Berlins Grünen-Spitzenkandidatin Das Renate-Künast-Problem

In Umfragen rutscht ihre Partei ab, ihr Wahlkampfmanager soll betrunken Polizisten angegriffen haben: Drei Monate vor den Berliner Abgeordnetenwahlen steckt Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast in der Krise. Wird das Berlin-Votum das Ende des grünen Höhenflugs?
Berliner Politiker Künast, Wowereit: "Heute bin ich noch Gast"

Berliner Politiker Künast, Wowereit: "Heute bin ich noch Gast"

Foto: dapd

Berlin - Es war ein lauer Sommerabend, mehr als 2000 Gäste feierten vor dem Roten Rathaus. Die Rivalen - Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und seine grüne Herausfordererin Renate Künast - waren zu launigen Gesten aufgelegt. "Heute bin ich noch Gast, ich strebe es aber an, dass ich im nächsten Jahr das Hoffest ausrichte und ins Rathaus ziehe", diktierte Künast nach Berichten von Teilnehmern Journalisten in den Block. Wowereit wedelte daraufhin feixend mit dem Schlüsselbund des Rathauses.

Den Grünen dürfte das Hoffest, zu dem Wowereit am vergangenen Dienstag geladen hatte, wegen eines anderen Vorfalls in Erinnerung bleiben: Auf dem Rückweg von der Party wurde André Stephan, Künasts Wahlkampfmanager und Berliner Grünen-Landesgeschäftsführer, im Auto von der Polizei aufgegriffen. Er soll stark alkoholisiert gewesen sein. Als ihn die Beamten festnehmen wollten, soll er nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung um sich getreten haben. Ein Beamter wurde demnach leicht verletzt. Stephan wollte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE wie auch in anderen Medien nicht äußern.

Die Hauptstadt-Grünen haben den 31-Jährigen von seinen Aufgaben entbunden. Die Vorwürfe seien "so schwerwiegend, dass eine Fortsetzung der Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist", betonten die Landeschefs am Donnerstag. Drei Monate vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus hat Renate Künast damit ihren wichtigsten Mann verloren. Den Posten übernimmt der bisherige Geschäftsführer der Fraktion im Abgeordnetenhaus, Heiko Thomas, der zugleich Landesgeschäftsführer der Partei wird.

SPD zieht in Umfragen davon

Künast selbst reagierte genervt, als sie am Rande der Atomabstimmung im Bundestag am Donnerstag auf das Thema angesprochen wurde. "Dazu habe ich alles gesagt. Hat sonst noch jemand Fragen?", motzte sie.

Die Nerven liegen offenbar blank. In Baden-Württemberg startet Ministerpräsident Winfried Kretschmann durch, in Umfragen haben die Grünen die Sozialdemokraten bundesweit auf den dritten Platz verwiesen. Künast sollte die Erfolgsserie in Berlin fortsetzen. Im November des vergangenen Jahres erklärte sie ihre Kandidatur. Und lange sah es auch gut aus. In Umfragen landeten die Grünen klar vor den Sozialdemokraten.

Doch ausgerechnet in der Hauptstadt droht die Erfolgswelle nun abzuebben - die Sache mit der angeblichen Trunkenheit ihres Wahlkampfmanagers ist nicht Künasts einziges Problem. Die SPD liegt wieder in Führung, hat sogar ihren besten Wert seit Jahren. Im persönlichen Vergleich mit Amtsinhaber Klaus Wowereit schneidet die Herausfordererin schlecht ab.

Fakt ist: Wowereit regiert Berlin seit 2001, er agierte zuletzt oft lust - und ideenlos. Er ist der Berliner Gute-Laune-Bär, mehr aber auch nicht. Die Stadt versinkt im Verkehrschaos, wird ihre Schulden nicht los, Eltern klagen über marode Schulgebäude und fehlende Lehrer. Derweil turtelt der Regierende bei unzähligen Events mit Models und pflegt seine Kontakte zur Glamour-Welt.

Unbehagen in der eigenen Partei

Und dennoch: Er ist beliebter als Künast, das Kalkül Wowereits scheint aufzugehen. "Berlin verstehen", heißt der Wahlkampfslogan der Berliner SPD. "Wir wollen klarmachen, dass es nicht reicht, die Stadt zu kennen, wer regieren will, muss die Berliner Mischung verstehen", sagte SPD-Landeschef Michael Müller. Es ist ein Angriff auf Künast, die anders als Wowereit nicht in Berlin geboren ist und in der Vergangenheit bei Faktenfragen zur Hauptstadt patzte.

Künast will mit der SPD koalieren, darauf hat sie sich festgelegt. Aber das Klima zwischen den Parteien ist kühl. Wowereit stichelt mit gezielten Attacken, verspottet die Berliner Grünen als Dilettanten. Zudem hatten Sozialdemokraten den Grünen Kretschmann jüngst ausdrücklich zu einer Sitzung der sogenannten A-Länder, also der SPD-geführten Landesregierungen, eingeladen. Wowereit drängte nach Informationen des SPIEGEL darauf, dass Kretschmann dort doch nicht erscheinen durfte.

Für Berlin hat sich Künast jetzt vorgenommen, mit Tisch und Stuhl durch die Hauptstadt zu ziehen. Sie gibt die Bürgernahe. Sie will 100.000 neue Jobs in Berlin schaffen. Und sie setzt auf Seriosität: "In diesem Wahlkampf wird es nicht mehr Bussi-Bussi geben." Sichtbar ist die 55-Jährige in der Hauptstadt trotzdem kaum. Der Politikwissenschaftler Gero Neugebauer sagte der "Berliner Zeitung": Wowereit sei "ungeheuer mobil: 125 Jahre Ku'damm, Fernsehturm-Besucherjubiläum, Medaillenverleihung beim DGB: Wowereit ist überall dabei - Renate Künast nicht. Es ist aber in einer Stadt wie Berlin sehr wichtig, gute Stimmung zu verbreiten."

Als Verbraucherschutzministerin erarbeitete sich Künast zwar einen tadellosen Ruf als durchsetzungsstarke Macherin. Doch die Grünen wären nicht die Grünen, wenn es nicht in der Partei bereits hinter vorgehaltener Hand Gemosere gäbe. Künast müsse ihr Auftreten ändern, zugänglicher werden. Die grüne Spitzenfrau gilt als störrisch und unnahbar. Manche fürchten, sie könne nichts anderes als die ewig nörgelnde Oppositionspolitikerin.

Für Künast steht ihr politisches Schicksal auf dem Spiel. Schafft sie den Sieg gegen Wowereit nicht, dürfte ihre Karriere den Höhepunkt überschritten haben.

Mitarbeit: Annett Meiritz
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