue, brauchen wir ein entsprechendes Signal. Die CDU muss bereit sein für das 21. Jahrhundert.

Zur Person
  • Christoph Soeder/ DPA
    Kai Wegner, Jahrgang 1972, ist seit Mai 2019 Vorsitzender des Berliner CDU-Landesverbands. Von 2011 bis 2016 war Generalsekretär der Berliner CDU. Seit 2005 ist Wegner Bundestagsabgeordneter.

SPIEGEL: Interessant, dass ausgerechnet Sie das einfordern: Ihr Landesverband gilt als verschnarcht und ideenlos, eine Art altes Westberlin in CDU-Gewand. Was fällt Ihnen sonst noch ein, um dieses Image loszuwerden?

Wegner: Wir müssen deutlicher machen, dass die Berliner CDU längst den Finger am Puls der Stadt hat, zum Beispiel bei der Klubkultur und in der Kreativwirtschaft. Es war übrigens ein CDU-Politiker, der vor 70 Jahren die Abschaffung der Sperrstunde in Berlin angeschoben hat. In dieser Tradition sehen wir uns auch heute. Ich arbeite für eine Berliner CDU als moderne Großstadtpartei und starke Volkspartei. Damit wollen wir bei der nächsten Abgeordnetenhauswahl Erfolg haben.

SPIEGEL: Noch ist die Berliner CDU vor allem eine Männerpartei: Die zwölf Kreisverbände werden ausschließlich von Männern geführt, in der Abgeordnetenhausfraktion liegt der Frauenanteil unter zehn Prozent. Wie wollen Sie das ändern?

Wegner: Ich möchte, dass die Berliner CDU weiblicher wird. Mir war es wichtig, den Landesvorstand fast hälftig mit starken Frauen zu besetzen. Und auch mit Blick auf die Listenaufstellung für die Abgeordnetenhauswahl müssen wir den Frauenanteil deutlich erhöhen. Mindestens genauso wichtig ist das inhaltliche Angebot, um attraktiver zu werden für Wählerinnen und für Frauen, die bei uns mitmachen wollen.

SPIEGEL: Tatsächlich fordern Sie die Einführung von 24-Stunden-Kitas in jedem Bezirk und die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen zum Ausgleich von Entgeltlücken zwischen Männern und Frauen und bessere Arbeitszeitmodelle. Klingt wie SPD oder gar Linkspartei.

Wegner: Es geht nicht um links oder rechts, sondern um richtig oder falsch. Mein Anspruch ist ein lebensnahes Angebot für die Menschen. Zum Beispiel haben junge Frauen und Männer ein Problem in dieser Stadt, Familie und Beruf zu vereinen. Da muss es bessere Angebote geben als bislang. Berlin braucht nicht immer mehr Ideologie, sondern mehr gesunden Menschenverstand.

SPIEGEL: Aber was wird aus Ihrer Kernklientel? Neulich haben Sie sogar gesagt, künftig werde es zur Stärkung des Fahrradverkehrs gar nicht anders gehen, als Autofahrern in der Stadt Platz wegzunehmen.

Wegner: Das ist doch die Wahrheit. Vor zehn Jahren gab es noch nicht so viele Radfahrer in Berlin wie heute, natürlich muss eine Partei das berücksichtigen. Was allerdings nicht geht, ist eine ideologische Verkehrspolitik zu betreiben, wie es die Grünen und der rot-rot-grüne Senat einseitig gegen das Auto tun. Ich arbeite für eine Stadt, in der alle Verkehrsteilnehmer zu ihrem Recht kommen.

SPIEGEL: Wie passen Ihre Treffen mit Vertretern der ultrakonservativen WerteUnion ins Bild der modernen, liberalen Berliner CDU?

Wegner: Das sind Mitglieder der Berliner CDU. Es ist meine Aufgabe, mich mit ihnen auszutauschen. Das heißt nicht, dass ich alles teile, was die WerteUnion will. Ich glaube aber an die Idee der Volkspartei, dafür kämpfe ich. Wenn es um Kinderarmut, Abstiegsängste oder Rentner an der Armutsgrenze geht, bin ich zu einhundert Prozent sozial. Bei der Vielfalt der Lebensentwürfe und Familienmodelle ist kaum jemand so liberal wie ich. Berlin kann allerdings nur die liberale Stadt sein, die ich liebe, wenn auch Recht und Gesetz konsequent durchgesetzt werden. Da bin ich konservativ. Gelebte Vielfalt braucht ein sicheres Fundament.



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vossharburg 04.10.2019
1. Sargnägel sammeln
scheint auch in der Union immer sehr beliebt zu sein. Die CDU driftet weiter nach links und kapiert nicht, dass nur eine deutliche mitte-rechts Positionierung Erfolg verspricht. Bei den Lesben und Schwulen tummeln sich doch schon andere Parteien, was will man dort gewinnen? Da ist nichts zu gewinnen, bei den (früheren) Stammwählern ist aber immer noch etwas zu verlieren. Glückauf! Sargnagel gefunden!
brandmauerwest77 04.10.2019
2. Eine Frage
Muss jetzt jeder Mensch erstmal in eine bestimmte Schublade gesteckt werden , damit er überhaupt wahrgenommen werden kann ? Ein wahrlich bürokratischer Akt . Wäre es nicht einfacher, den Einzelnen so zu nehmen wie Er ist. Man könnte doch auch sagen, da gibt es eine "Junge Union", jeder ist willkommen , der da mitmachen will ? Nein, geht wohl nicht, also gründen wir eine lesbisch-schwule Union, eine Union für Dunkelhäutige, für Behinderte, für Kurzgewachsene usw. dann ist alles schön ordentlich und übersichtlich und alle bleiben unter sich, wie es schon immer war. Mal wieder typisch CDU, die lernen es nie. Lasst Euch in die Mottenkiste packen.
sober 04.10.2019
3.
So ist das mit den Konservativen in Deutschland: Solange es sich parteipolitisch lohnt, machen sie Stimmung gegen den Fortschritt und wenn sich irgendwann nicht mehr leugnen lässt, dass die "linken Spinner" eigentlich doch die ganze Zeit recht hatten, wechselt man schnell und ohne großen Erklärungsaufwand die eigene Position. Immerhin gelingt es der CDU auf diese Art, den konservativeren Teil der Bevölkerung mitzunehmen, dafür vielen Dank.
wwissen 04.10.2019
4. Was die CDU dort gewinnen könnte?
Zitat von vossharburgscheint auch in der Union immer sehr beliebt zu sein. Die CDU driftet weiter nach links und kapiert nicht, dass nur eine deutliche mitte-rechts Positionierung Erfolg verspricht. Bei den Lesben und Schwulen tummeln sich doch schon andere Parteien, was will man dort gewinnen? Da ist nichts zu gewinnen, bei den (früheren) Stammwählern ist aber immer noch etwas zu verlieren. Glückauf! Sargnagel gefunden!
Ein menschliches Gesicht zum Beispiel! Eines, das zeigt, dass auch die CDU nicht mehr ewig gestrig ist, sondern offene Augen und Ohren hat, auch für Schwule, Lesben, Transgender - und nicht eines, das dazu beiträgt, die Stimmung gegen diese Gruppen weiter anzufachen, wie es in jüngerer Zeit - AfD sei Dank, kotz! - wieder salonfähig zu sein scheint. Dass Sie die Einstellung haben, dass die CDU mit einer eigentlich selbstverständlich sein sollenden Politik ihren Sarg zunagelt, das sagt viel über Sie selbst aus.
shardan 04.10.2019
5. Mal eine Frage....
Eine Partei fällt im Ansehen der Wähler immer weiter. Nun geht jemand in der Partei hin, der immer gegen eine Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen war und macht quasi über Nacht eine 180-Grad-Wende. Frage Wie glaubwürdig ist das? Glauben die Wähler wirklich, dass das Überzeugung ist, oder ahnen die zumindest, dass es eher um Machterhalt als Gleichstellung geht und nach dieser Wende eben wieder die Wende kommen könnte? Die SPD resultiert sich mit Reformen der Marke "Sandkasten-(Re)förmchen", die CDU mit unglaubwürdigen Wendemanövern und Feuerzangenbowle-Amthor als Rezo-Antwort. Nur Strategien und Antworten auf Probleme der Bürger geben beide nicht, ebenso wenig wie andere Parteien. Nein, auch die AfD hat keine Antworten.
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