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Markus Feldenkirchen

Der gesunde Menschenverstand Das Gaus-Prinzip

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Die Journalistin Bettina Gaus hinterlässt ein geistiges Vermächtnis, das unsere zunehmend polarisierte Gesellschaft gut gebrauchen könnte: die Bereitschaft, immer wieder neu und ideologiefrei über Probleme nachzudenken.
aus DER SPIEGEL 45/2021
Publizistin Gaus

Publizistin Gaus

Foto: Horst Galuschka / dpa

Vor vielen Jahren musste die damalige taz-Journalistin Bettina Gaus von Berlin nach Köln fliegen, der ARD-»Presseclub« hatte sie eingeladen. Ich hatte dasselbe Ziel, wir lernten uns am Flughafen kennen. »Darf ich gleich Ihre Hand halten?«, war einer der ersten Sätze, die sie sagte. »Ich habe nämlich furchtbare Flugangst.« Und so griff sie beim Start meine Hand und hielt sie so fest, wie noch nie jemand meine Hand festgehalten hat. Ich war verdutzt, aber auch beeindruckt von dieser Offenheit. Selbst im Umgang mit den eigenen Ängsten war sie furchtlos.

Aus: DER SPIEGEL 45/2021

Sein Racheplan

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In der vorigen Woche ist Bettina Gaus gestorben, sie wurde nur 64 Jahre alt. Ihr Tod ist ein schwerer Verlust, nicht nur für jene, die ihr nahe waren. Sie stand für etwas, das rar geworden ist, ich möchte es das Gaus-Prinzip nennen.

Bettina war eine engagierte Linke, sie hatte ein feines Gespür für Ungerechtigkeit. Aber sie war keine Ideologin, das unterschied sie von vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Sie vertrat eine Position weder aus Prinzip noch weil es sich in ihren politischen und publizistischen Kreisen so gehörte. Sie leistete sich den Luxus, die eigene Position jedes Mal neu zu erarbeiten. Frei von der Erwartungshaltung ihrer vermeintlichen Schwestern und Brüder im Geiste. Auch frei von Angst vor deren Reaktionen. So ragte Gaus mit der Zeit immer weiter heraus aus einem gesellschaftlichen Diskurs, der zunehmend schablonenhaft, reflexartig und verbohrt geworden ist.

Als Hengameh Yaghoobifarah  in einer taz-Kolumne Polizisten auf »die Mülldeponie« wünschte, »nur von Abfall umgeben. Unter ihresgleichen« hatte die linke taz-Autorin Gaus als Erste den Mut, den Text als das einzuordnen, was er war: eine Verletzung der Menschenwürde. Als die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die Kurzzeithoffnung vieler Linker, im Wahlkampf einen vermeidbaren Fehler nach dem anderen machte, war Gaus eine der Ersten, die sich traute, die Lage nüchtern zu beschreiben: »Das war's!« Wenn die Grünen ins Kanzleramt wollen, sollten sie Baerbock gegen Robert Habeck austauschen, schrieb Gaus, die seit diesem Jahr für den SPIEGEL schrieb.

Wenige Tage vor ihrem Tod kommentierte Gaus den Fall des BILD-Chefredakteurs Julian Reichelt, der Sex mit jüngeren Untergebenen hatte. Sie geißelte dabei den »merkwürdig prüden Ton«, gerade linker Moralistinnen und Moralisten, wodurch der falsche Eindruck entstehe, Frauen seien »stets und grundsätzlich die Opfer in Beziehungen mit männlichen Vorgesetzten«. Dem sei mitnichten so. Gaus, die selbst mal eine Affäre mit einem älteren Vorgesetzten hatte, schrieb auch hier aus Erfahrung: »Ich fand den Mann halt toll, so etwas soll vorkommen.«

Bei Bettina Gaus wusste man vorher nie genau, zu welchem Schluss sie kommen würde. Weil sie jedes Mal aufs Neue das Für und Wider abwog, unbefangen, voraussetzungsfrei, waren ihre Beiträge zum Zeitgeschehen so anregend. Die Fähigkeit, frei von Schablonen zu denken, frei von der Erwartungshaltung des eigenen Lagers. Dieses Prinzip ist ihr Vermächtnis. Wir alle, die wir diese zunehmend polarisierte Gesellschaft bilden, sollten es annehmen.

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