Berliner Sumpf Diepgen-Kritiker machen Druck

Die CDU-nahe Initiative "Berlin braucht Bürger" fordert heute in Anzeigen in Berliner Tageszeitungen die Delegierten zur morgigen Landesvertreterversammlung auf, den ehemaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen nicht zur Bundestagswahl zu nominieren. Die Stimmung innerhalb der Berliner CDU ist angespannt.


Forderung an Diepgen: Verzicht auf Bundestagskandidatur.
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Forderung an Diepgen: Verzicht auf Bundestagskandidatur.

Berlin - Die Hauptstadt-CDU macht auf verschworene Gemeinschaft bei der D-Frage: Soll Eberhard Diepgen in den Bundestag - ja oder nein? Nachfragen bei den Kreisverbänden, die die 350 Delegierten für die Landesvertreterversammlung am Samstag stellen, werden unisono mit "wir halten uns bedeckt" beschieden. Ob die Sensation eintritt und Eberhard Diepgen auf Druck seiner innerparteilichen Gegner die Kandidatur für den Bundestag versagt bleibt, ist noch offen. Die Truppen für die personelle Erneuerung in der Berliner CDU haben sich offenbar noch nicht formiert. Auf Nachfrage bestätigten Sprecher der CDU-Kreisverbände jedoch, dass es eine Diskussion um Diepgens Kandidatur geben werde.

Erste Anzeichen für eine innerparteiliche Revolte gab es am Montag im Landesvorstand. Mit nur 10:8 Stimmen wurde der über den Bankenskandal gestürzte Ex-Regierende auf den Spitzenplatz nominiert. Teilnehmer der Sitzung sprachen hinterher von einer "grauenhaften Veranstaltung, die demütigend für Diepgen" gewesen sei. Gegen Diepgens Kandidatur sprach sich Ingo Schmitt, CDU-Kreischef von Charlottenburg/Wilmersdorf, aus. Er forderte einen "Neuanfang" mit Diepgens Konkurrenten Günter Nooke auf Platz eins der Liste für die Bundestagswahl. Bis zu einer Unterbrechung der Krisensitzung soll es auch nach einem 11:7 für Nooke ausgesehen haben, berichten Sitzungsteilnehmer: "In der Pause wurden dann noch mal entscheidende Gespräche geführt." Schwerer Stand für Eberhard Diepgen.

CDU-Mann Uwe Lehmann-Brauns, langjähriger Diepgen-Kritiker, schließt nicht aus, dass es um jeden einzelnen Wahlvorschlag am Sonnabend eine Debatte geben werde, also auch um Eberhard Diepgen. Bedeckt hält sich auch Rainer Bleiler, Vorsitzender des Ortsverbandes Kreuzberg-West. Natürlich könne es bei Diepgens Kandidatur noch Überraschungen geben, dieser habe gute Chancen sich knapp durchzusetzen, es könne aber auch sein, dass er knapp durchfalle, meint Bleiler.

Landesvorstandsmitglied und Junge-Union-Chef Kai Wegner hält "inhaltlich nicht viel" von der Anzeigenkampagne gegen Diepgen, die "über 50.000 Euro" gekostet haben soll. Die Delegierten würden "klug und weise" entscheiden. Bei der Kandidatur von Eberhard Diepgen werde es "keine Überraschung geben", prophezeit Wegner. Michael Borgis, CDU-Vize-Kreischef von Steglitz/Zehlendorf, findet, dass die Anzeigenkampagne gegen den Ex-Regierungschef eine "Ungeheuerlichkeit" sei. Diepgen habe 16 Jahre lang gegen eine linke Mehrheit im Parlament für den "sozialen Frieden" in der Stadt gekämpft. Er habe es verdient, als ehemaliger Regierender Bürgermeister jetzt "im Bundestag für Berlin zu wirken", betont Borgis.

Die Initiatoren von "Berlin braucht Bürger" wollen so lange ihre Kampagne fortsetzen, "bis eine personelle Erneuerung in der Berliner CDU eintritt", bestätigte CDU-Mitglied Rolf Budde, einer der Diepgen-Gegner.

Jürgen Rohne



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