Berliner Präsidentenjagd Merkels geheime Mission

Verfolgungsjagden, vertauschte Nummernschilder und konspirative Treffen in einer Wohnung in Charlottenburg: Die Suchaktion von Union und FDP nach einem gemeinsamen Kandidaten für das höchste Staatsamt erinnert an eine billige Agentenposse.

Berlin - Jagdszenen aus dem Grunewald: CDU-Chefin Angela Merkel trifft sich am Abend, kurz vor einem Spitzengespräch mit CSU-Chef Edmund Stoiber und FDP-Chef Guido Westerwelle, im Grunewald mit dem Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ludolf-Georg von Wartenberg.

Vor der Tür lauern Journalisten, die Aussagen Merkels und Informationen über das geheime Gespräch der Oppositionsspitzen erwarten. Weil der Ort des Treffens lange geheim blieb, beziehen TV-Teams an möglichen Treffpunkten Stellung, darunter die CDU-Zentrale und die bayerische Landesvertretung.

Bei dem Treffen im Grunewald fuhr nach Angaben eines Redakteurs des Privatsenders N24 Merkels Auto, ein dunkler BMW mit Hamburger Kennzeichen, gegen 21 Uhr in die Tiefgarage - und kam 15 Minuten später mit einem anderen Kennzeichen (NR für Neuwied/Rhein) und Merkel auf dem Rücksitz wieder heraus. Mehrere Journalisten wollten Merkel mit ihren Autos verfolgen, ein Begleitfahrzeug der CDU-Chefin versperrte aber den meisten von ihnen den Weg. Teilnehmer sprachen von einer "Jagd durch die Stadt". Am Ende hielt Merkels Wagen nach rasanter Fahrt vor Westerwelles Wohnung im Stadtteil Charlottenburg.

Szenenwechsel: Auf dem Flughafen Berlin-Tegel landet Edmund Stoiber. Auch er wird von Fernsehteams und anderen Journalisten erwartet. Er steigt wortlos in ein Auto mit Münchner Kennzeichen und fährt, ebenso mit hohem Tempo, zu Westerwelle. Augenzeugen werden später zitiert, Stoibers Kolonne aus zwei Fahrzeugen sei teilweise mit Blaulicht gefahren und habe die journalistischen Verfolger an einer roten Ampel abgehängt.

Etappensieg für Westerwelle

Herausgekommen ist bei dem ganzen Spektakel am Ende freilich nichts. Das Parteivorsitzenden-Trio konnte sich nicht auf einen Kandidaten einigen. Alles, was sich herauskristallisierte, war: Der von der Union, insbesondere der CSU, forcierte Kandidat Wolfgang Schäuble findet nicht das Plazet des FDP-Vorsitzenden. Westerwelle wehrte sich standhaft gegen den Vorschlag.

Mit der Verhinderung einer Kandidatur Schäubles konnte der nach dem Hamburger Wahldebakel angeschlagene Westerwelle - wohl mit Duldung Stoibers und Merkels - einen Etappensieg verbuchen. Damit hat er aber aus FDP-Sicht auch Merkel und Stoiber einen Gefallen getan. Denn in deren eigenen Reihen war Schäuble bis zuletzt umstritten.

Es bestand nach wie vor die Gefahr, dass Schäuble unmittelbar nach seiner Nominierung auf Grund seiner nicht aufgearbeiteten Verwicklung in die CDU-Spendenaffäre vom politischen Gegner und den eigenen Leuten als Kandidat demontiert werden könnte. Ähnliche Erfahrungen hatte das christlich-liberale Lager bereits vor zehn Jahren mit dem Kandidaten Steffen Heitmann gemacht.

Nach Angaben aus CDU-Kreisen kommen als Alternativkandidaten nun die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan (CDU) sowie der Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Horst Köhler, in Frage. Auch in der FDP hieß es, vieles laufe nun auf Schavan hinaus. FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt wurden selbst in den eigenen Reihen wenig Chancen eingeräumt.

Endet der Thriller morgen früh?

"Sie werden verstehen, dass ich mich zum jetzigen Zeitpunkt über Namen nicht äußern kann", bekräftigte Merkel. Stoiber sagte, eine endgültige Personalentscheidung sei noch nicht gefallen. Er sei zwar optimistisch, dass man sich einigen könne, fügte aber hinzu: "Wenn das nicht der Fall sein sollte, dann werden wir darüber beraten." Die Präsidien von CDU, CSU und FDP wollen heute Abend die neue Lage erörtern. Schon am Mittag kam die CSU-Landesgruppe zusammen.

In der Union, aber auch in der FDP geht man immerhin davon aus, dass das unwürdige Schauspiel morgen früh zu Ende geht. Merkel hat die Unionsfraktion zu einer Sitzung um 8.30 Uhr eingeladen. "Was soll eine solche Sitzung, wenn es dort nichts zu vermelden gibt", heißt es aus der Spitze der Fraktion.

Wie das Rennen um die Kandidatur für das höchste Staatsamt ging auch die Verfolgungsjagd heute weiter. Am Vormittag zog Stoiber bei seiner Fahrt durch Berlin wieder Journalisten hinter sich her, die erneut an einer roten Ampel abgehängt wurden. Der Berliner Polizei war nach Angaben eines Sprechers von den Verfolgungsfahrten allerdings nichts bekannt.

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