Berliner Literaturfestival Kulturveranstalter droht Sarrazin mit Ausladung

Thilo Sarrazin verweigert beim Internationalen Literaturfestival in Berlin eine Diskussion seiner umstrittenen Thesen - und soll deshalb ausgeladen werden. Nur mit einer kritischen Gegenstimme auf dem Podium dürfe das SPD-Mitglied auftreten, teilte der Veranstalter mit.

Bundesbank-Mann Sarrazin (2009): Keine Diskussion auf dem Literaturfestival
DDP

Bundesbank-Mann Sarrazin (2009): Keine Diskussion auf dem Literaturfestival


Berlin - Thilo Sarrazin sorgt weiter für Wirbel: Nachdem erste Auszüge seines neuen Buchs "Deutschland schafft sich ab" großen Widerspruch provoziert hatten, droht dem 65-Jährigen nun die Ausladung vom Internationalen Literaturfestival in Berlin.

Sarrazin und sein Verlag hätten die Einladung eines kritischen Gesprächspartners aufs Podium abgelehnt, teilte der Veranstalter, das Berliner Haus der Kulturen der Welt, am Mittwoch mit. "Bleibt es bei dieser Haltung, wird die Veranstaltung bei uns nicht stattfinden", sagte Intendant Bernd M. Scherer.

Sarrazin hatte im Rahmen des Literaturfestivals am 25. September zum Thema "Zukunft Deutschland" sprechen sollen. Das Haus der Kulturen der Welt halte die kritische Auseinandersetzung mit seinen "polemischen Thesen" für notwendig, sie seien völlig konträr zur Grundhaltung des Hauses, sagte Scherer.

Durch Sarrazins ablehnende Haltung werde die gewünschte Form der Auseinandersetzung jedoch konterkariert. "Das können wir nicht tolerieren", so der Intendant. Gegen Sarrazins Einladung hatte zuvor schon der Migrationsrat Berlin-Brandenburg Protest eingelegt.

SPD distanziert sich

Der SPIEGEL hatte vorab Auszüge aus Sarrazins neuem Buch gedruckt. Darin warnt der 65-Jährige vor einer Überfremdung Deutschlands: Muslimische Einwandererfamilien profitierten überproportional von Sozialleistungen und leisteten keinen Beitrag zum Wohlstand. Sarrazin fordert hohe Hürden für die Zuwanderung und strenge Anforderungen an hier lebende Menschen mit ausländischen Wurzeln. Vor allem der polemische Ton provoziert Widerspruch.

Die SPD hat sich von Sarrazin distanziert. Parteichef Sigmar Gabriel legte dem früheren Berliner Finanzsenator einen Austritt aus der Partei nahe. Auf die Frage, warum Sarrazin noch SPD-Mitglied sei, sagte Gabriel am Dienstagabend in Worms: "Das weiß ich auch nicht." Die Äußerungen des jetzigen Bundesbank-Vorstands seien zum Teil "dämlich" und dessen Sprache mitunter "gewalttätig".

Der Integrationsexperte der Berliner SPD, Raed Saleh, warf Sarrazin Rassismus vor. Sarrazin vertrete "im Grunde Gedanken der NPD und von 'Pro Deutschland'", sagte Saleh im Deutschlandradio Kultur.

hut/phw/dpa-afx/ddp



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