Berliner Terror-Prozess "Carlos" soll per Video aussagen

Überraschung im Berliner Linksextremistenprozess: Statt wie erwartet ein Urteil gegen Johannes Weinrich zu fällen, will es das Gericht doch noch einmal mit einer Vernehmung des Komplizen "Carlos“ versuchen. Ob der zustimmt, ist fraglich. Der Prozess wird sich nun weiter verzögern.

Berlin - Im schwer gesicherten Saal 500 des Berliner Landgerichts erwarteten Anwälte, Ankläger und Beobachter am heutigen Mittwoch eigentlich einen Schlussstrich. Die juristische Aufarbeitung eines Terroristen-Lebens schien nach Jahren endloser Verhandlungstage, schweigender Zeugen und politischer Pamphlete endlich zu einem Ende zu kommen - und zu einem Urteil.

Der Angeklagte, der mittlerweile 56-jährige Johannes Weinrich, sollte vom Berliner Gericht zu einer weiteren Strafe verurteilt werden - wegen sechsfachen Mordes und 21 Mordversuchen.

Doch das Gericht überraschte alle Beobachter. Völlig unerwartet stimmte es am Mittwoch einen Antrag der Nebenklage zu, sich noch einmal um eine Vernehmung des Komplizen "Carlos" zu bemühen. Dies soll aus Sicherheitsgründen aber nur per Videoschaltung geschehen. Ein Transport des ehemaligen Top-Terroristen an die Spree könnte möglicherweise eine Gefahr - aber auf jeden Fall einen riesigen Aufwand für die französische und deutsche Polizei - bedeuten.

Die Geschichte des Angeklagten hinter Panzerglas ist in Berlin mehr als ausführlich erzählt worden. All die Jahre im Leben eines jungen Studenten, der von der linken Weltrevolution träumt und dem das Reden irgendwann Ende der siebziger Jahre nicht mehr reicht. Von einem pedantisch genauen, fast besessenen Deutschen, der sich am Ende mit dem zwielichtigem Komplizen Illich Ramirez Sanchez alias "Carlos" zusammen tut. Gemeinsam bauen sie Bomben, verstecken sie an belebten Plätzen und töten unschuldige Menschen - für eine gute Sache, wie sie in ihrem Wahn behaupten.

Spielball der Geheimdienste

Nach ihrer einsamen Tour fanden sich die beiden Terroristen am Ende ihrer Laufbahn als Spielball internationaler Geheimdienste im Kalten Krieg wieder. Mehrmals vergab dabei Syrien die Aufträge und nun fürchten die Machthaber in Damaskus schon eine Schadensersatzklage wie im Fall "La Belle". Die Guerilleros interessierte die Politik bald nicht mehr. Sie übernahmen jede Mission - gegen stattliche Honorare. Auch privat lief nicht alles nach Plan. Weinrich musste erkennen, dass "Carlos" - auch genannt "der Schakal" - ihm seine Frau weggenommen und ihn auch sonst mehr ausgenutzt als geschätzt hatte.

Mit einem Urteil für Weinrich hätte die lange Geschichte von ihm und seinem Komplizen "Carlos" nun ein Ende finden können - auch wenn der Angeklagte wegen einer anderen Verurteilung so oder so bis zu seinem 74. Lebensjahr im Gefängnis bleiben muss.

Nun also soll "Carlos" per Fernsehkamera aussagen. Gefallen dürfte es dem als eitel und selbstverliebt bekannten Ex-Bombenleger ganz gut. Bisher nutzte er jede Möglichkeit, sich öffentlich zu profilieren. Seit seiner Inhaftierung sorgte der Venezolaner immer wieder gern für Schlagzeilen. Erst beflirtete er seine Anwältin so lange, dass sie ihn schließlich als ihren Lebenspartner wählte. Wenig später gab er aus dem Pariser Knast ein Interview - ein Umstand, den seine Bewacher gar nicht komisch fanden.

"Carlos" sucht den großen Auftritt

Ob sich "Carlos" auf eine Videovernehmung einlässt, ist unklar. Als die deutsche Justiz im letzten Jahr schon einmal die Befragung versuchte, bestand er auf einem persönlichen Auftritt in Berlin. Die Behörden lehnten aus Sicherheitsgründen ab. In Wirklichkeit standen politische Motive hinter der Weigerung, denn sowohl in Frankreich als auch in Berlin wollte man sich von einem Terroristen partout nicht diktieren lassen, wie und wo man ihn zu vernehmen habe.

Bisher hat sich "Carlos" noch nicht zu der neuen Offerte geäußert. Seine Anwältin und Geliebte Isabelle Coutant Peyre sagte in Paris, sie werde am Freitag mit ihm reden. "Carlos war immer völlig damit einverstanden, nach Berlin zu kommen", sagte sie. Nur einige Momente nach der Aussage aber verfiel auch sie wieder in den pseudopolitischen Sprechgesang, der den ganzen Fall durchzieht. Es verwundere ihren Mandanten, drechselte sie vor sich hin, dass Innenminister Otto Schily (SPD) - einst Anwalt von Andreas Baader, einem Chef der Roten Armee-Fraktion - "vorgibt, nicht über die für diese Anhörung üblichen Sicherheitsbedingungen zu verfügen".

Viele Briefe, kein Schritt nach vorne

Die Aussagen der Anwältin klingen für Prozessbeobachter wie der Anfang eines langen Schriftwechsels zwischen Berlin und Paris, den sie schon kennen. Bereits im Oktober 2003 hatte das Gericht versucht, "Carlos" zu hören. Bis der Vorgang endgültig abgeblasen wurde, vergingen sieben Monate, deren Schriftverkehr in der Aktensammlung im Weinrich Prozess einen ganzen Ordner einnimmt.

Selbst wenn "Carlos" sich auf eine Video-Vernehmung einlässt, könnte dies eher für Liebhaber des linken Terrors spannend werden als für die Richter. So sagte "Carlos" bereits 1998 in Frankreich pathetisch aus, sein Verhältnis zur deutschen Justiz sei von "Ausdauer und Beständigkeit" geprägt. Dass man seinen "Kamerad" Weinrich verurteilen wolle, zeuge von einem "Missbrauch der Macht". Als Mensch, "der die historische Wahrheit" liebt, wolle er nur mit einer "globalen Justiz, in der alle ihre Verantwortung wahrnehmen", kooperieren.

Alle diese Floskeln sind dem Gericht bestens bekannt. Wohl auch deshalb dämpfte der Vorsitzende Richter Ralph Ehestädt die Hoffnung, "Carlos" könnte wirklich aussagen. Solange wie beim ersten Versuch könne man auf keinen Fall warten, sagte er. Die nächste Sitzung ist am 9. August.