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02. Mai 2008, 17:38 Uhr

Berlins Polizeipräsident

"Es gibt Situationen, in denen es richtig ist, sich zurückzuziehen"

Er wollte sehen, wie die Stimmung in Kreuzberg ist - und wurde am 1. Mai selbst zum Angriffsziel von Autonomen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch über Gewalt, Angst - und seine Autorität in der Öffentlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Glietsch, Sie wollten sich gestern in Kreuzberg selbst ein Bild der 1.-Mai-Demos machen, aber dann flogen Steine und Flaschen. Sie mussten sich in einen Mannschaftswagen in Sicherheit bringen. Wieso eskalierte die Situation plötzlich?

Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch in Kreuzberg (rechts): "Ich habe mich gut geschützt gefühlt"
REUTERS

Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch in Kreuzberg (rechts): "Ich habe mich gut geschützt gefühlt"

Glietsch: Die Situation eskalierte, weil ich plötzlich auf einen Pulk von Pressefotografen stieß. Durch das Blitzlichtgewitter wurde die Aufmerksamkeit der autonomen Chaoten von der Spitze des Demonstrationszuges auf mich gelenkt. Die Stimmung war dort bereits sehr aggressiv, dann kamen Rufe: "Wer ist das?" Irgendwer schrie: "Der Polizeipräsident!" - und dann näherten sich mehrere Gewalttäter von hinten, warfen Gegenstände in meine Richtung. Meine Begleiter und die Polizisten vor Ort haben aber dafür gesorgt, dass sich die Lage nicht weiter zuspitzte und ich in Sicherheit gebracht wurde.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie überhaupt schon einmal so direkt Gewalt auf der Straße mitbekommen?

Glietsch: Ich bin seit sechs Jahren jedes Mal am Rande der 1.- Mai-Demonstrationen gewesen und habe dort immer beobachtet, wie Chaoten gezielt Einsatzkräfte angriffen - mit Flaschen und Steinen. Aber gegen mich persönlich hat sich diese Gewalt bislang nie gerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Angst?

Glietsch: Nein, ich habe mich gut geschützt gefühlt und hatte eher Sorge um die, die mich in Sicherheit brachten. Bei diesem Zwischenfall wurde aber zum Glück niemand verletzt.

SPIEGEL ONLINE: Einen Polizeipräsidenten, der vor Demonstranten flüchtet, sieht man nicht alle Tage. Befürchten Sie, dass diese Bilder Ihrer Autorität in der Öffentlichkeit schaden?

Glietsch: Nein. Es gibt immer Situationen, in denen es richtig ist, sich zurückzuziehen. Dass wir erfolgreich gegen Gewalttäter vorgehen, hat sich gestern gezeigt. Und um meine Autorität habe ich überhaupt keine Sorge.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren nimmt die Gewalt in Berlin am 1. Mai zwar ab – aber brennende Autos, fliegende Steine gibt es immer. Glauben Sie, dass diese ritualisierte Gewalt jemals aufhört?

Glietsch: Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren keine großen Ausschreitungen mehr. Wir hatten noch nie ein Mai-Fest, das so friedlich war, wie das gestrige. Leider konnte trotzdem nicht jede Gewalt verhindert werden. Dass Randalierer unter Alkoholeinfluss am Ende eines heißen Mai-Feiertags denken, sie müssten mit Steinen oder Flaschen werfen, wird man nie völlig ausschließen können. Und es wird immer Chaoten geben, die den 1. Mai zum Anlass nehmen zu randalieren.

SPIEGEL ONLINE: In Hamburg kam es zu heftigen Straßenschlachten. Ist Hamburg nun das neue Berlin?

Glietsch: Nein, das glaube ich nicht. Bei rechtsextremistischen Aufmärschen und linksextremistischen Gegendemonstrationen hat es in der Vergangenheit immer wieder Ausschreitungen gegeben, wenn das gesamte linksextreme Gewaltpotential mobilisiert wurde. Genau das ist jetzt in Hamburg passiert. Wir müssen aber nicht befürchten, dass die Hamburger Polizei jetzt von Berlin einen turbulenten 1. Mai erbt - wie er hier fast zwanzig Jahre normal war.

Das Interview führte Anna Reimann

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