Besuch bei Bankräubern in Nadelstreifen "Hier kommt die Selbstjustiz"

Sie folgten dem Brecht-Motto: "Was ist schon der Überfall auf eine Bank gegen die Gründung einer Bank." Beim Grunewald-Spaziergang besuchten rund 1500 Berliner einige der Verantwortlichen des Bankenskandals: mit einem neuen Denkmal, einer Guillotine und Gelassenheit.


Denkmal für den Größten: Landowsky als Alter Fritz
SPIEGEL ONLINE

Denkmal für den Größten: Landowsky als Alter Fritz

Berlin - Die Staatsgewalt schläft nicht. Bereits am Ausgang des S-Bahnhofs Grunewald kontrollieren Polizisten Transparente auf gefährliche Inhalte. "Was bedeutet das?" will der Polizist wissen, als verberge sich hinter der aufgemalten Ziffernfolge 1789 ein geheimer Code, der, einmal aktiviert, das Berliner Naherholungsgebiet für Besserverdienende an diesem sonnigen Nachmittag in Schutt und Asche legen könnte. "Das ist das Jahr der Französischen Revolution" klärt ihn die Demonstrantin auf. "Ah, ja, sicher, O.K.", sagt der Mann in Uniform: "Weitergehen!".

Vielleicht hätte der Polizist sie nicht passieren lassen, wenn er statt der Decodierung des Nummernrätsels, den Spruch unter der Jahreszahl nicht so flüchtig gelesen hätte: "Aufschwung beginnt mit dem Köpfen". Dem, nicht den. Eine von vielen Anspielungen auf die Französische Revolution an diesem Nachmittag des "Grunewald-Spaziergangs", zu dem die "Initiative Berliner Bankenskandal" geladen hatte.

Aufruf zur Selbstjustiz

Rund 1500 Menschen folgten der Organisation rund um den Berliner Politik-Professor Peter Grottian zum Hausbesuch bei den "Bankräubern in Nadelstreifen". Was die einen als "Aufruf zur Selbstjustiz" geißelten, wollten die Veranstalter "ironisch, kreativ, provokativ" verstanden wissen. Durch riskante Immobilienfonds mit ungewöhnlich hohen Gewinngarantien war die landeseigene Bankgesellschaft in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Nur durch eine Landesbürgschaft Anfang des Jahres in Höhe von 21,6 Milliarden Euro konnte die Pleite abgewendet werden. Bei dem Spaziergang ging es darum, den Zusammenhang von Politik und Ökonomie aufzuzeigen, "aber auch um persönliche Bereicherung", sagte Grottian. Daher wollte man die Villen der Ex-Bankmanager und politisch Verantwortlichen besuchen.

Werbung im Grunewald: Klassengesellschaft
SPIEGEL ONLINE

Werbung im Grunewald: Klassengesellschaft

Doch die Polizei forderte einen Sicherheitsabstand von mindestens 150 Metern zu den Häusern. So wurde das Denkmal für den ehemaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden und früheren BerlinHyp-Chef Klaus Landowsky nur in Sichtweite zu seiner Wohnung enthüllt. Ein Künstler hatte in eine Büste des Preußenkönigs Alter Fritz die Gesichtszüge des Politikers eingearbeitet. Für "herausragende Verdienste, Filz, Korruption und Plünderung" wolle man ihm ein Denkmal setzen, sagte Grottian. Landowsky bekam davon wenig mit: Er hatte mittels Interview in der "Berliner Morgenpost" angekündigt, dass er vor dem "Pöbel" fliehen werde, sein Haus in der Fontanestraße wurde von Polizisten abgeschirmt.

"Euer privater Reichtum beglückt uns mit öffentlicher Armut", stand auf dem Transparent an der Spitze des Demonstrationszuges. Angesichts der Dimension des Skandals findet Grottian "ungewöhnliche Mittel" angemessen. Eher wundert er sich, dass nicht ein Aufschrei durch das ganze Land geht. "Im CDU-Spendenskandal ging es um einige Millionen. Bei der landesweiten Diskussion über die Finanzierung der Flutfolgen geht es um 10 bis 15 Milliarden. Hier geht es aber um über 20 Milliarden, für die der Steuerzahler gerade stehen muss."

Aufschwung mit den Köpfen: Grottian
SPIEGEL ONLINE

Aufschwung mit den Köpfen: Grottian

Allein im Haushalt 2003 hat der Berliner Senat 300 Millionen Euro bereitgestellt zur Sicherung der Bankgesellschaft. Gleichzeitig wird im Sozial-Etat massiv eingespart, wie jeder zu spüren bekommt.

"Wir wollen 70.000 Köpfe", riefen die Demonstranten. Halb Grimmig, halb scherzhaft führten sie eine Guillotine und ein Spruchband "Hier kommt die Selbstjustiz" mit. Bei den 70.000 geht es nicht nur um die Hauptverantwortlichen, sondern auch um gierige Fondsanleger. Die Initiative will, dass die "sittenwidrige" Konstruktion der Immobilienfonds mit den Fondszeichnern neu verhandelt wird. Deren Köpfe sollen rauchen, nicht rollen.

Im Juli hatte die Initiative bereits bundesweites Aufsehen erregt, weil sie viele der insgesamt rund 70.000 Zeichner anschrieb und aufforderte, ihr Anlageverhalten zu korrigieren. Gleichzeitig veröffentlichte sie Listen mit den Namen von Begünstigten - Ärzten und Bankern über Unternehmer und Hochschullehrer bis hin zu Politikern, Journalisten, Künstlern und Sportfunktionären. Wenn die sich an einen Tisch setzen würden und statt der marktunüblichen Gewinngarantien zu Lasten aller Steuerzahler das Risiko gerecht verteilen würden, ließe sich laut Grottian die Last für das Land Berlin bereits um zehn Milliarden mindern.

Geld zu verteilen: Peanuts
SPIEGEL ONLINE

Geld zu verteilen: Peanuts

"Wir können auch anders", drohten die Demonstranten bei ihrem Zug durch die Gemeinde. Doch statt Krawallen waren Lackschäden an einigen Autos die einzigen Folgen des Tatendurstes der Spaziergänger. Auch die meisten Grunewald-Bewohner blickten interessiert von ihren Kaffeetassen im Garten auf den bunten Zug. Anwohner Horst Wolter lobte den Spaziergang: "Ich finde es nicht falsch, das ist Öffentlichkeitsarbeit."

Hauptziel des Ausflugs war die Villa des ehemaligen Vorstandschefs der Bankgesellschaft, Wolfgang Rupf. Der lebt und golft mittlerweile unbehelligt in Hessen, aber sein Ex-Wohnsitz dient den Demonstranten als Paradebeispiel für persönliche Bereicherung auf Kosten anderer.

"Wir hatten die Bankgesellschaft gebeten, die Villa besichtigen zu dürfen, um das Schwimmbad zu nutzen", rief "Dr. Seltsam", stadtbekannter Polit-Lyriker und Moderator des Spaziergangs. Schließlich könnten sich viele Familien den Eintritt ins Schwimmbad nach der jüngsten saftigen Preiserhöhung nicht mehr leisten - eine konkrete Folge des Bankenskandals - während andere "lau baden" auf Kosten aller in ihrer Villa.

Bademeister Rupf

Das Haus in der Messelstraße wurde ebenfalls von der Polizei abgeschirmt. Jene Villa, die im Einvernehmen mit dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Edzard Reuter für insgesamt sechs Millionen Euro angeschafft und nach den Wünschen von Rupf ausgebaut worden war. Nach Erkenntnis von Reuters Nachfolger Dieter Feddersen waren die anderen Mitglieder des Kontrollgremiums über den Vorgang nicht informiert.

Sicherheitsabstand: Polizeischutz für Rupf-Villa
SPIEGEL ONLINE

Sicherheitsabstand: Polizeischutz für Rupf-Villa

Für Rupfs Villa waren ursprünglich Baukosten von rund zwei Millionen Euro geplant. Am Ende standen mehr als vier Millionen Euro auf der Rechnung - dazu kamen die Anschaffungskosten in Höhe von 1,8 Millionen Euro. Die Miete, die Rupf zahlte, reichte nicht einmal, um die Zinsen für das Objekt für zu begleichen.

"Die haben jede Bodenhaftung verloren", klagt Grottian, "deshalb ist die Wut so groß". In seiner finanziellen Dimension und der Verflechtung von Politik und Ökonomie sei dieser Skandal der größte in der Geschichte der Bundesrepublik: "Hier fließen Steuergelder direkt in den Vorgarten, und das muss man auch an persönlichen Beispielen zeigen." Doch das wurde meistens versäumt. Statt vor den Villen der Ex-Manager noch mal detailliert aufzuklären wie und warum der "Besuchte" Teil des Skandals ist, wurden ellenlange Erklärungen verlesen und holprige Parolen abgesungen, in denen sich "Milliarden" auf "Garten" reimen sollten.

Doch weit mehr als die üblichen Verdächtigen gingen im Grunewald spazieren: Nicht nur Vertreter des "schwarzen Blocks" aus Kreuzberg, auch Rentner und viel Familien sorgten für frischen Wind in frischer Luft. Nicht nur die, die Jutetaschen vom "Pflanzenschutztag 1991 in Göttingen" noch ausführen, auch Arbeiter aus dem Wedding und Einfamilienhausbesitzer. Für Grottian ein ermutigendes Zeichen: 1789 sei schließlich auch eine "zutiefst bürgerliche Revolution gewesen". Ganz so weit ist es in der Hauptstadt noch nicht. Aber da die Initiative nicht nur auf Protest, sondern auch auf konstruktive Gegenvorschläge setzt, hofft Grottian: "Der Aufschwung beginnt mit den Köpfen." Den, nicht dem.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.