Berliner Dealer-Szene Drogen-Bürgerkrieg am Prenzlauer Berg

Die Fronten sind klar im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Seit eine Horde Dealer offen im Weinbergspark mit Drogen handelt, wächst der Widerstand gegen die Szene in dem In-Viertel. Etliche Kiezbewohner sind empört, andere aber gehören zu den besten Kunden der Drogenhändler.
Von Marie Preuß

Berlin - Der rötliche Sand auf den Wegen des Weinbergparks ist geharkt, der Rasen saftig grün. Auf den roten Bänken vor dem Café "Nola", das sich auf einer Anhöhe des kleinen Weinbergparks befindet, sitzt Lito und zieht an einem Joint. Sie ist zu Besuch in Berlin. Eigentlich lebt sie in Athen als Grafikerin. Im Park hat sie Marihuana gekauft. Dort, am Fuß der Treppe, die zur Terrasse des Cafés führt, stehen die Gestalten, über die sich ein ganzer Stadtbezirk die Köpfe heiß redet.

Der Weinbergspark liegt direkt an der Grenze zwischen dem Prenzlauer Berg und dem In-Viertel Mitte. Im Kiez der Kinder und Krippenplätze tummeln sich Schwangere, Mütter, Väter und ihre Sprösslinge. Aber neben Spielplätzen und bunten Cafés mit Namen wie "Glücklich am Park", wo es für Kinder Waffeln mit Vanilleeis und für Erwachsene einen Latte Macchiato gibt, hat der Prenzlauer Berg noch eine andere Seite. Junge Medienmacher, Studenten und Künstler bevölkern die Restaurants, Clubs und Kneipen. Eigentlich stammen beiden Gruppen aus demselben alternativen Milieu der Gebildeten und Besserverdienenden.

Wie in jeder großen Wohngemeinschaft, in der alle alles mitbenutzen dürfen, gibt es auch im Prenzlauer Berg Ärger. Es geht um den gemeinsamen Garten: Der Weinbergspark ist den einen nicht ordentlich genug, die anderen fühlen sich dennoch wohl und ärgern sich über das Spießertum der Mitbewohner.

Der Park kommt seit Monaten nicht aus den Schlagzeilen. Man las vom "Berliner Nadelstichkampf", dem "Frust der Polizisten am Weinbergspark" und "dunklen Geschäften am helllichten Tag".

Kein Wechselgeld mehr für Dealer

Kaja, 20, bedient im "Galao" am unteren Ende des Parks. Sie erzählt von zwölfjährigen Mädchen, die im Park von den Zischlauten der Dealer verfolgt werden, von kaputten Leuten, die sich vor dem Café herumtreiben und davon, dass sie und ihre Kollegen keine Hunderterscheine mehr wechseln, weil die Dealer mit den kleineren Scheinen ihre Geschäfte machen: "Wir sind da sensibler geworden."

Hassan ist einer der Dealer. Er ist Anfang 20, stammt eigentlich aus Algerien. Bevor er nach Deutschland kam, hat er in Frankreich gelebt. Deutsch braucht er für seine Kunden, das Geld zählt er auf Französisch, mit seinen Kollegen spricht er arabisch. Hassans Arbeitsplatz ist der Weinbergspark. Hier dealt er. Im Gefängnis war er schon öfter. Auch in Deutschland. Die Kapuze seines blauen Pullis tief ins Gesicht gezogen, mit dunklen Rändern unter den glasigen Augen sitzt er neben seinem Kumpel auf einer Bank. Neben ihnen blühen gelbe und rote Rosen. Die Beete sind frisch gejätet. "Ich such' eine Arbeit, aber ich brauch' jetzt Geld. Für mich gibt es keine Unterstützung." Nun dealt er eben. Andere Kollegen kommen herbei. Sie reden auf ihn ein. Die Fragerei ist ihnen unheimlich. Dann verziehen sie sich in den unteren Teil des Parks.

Tamara Zieschang von der Bürgerinitiative Weinbergspark kämpft nun schon seit drei Jahren gegen Hassan und Konsorten. Inzwischen ziehen Polizei, Anwohner, Barbesitzer und Politiker an einem Strang: Sträuche wurden gekappt, um den Park heller zu machen, die Polizeieinsätze wurden intensiviert und Mittel für eine zusätzliche Beleuchtung des Parks bewilligt. Aber ein Ende ist noch lange nicht abzusehen. "Man spart sich immer noch das Kino, wenn man mit seinen Kindern in den Park geht, um Razzien anzugucken", meint eine andere Mitarbeiterin der Intitiative sarkastisch. Die Bürgerinitiative geht davon aus, dass die Käufer der Drogen nicht aus dem eigenen Viertel kommen.

Die Polizei sieht das anders. Die Konsumenten, weiß Oliver Hartwich, stellvertretender Leiter des Abschnitts 31, gehören meist zur sozialen Mittelschicht. "Das sind keine Schwerstabhängigen." Die "Webdesigner", wie Thomas Meitz, Dienstgruppenleiter und zuständig für die Koordination der Einsätze im Weinbergspark, die Drogenkonsumenten nennt, kommen in den Park, um hier "abzuchillen". Es seien manche von denen, die man bei einem Bummel durch den Prenzlauer Berg im Erdgeschoss hinter Glasscheiben an ihren Computern sitzen sieht.

Dealen vor der Polizeidirektion

Das knallrote Gebäude der Polizeidirektion befindet sich an der Westseite des Parks. "Jeder Kollege hat ein großes Problem damit, dass die so unverschämt sind, direkt vor der Polizeidirektion zu dealen", empört sich Hartwich. Gegen die Dealer ist die Polizei dieses Jahr gut 3700 Stunden im Einsatz gewesen. Zu dem kontrollierten Gebiet gehört nicht nur der Weinbergspark, sondern auch die drei U-Bahnstationen der sogenannten "Drogen"-Linie 8 und die umliegenden Straßen. Hier wird auch mit härterem Stoff gehandelt. Die Polizei will die Drogenszene zwar aus dem Viertel verdrängen. "Lösen können wir das Drogenproblem nicht", sagt Hartwich.

Im Internet wird der Kampf gegen die Dealer kritisiert - unter falschem Namen. "Ordnungs- und Sauberkeitswahn" wurde der Bürgerinitiative Weinbergspark vorgeworfen, die auf einer Seite sogar als "rassistischer Mob" bezeichnet wird. "Felix Jourdan", der nur unter seinem "drogenpolitischen Künstlernamen" genannt werden will, weiß eine ganze Gruppe von Menschen hinter sich, die sich gegen die "Dealerhatz" aussprechen, wie er sagt. Öffentlich äußern wollen sie sich jedoch nicht.

"Jourdan" war in der Drogenhilfe tätig und fordert am Telefon die Freigabe aller Drogen, um Konsumenten und Dealer aus der Illegalität zu lösen. Vor einigen Monaten wurden - anonym - in den umliegenden Cafés Flyer verteilt mit dem Aufdruck: "Mach meinen Dealer nicht an." Tamara Zieschang von der Bürgerinitiative nimmt das gelassen und verweist darauf, dass die Kritiker auf ihrer Internetseite vom eigenen Publikum zurecht gewiesen wurden.

Auf einer Wiese im Weinbergspark liegen zwei Jungs. Einige Meter weiter steht ihr Freund, im Gespräch mit Hassans Kollegen. Nach einigen Worten wechseln Tütchen und Geldschein die Besitzer. Betont lässig verlässt der blonde Käufer den Tatort - und verschwindet wieder zwischen den "sauberen" Besuchern des Weinbergsparks.