Berlins CDU-Kandidat Pflüger Knorke zwischen Baum und Borke

Der Niedersachse Friedbert Pflüger soll der zerrütteten Berliner CDU ein neues Gesicht geben und sie aus dem Tal der Tränen führen. Pflüger hat keine Chance - aber er nutzt sie.

Berlin - Friedbert Pflüger ist überall. Seit Wochen wirbt der 50-jährige Christdemokrat in Berlins Parallelgesellschaften um Stimmen. Er bekundet Fußballinteresse bei den Hauptstadtfröschen von Hertha BSC, er antichambriert bei Lesben und Schwulen in Berlin-Mitte, er schüttelt schwielige Hände bei den letzten Arbeitern im Wedding, er spielt den Familienvater vor den Partei-Delegierten im Problembezirk Neukölln.

Und immer wieder kämpft Pflüger gegen das Gerücht, genauso schnell, wie er in Berlin aufgetaucht ist, könnte er auch wieder verschwunden sein. "Ich bin hier nicht auf der Durchreise", sagt er.

Die späte Entscheidung der Berliner CDU für Pflüger als Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters kam Ende Januar. Je nachdem, wie man rechnet, war der Staatssekretär im Verteidigungsministerium der sechste oder der neunte Vorschlag. Aber der erste, der in den Ring steigen wollte.

Und als Bundeskanzlerin Angela Merkel sich schließlich in die Kandidatenfrage einschaltete, konnte Pflüger, früher Redenschreiber von Richard von Weizsäcker und außenpolitischer Experte der Union, auch durchgesetzt werden.

Pflüger soll der Berliner CDU ein fröhliches Gesicht geben

Jetzt soll der liberale Importpolitiker aus Niedersachsen der im Koma liegenden CDU in Berlin wieder ein fröhliches Gesicht geben.

Das wird schwer. Derzeit dümpelt die Partei in der Hauptstadt bei rund 20 Prozent. Und spätestens seit dem Bankenskandal vor fünf Jahren sind die Christdemokraten in Berlin ein heillos zerstrittener Haufen. Im vergangenen Sommer trat mit Ingo Schmitt der vierte Landesvorsitzende in vier Jahren sein Amt an. Vergessen scheinen die Zeiten, in denen mit Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen die CDU in Berlin regierte.

Um im Herbst Regierender Bürgermeister zu werden, müsste Pflüger das fast Unmögliche schaffen: Er muss Welten verbinden - in nur acht Monaten. Berlin ist Regierungssitz und zugleich eine Stadt mit fast 20 Prozent Arbeitslosigkeit. Um zu gewinnen, muss Pflüger in der eitlen Großstadtszene genauso ankommen wie im kleinbürgerlichen Schrebergartenmilieu, im Osten wie im Westen. Dass er als Kandidat nur Außenseiterchancen hat, weiß Pflüger selbst: "Es kann gut sein, dass ich es bis September nicht schaffe. Aber dann mache ich weiter", sagt der Kandidat.

Sein Gegner: Der bekennende Schwule und Partygänger Klaus Wowereit. Bekannt wie ein bunter Hund scheint er in der Hauptstadt jenen Ton zu treffen, den die Berliner lieben; irgendwo zwischen Größenwahn und heulendem Elend.

Man kennt Pflüger höchstens aus dem Fernsehen

Mit Pflüger hingegen verbinden viele noch gar nichts. "Ich habe den höchstens mal im Fernsehen gesehen", sagt ein Delegierter auf dem CDU-Kreisparteitag in Neukölln. Dort aber will Pflüger in Zukunft heimisch werden. Wie schon Weizsäcker und Diepgen kandidiert Pflüger für den Problembezirk.

Dass der Fremdling auf dem Parteitag mit nur einer Enthaltung auf den obersten Listenplatz gewählt wurde, hat er auch der schlechten Stimmung in Neukölln zu verdanken. Der Bezirk mit 300.000 Einwohnern, darunter 100.000 Einwanderer, will sein Image als Schmuddel- und Gewaltstadtteil loswerden. Derzeit taugt Neukölln höchstens als Kulisse für Sozialstudien wie Detlev Bucks neuer Spielfilm "Knallhart". "Pflüger repräsentiert Aufbruchstimmung", behauptet nun tapfer der CDU-Delegierte Wolfgang Stapf.

Pflüger kämpft in Neukölln auch gegen die Bilder in der Presse. Tagelang titelten die Berliner Boulevard-Blätter über seinen Scheidungskrieg mit Ex-Ehefrau Margarita Mathiopoulos. Er braucht jetzt ein neues, ein besseres Image. "Ich wollte ihnen meine Familie vorstellen. Wir beide, Sibylle und ich, machen das hier zusammen!" ruft Pflüger den Delegierten zu. "Wir werden bei der ersten Gelegenheit heiraten!" Zwischen den Delegierten auf dem Kreisparteitag turnt sein 18-Monate alter Sohn Leo herum.

Besonders bei den Frauen unter den Delegierten in Neukölln kommt das an. Brigitte Pofahl, Rentnerin und Delegierte auf dem Neuköllner Kreisparteitag, sagt nach Pflügers Rede: "Ich bin sehr begeistert - das war jugendlich-dynamisch. Und wissen Sie - auch, dass er Kinder hat, das ist irgendwie so wichtig, die sind doch unsere Zukunft."

"In Sachen Toleranz soll mich niemand überbieten!"

Pflüger besucht die Lesbisch-Schwule-Union in Berlin-Mitte. In Neukölln gab er noch den Hemdsärmeligen. Nun muss der weltoffene, moderne Pflüger ran: "Ich will mich von niemandem in Sachen Toleranz überbieten lassen. Zum Lebenspartnerschaftsgesetz stehe ich voll und ganz", sagt Pflüger. Was er denn machen würde, wenn sein kleiner Sohn Leo später zu ihm kommen würde und ihm sagen würde, er sei schwul, fragt ihn ein Radioreporter. "Eine sehr theoretische Frage ist das", sagt Pflüger, überlegt kurz und fügt dann hinzu: "Wenn ich ehrlich bin, dann würde ich schon erstmal schlucken, aber es natürlich voll und ganz akzeptieren."

Der Wahlkampf bedeutet auch den Abstieg von den großen Rednerpulten herunter auf die Straße. Mit dem kernigen CDU-Kreisvorsitzenden aus Kreuzberg, Kurt Wansner, steht Pflüger an einer zugigen Kreuzung in der Kochstraße. Pflüger soll hier Unterschriften gegen die Umbenennung in Rudi-Dutschke-Straße sammeln. Das ist Wahlkampf in der untergegangenen Frontstadt West-Berlin. Die Rolle liegt ihm nicht.

Auch die Kontaktaufnahme mit den Ureinwohnern der Hauptstadt gestaltet sich für den Niedersachsen manchmal schwierig. Hamburgs Oberbürgermeister Ole von Beust hatte seinem Parteikollegen kürzlich angeraten, möglichst nicht zu berlinern. Auf Begeisterungsbekundungen wie "Knorke" oder Differenzierungsfloskeln wie "zwischen Baum und Borke" muss der Bürgermeisterkandidat in Berlin wohl also verzichten.

Auch in der Kochstraße. Pflüger hat zwei Fahrradfahrer, die an einer Ampel warten, in ein Gespräch über die Person Dutschke verwickelt: "Friedbert Pflüger mein Name. Ich bin ihr Bürgermeisterkandidat", sagt er und versucht ein gewinnendes Lächeln. Doch die Fahrradfahrer sagen: "Wir sind für die Rudi-Dutschke-Straße. Aber von einem Konservativen war ja auch nichts anderes zu erwarten."

"Tja, da können Sie ja auch mit Herrn Wansner reden, ist ja seine Kampagne", meint Pflüger, zeigt auf den Kreuzberger CDU-Chef. Wansner spricht jetzt mit den Fahrradfahrern. Pflüger hat sich umgedreht. Vor Reportern kann er kaum verbergen, dass er Rudi Dutschke bei aller politischen Gegnerschaft auch bewunderte. Er habe sogar einmal auf einer Podiumsdiskussion zusammen mit dem Studentenführer gesessen, erinnert sich Pflüger. "Der hatte ein solches Charisma, der konnte mich durch einen einzigen Spruch vollkommen an die Wand spielen."

Nachdem er die Dutschke-Anekdote zum Besten gegeben hat, dreht sich Pflüger um und winkt den Fahrgästen in einem Berliner-Doppeldecker-Bus zu. Keiner winkt zurück. Acht Monate hat Pflüger noch bis zu den Wahlen. Bis dahin sollen die Berliner ihn kennen. Bislang schaffte es Pflüger auf der Beliebtheitsliste ausgewählter Berliner Politiker auf den letzten Platz.