Studie über Wählerinnen und Wähler Populistische Einstellungen sind stark rückläufig

Auch wenn jüngste Bilder aus Berlin anderes vermuten lassen: Die Tendenz der Deutschen, sich von Populisten verführen zu lassen, nimmt einer Studie zufolge immer mehr ab. Parteien wie die AfD könnten sich umso mehr radikalisieren, warnen Forscher.
Demonstrant und Gegendemonstrant bei Corona-Kundgebung in Frankfurt am Main im Mai 2020

Demonstrant und Gegendemonstrant bei Corona-Kundgebung in Frankfurt am Main im Mai 2020

Foto: Michael Schick / imago images

Gut ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl sind einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung zufolge immer weniger Wähler populistisch eingestellt. Im Juni 2020 war nur noch jeder fünfte Befragte entsprechenden Meinungen zuzuordnen, das war mehr als ein Drittel weniger als noch im November 2018.

Das hat die repräsentative Umfrage für das "Populismusbarometer 2020" der Bertelsmann Stiftung und des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ergeben. Zeigten sich vor fast zwei Jahren 32,8 Prozent der Wähler populistisch eingestellt, waren es zuletzt noch 20,9 Prozent. Stark stieg auf der anderen Seite der Anteil unpopulistischer Wähler. Nach 31,4 Prozent Ende 2018 waren mit 47,1 Prozent in diesem Jahr fast die Hälfte aller Wähler dieser Gruppe zuzuordnen.

Gleichzeitig sehen die Forscher die Gefahr, dass die in die Defensive geratenen, verbliebenen Populisten sich stärker radikalisieren könnten.

Das sogenannte Populismusbarometer der Bertelsmann Stiftung definiert Populismus als eine Idee von Demokratie, die von der Existenz eines objektiv bestimmbaren einheitlichen "Volkswillens" ausgeht, Politiker für eine am eigenen Vorteil interessierte "korrupte Elite" hält, die Ausübung direkter Volkssouveränität etwa in Volksentscheiden befürwortet und politische Kompromisse ablehnt. Ob und inwieweit solche Einstellungen vorliegen, wird seit 2017 per Fragenkatalog ermittelt. Im Juni wurden erneut mehr als zehntausend Wahlberechtigte befragt.

Die Mitte bröckelt nicht, sie wird stabiler

Als "populistisch eingestellt" im Sinne der Studie gilt, wer acht typisch populistischen Aussagen über das Funktionieren von Staat und Gesellschaft zugestimmt hat. Dazu gehören Sätze wie "Die Parteien wollen nur die Stimmen der Wähler, ihre Ansichten interessieren sie nicht" und "Was man in der Politik 'Kompromiss' nennt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Verrat an den eigenen Ideen".

Auffällig war dabei, dass der antipopulistische Wandel vor allem aus der politischen Mitte gestützt wird. Noch vor zwei Jahren hatte es in dieser Wählergruppe die größte Zunahme an populistischen Einstellungen gegeben. "Insbesondere die politische Mitte erweist sich in der Auseinandersetzung mit der populistischen Versuchung als lernfähig und robust und damit als wichtigste Stütze des Meinungsumschwungs", erklärte Robert Vehrkamp, Demokratieexperte der Stiftung und Mitautor der Studie.

Der antipopulistische Wandel im Meinungsklima habe bereits deutlich vor der Corona-Pandemie eingesetzt, betonen die Forscher. So habe die populistische Welle Ende 2018 ihren Höhepunkt erreicht und sei dann "erdrutschartig" abgeschwellt. "Das gestiegene Vertrauen in die Regierungsarbeit im Verlauf der Coronakrise hat diese Trendumkehr stabilisiert und leicht verstärkt, aber nicht ausgelöst", sagte Vehrkamp. Treiber sei vor allem ein deutlich verbessertes, die Wähler mit ihren Themen und Ansichten stärker einbeziehendes Regierungshandeln, erklärte Vehrkamp.

Bürgerliche Parteien können mit Wählerrückgewinnung rechnen

Ein weiteres Abgleiten der Unionsparteien und der FDP ins populistische Wählersegment sei damit vorerst gestoppt. "Die Versuchung der beiden bürgerlichen Parteien, dem Populismus der AfD zu folgen, ihn nachzuahmen oder sich zumindest rhetorisch ihm anzupassen, verliert damit seinen elektoralen Anreiz", erklärte Mitautor Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Außerdem habe die politische Mitte auf das aufgeheizte populistische Meinungsklima im Zuge der Migrationskrise seit 2015 und rund um die Bundestagswahl 2017 mit einer erfolgreichen Gegenmobilisierung reagiert. Im Jahr vor der Bundestagswahl zeige sich die deutsche Bevölkerung nun deutlich widerstandsfähiger gegenüber populistischen Parolen. Bei kommenden Wahlen könnten demnach aus Sicht der Meinungsforscher vor allem die Unionsparteien von einem Rückstrom von bürgerlichen Wählern von der AfD profitieren sowie die Grünen als grundsätzlich antipopulistische Partei.

In die Defensive geraten drohe der verbleibende rechtspopulistische Rand radikaler zu werden als bislang, warnen die Autoren. Das betreffe insbesondere die AfD, die sich zu einer zunehmend von rechtsextremen Einstellungen geprägten Wählerpartei entwickele, heißt es in der Studie. Erstes Anzeichen dafür sei "ihre zunehmende Überlappung und Verschmelzung mit rechtsextremistischen Einstellungen".

Die AfD habe sich "von der lupenrein rechtspopulistischen Mobilisierungsbewegung der Jahre 2016/17 in die Richtung einer zunehmend von rechtsextremen Einstellungen geprägten Wählerpartei entwickelt", heißt es im Populismusbarometer. Mit 87 Prozent vertreten demnach fast neun von zehn AfD-Wählern entweder sehr deutlich oder zumindest latent populistische und oder rechtsextreme Einstellungen.

jat/dpa/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.