"Berliner Rede" Wenn Gysi träumt

Eine so genannte "Berliner Rede" hält normalerweise der Bundespräsident alle paar Monate vor Ehrengästen in Berlin. Jetzt ahmte das Gregor Gysi (PDS) nach und philosophierte vor ausgewähltem Publikum über die Zukunft der Hauptstadt an sich und über Terrorismus. Begrenzte Militärschläge sind für ihn plötzlich normal.

Von Holger Kulick


Der Hauptstadtphilosoph
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Der Hauptstadtphilosoph

Berlin - Wer gesellschaftsfähig werden will, muss auch salonfähig sein. Mit dieser Wahlkampfweisheit wollte Berlins PDS am Montagabend einen Wahlkampfhöhepunkt setzen, der jedoch viele Schwachpunkte offenbarte. Exklusiv wurden 250 Ehrengäste im gedeckten Dunkel zu einer geschlossenen Veranstaltung geladen, dagegen bekam "normales" Wahlvolk von dem Termin nichts mit. So reichte die Bandbreite vom früher bornierten DDR-Schriftsteller Hermann Kant bis zu prominenten Berliner Schauspielern, wie Wolfgang Völz, der in vergangen Wahlkämpfen eher durch Werbung für die SPD auffiel.Anerkennenswert, aber etwas aufgesetzt begann die Zusammenkunft in der alten Nikolaikirche Berlins mit einer Schweigeminute für alle Opfer des Terrorangriffs auf Amerika. Der Saalhintergrund war in Schwarz gehalten, mit dem simplen Motto in weißer Schrift: "Innere Einheit durch gemeinsame Zukunft". Auch die Kirche im alten Nikolaiviertel wurde mit Bedacht gewählt, sie gehört zur Berliner Stiftung Stadtmuseum und steht dort, wo Berlins Geschichte begann und neu aufgebaut wurde - genau das, was die PDS jetzt mit der Hauptstadt will.

Terrorbekämpfung auch mit MilitärZunächst sprach sich der Berliner PDS-Spitzenkandidat dafür aus, im Kampf gegen den Terrorismus auch mit militärischen Mitteln vorzugehen. Nicht vom Krieg, sondern nur vom Kampf gegen den Terror dürfe dabei aber die Rede sein, weil das Wort Krieg ausschließlich militärische Mittel bedeute. Die Täter seien zu ergreifen, auch mittels einer begrenzt operierenden militärischen Eingrifftruppe, Unschuldige dürften dabei aber nicht sterben. Um seine eigene Basis zu beruhigen, erinnert Gysi zugleich an die "Zehntausende von Terroropfern in Algerien, Ruanda, Kongo, Angola, Tschetschenien, an die Steinigung von Frauen im Iran oder die tägliche Unterdrückung und Misshandlung der Frauen in Afghanistan". Ungewohntes Kleben am Text Dann widmete sich Gysi seinem eigentlichen Thema - Berlin. Mehrere Berater hatten Gysis schon seit Wochen angekündigte "Berliner Rede" mitverfasst, federführend redigierte ihm sein Wahlkampfleiter André Brie bis kurz vor Redebeginn noch Änderungen hinein. So klebte Gysi ablesend am Manuskript und verlor beträchtlich an Authentizität und Glaubwürdigkeit, denn normalerweise redet er frei. Das aufgesetzt staatsmännische stand ihm noch wenig, das lag auch an vielen Plattitüden wie dieser: "Eine Stadt, die sich nur pflichtgemäß engagiert, wird auch nicht Hauptstadt - Voraussetzung ist der permanente Aufstand der Anständigen und Zuständigen! Aufstehen, wo andere noch sitzen bleiben - damit beginnt das Hauptstadtdasein". Redlich bemühte sich Gysi um die Rolle eines Hauptstadtphilosophen, eine Eigenschaft die seinen Gegenkandidaten bislang gänzlich fehlt. Im Prinzip zählte er aber Punkte auf, die eigentlich Selbstverständlichkeiten sind: "Die neunziger Jahre warendas Jahrzehnt der Anpassung des Ostens an den Westen, das ersteJahrzehnt des neuen Jahrhunderts wird das Jahrzehnt der beginnendenHerausforderung des Westens durch den Osten", kündigte er blumig an.

Haushaltskrise ausgespartDabei benutzte Gysi viele einprägsame Bilder, allerdings wenig konkrete Umsetzungsideen, wie es nun wirklich gelingen soll, Berlins angebliche "provinzielle Enge und selbstgenügsame Verfilzung abzustreifen". Dafür bräuchte die Stadt "vor allem einen intellektuellen und zweitens einen ökonomisch-sozialen Schub". Den zentralen Punkt Finanzen sparte Gysi aber aus, abgesehen von lapidaren Nebensätzen wie "Haushaltssperren müssen vermieden werden".

Berlin als "Orientierungsort" Stattdessen versuchte er sich als Visionär mit Zukunftsideen, die wohl jedem einfallen würden, der ein Modell für die Stadt entwickeln soll. So könne "die deutsche Hauptstadt ein Orientierungsort sein, an dem früher aufgebauteKontakte zum östlichen Teil Europas und spezielle Sprachkenntnissegenutzt werden könnten. Um dieses Potenzial stärker zum Einsatz zubringen, benötige die Stadt eine neue Politik. "Die Große Koalition von CDU und SPD hat die Frage nach dem Zweckder Hauptstadt nie ernsthaft gestellt, sie meinte, mit derFortsetzung der alten Berlin-Förderpolitik sei sie bereitsbeantwortet", sagte Gysi. Die Planwirtschaft Ost sei zwarverschwunden, die Subventionswirtschaft West beharre dagegen. Dasgarantiere überbordende Verwaltung, Stillstand, Provinzialität,Rechthaberei und schlechte Laune.

Gysi will mehr WissenZukunft soll Berlin vor allem dadurch entwickeln, dass sich die Stadt zur Wissensmetropole mausere. Ein gemeinsames Ziel müsse es sein, den Anspruch des Nachkriegsbürgermeisters Ernst Reuter (" Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!) heute umgekehrt zu verwirklichen: "Berlinerinnen und Berliner - schaut auf diese Welt! Schaut auf eure Nachbarschaft! Öffnet die Arme, eure Blicke, euren Verstand, eure Seelen!", formulierte Gysi und kündigte an, für ein neues "Toleranzedikt" eintreten, das "jenes von Potsdam auf die Höhe der ungeheuren Herausforderungen und Schwierigkeiten von heute hebt".

Keine große BegeisterungDoch mit solchen Schlagworten ließen sich kaum zusätzliche PDS-Wähler gewinnen, lästerten am Ende mehrere Teilnehmer, darunter sogar Gysis Mistreiterin aus der PDS-Bundestagsfraktion, die Finanzexpertin Christa Luft: "Das war eine Rede, wie man sie 1990 nach der Wende gehalten hat".Mit letzter Kraft warb Gysi am Ende noch dafür, anzuerkennen, dass es eigentlich immer eine linke Mehrheit in der Stadt gegeben habe, die sich jedoch nie beweisen konnte. Jetzt aber habe die PDS zu einem "humanistischen Sozialismus" zurückgefunden und sei "demokratisch geläutert". Die politischen Erben von KPD und SED hätten sich darauf besonnen, "dass sowohl die KPD als auch die SED sozialdemokratische Wurzeln hat".Das nächste MedieneventZu diesem Zeitpunkt wirkten die meisten der 250 Zuhörer aber schon redlich erschöpft und spendeten auch nur freundlichen, aber keinen enthusiastischen Applaus. So dürfte Gysi diese Inszenierung nur bedingt geholfen haben, gestern wirklich koalitionsfähiger für die SPD geworden zu sein. Das wird ihm eher mit konkreten Taten bei anderen Medienevents gelingen, wie heute Nachmittag eins ansteht: Daniel Barenboims Vertrag mit Berlin wird endlich verlängert. Ausgehandelt hat Gregor Gysi das Dokument.



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