Zeugin Bettina Wulff "Es war ein Geben und Nehmen"

Alle Blicke waren auf die Frau in der weißen Bluse gerichtet: Als Zeugin im Verfahren gegen ihren Noch-Ehemann stellte sich Bettina Wulff auf die Seite des früheren Bundespräsidenten. Der Angeklagte darf auf ein günstiges Prozessende hoffen.

Von , Hannover


Es war wie in ihren besten Tagen: Bettina Wulff, 40, nähert sich dem Gerichtsgebäude. Die Fotoreporter und Fernsehleute rennen wie von der Tarantel gestochen los, fallen fast über ihre eigenen Füße, rempeln sich an, reißen beinahe die aufgestellten Lichtmasten um. Sie geht lächelnd weiter. Die meisten Medienleute überragt sie um mindestens einen halben Kopf.

Sie trägt eine elegante weiße Seidenbluse mit Schluppe, die bis zur schmalen Taille reicht, was sie gertenschlank erscheinen lässt, einen engen schwarzen Rock, blickdichte schwarze Strümpfe und halbhohe Pumps aus Wildleder. Sie ist stark, aber trotzdem zurückhaltend geschminkt - eine Frau, die ihren Auftritt zelebriert, die um ihre Wirkung weiß und alle Augen auf sich zieht, sobald sie einen Raum betritt.

Die Noch-Ehefrau des früheren Bundespräsidenten bleibt stehen. Ein Blickwechsel zwischen den Eheleuten von der Dauer etwa einer Sekunde. Erst dann setzt sie sich. Er lässt sie nicht aus den Augen. Sie ist mit ihm verheiratet, aber sie leben getrennt. Nicht nur seine Blicke drücken Bewunderung aus. Die schlägt ihr von allen Seiten entgegen.

Fotostrecke

17  Bilder
Bettina Wulff: Frühere First Lady als Zeugin

Intimität, Vertrautheit, Traurigkeit ob des verlorenen Glücks - es lässt sich aus Christian Wulffs Blicken auf seine Frau im Hannoveraner Gerichtssaal, wo er auf der Anklagebank sitzt und sie auf dem Zeugenstuhl, manches herauslesen, was sich den Beschreibungen Außenstehender entzieht.

Als Ehefrau hat sie ein Zeugnisverweigerungsrecht. Der Gesetzgeber will keinen Angehörigen in die Zwickmühle bringen, zugunsten oder zu Lasten eines ihm nahestehenden Menschen Dinge öffentlich aussagen zu müssen, die er eigentlich lieber für sich behalten würde, als Zeuge aber preisgeben müsste. In vielen Fällen kommt der Aussage eines Angehörigen daher auch kein besonderer Beweiswert zu. Anders bei Bettina Wulff.

"Immer stand sein Terminplan im Vordergrund"

So klar sie mit heller Stimme erklärt: "Ich will aussagen und die Wahrheit sagen", so überzeugend sind ihre Ausführungen zu jenem ominösen Oktoberfest-Besuch im Jahr 2008, den die Hannoveraner Staatsanwaltschaft zum Anlass für eine Anklage wegen Vorteilsannahme und - mit Blick auf den mitangeklagten Filmmanager David Groenewold - wegen Vorteilsgewährung nahm.

Sie schildert eindrücklich, wie schwer es für sie im Januar 2008 als junge, noch nicht mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten verheiratete Frau und werdende Mutter gewesen sei, angesichts des übervollen Terminplans eines Politikers überhaupt einmal eine private Verabredung treffen zu können. Die Idee, gemeinsam das Oktoberfest zu besuchen, sagt sie, sei bei einem Abendessen mit Groenewold und Maria Furtwängler entstanden, die gerade wieder einmal einen Niedersachsen-"Tatort" drehte. "Ich habe gekocht, und wir überlegten, wie wir es schaffen könnten. Laut dem Terminplan meines Mannes passte es nämlich nie."

Im Lauf des Jahres 2008 seien dann "wichtigere Dinge" passiert: Hochzeit, die Geburt des gemeinsamen Sohnes. Die Schwierigkeiten, auch einmal einen Augenblick für sich zu haben, wuchsen. "Wenn ich etwas vorschlug, wurde stets erst im Büro nachgefragt, ob es geht. Immer stand sein Terminplan im Vordergrund!", berichtet Bettina Wulff. Und wenn mal eine private Veranstaltung möglich erschien, dann wurde sie mit beruflichen Pflichten verbunden. "Wenn Sie mit Herrn Professor Burda an einem Tisch sitzen", sie wendet sich direkt an den Vorsitzenden, "dann ist es kein privater Anlass mehr."

Groenewold habe stets ein gewisses Kontingent an Tischen beim Oktoberfest gebucht. "Daraus bot er uns einen Termin an, so verstand ich es jedenfalls. Es ist ja ein unfassbarer Andrang dort! Man muss erst einmal die Möglichkeit haben, irgendwo zu sitzen!" Die Fahrt nach München sei mit dem vier Monate alten Baby überaus anstrengend gewesen. Ihr Mann sei sofort zu einer CSU-Wahlkampfveranstaltung enteilt, so dass sie mit dem Kind allein im Hotel Bayerischer Hof eincheckte. "Mussten Sie was unterschreiben?", fragt der Vorsitzende und beantwortet die Frage sogleich selbst: "Sie ja wohl nicht!" Sie habe sich erschöpft mit einem ebenso erschöpften Säugling sofort aufs Zimmer zurückgezogen. Groß ausgegangen sei man an jenem Abend sicher nicht mehr.

Dann Fragen und nochmals Fragen: Um wie viel Uhr waren Sie auf der Wiesn? Wie lange war der Babysitter gebucht? Wann kamen Sie zurück? Was haben Sie getrunken? Was Ihr Mann? Was wurde gegessen? "Ich esse weder Fleisch noch Garnelen", antwortet sie. Und sie habe damals voll gestillt, was sich mit dem Verzehr größerer Mengen Alkohol ja wohl nicht gut vertrage. Ihr Mann nippe allenfalls an einem Glas, weil er lieber Apfelschorle trinke. Wie kam es dann zu fünf Flaschen Champagner? "Da waren noch meine Freundin und deren Freundin, und eine Journalistin von 'Bild', ein Kommen und Gehen halt und ein Zusammenrücken, weil immer neue Leute dazugekommen seien. Da sind fünf Flaschen schnell leer."

Zwischenbilanz am 19. Dezember

"Wie kam es zu den Kosten von 110 Euro für das Kindermädchen, wenn die Stunde zehn Euro kostet und Sie schon vor Mitternacht wieder im Hotel gewesen sein wollen?" Der Vorsitzende arbeitet lustlos seinen Fragenkatalog ab. "Das Kindermädchen soll sehr attraktiv gewesen sein, sagt mein Mann", antwortet Bettina Wulff etwas schnippisch. Vielleicht seien zwei Damen abgerechnet worden. Gelächter auf allen Seiten. "Haben Sie sich gewundert über die großzügige Suite im Bayerischen Hof?"

Bei gemeinsamen Essen habe mal der eine, mal der andere gezahlt. "Wichtig ist, dass es ein Geben und Nehmen ist. Ich denke, das hat sich die Waage gehalten", sagte die 40-Jährige.

Die Staatsanwaltschaft stellt eine einzige Frage: "Wissen Sie noch, wann Sie erstmals erfuhren, dass die Babysitterkosten bei Herrn Groenewold auf der Rechnung standen?" Auch diese Frage bringt keine Erkenntnisse über die angeklagte Vorteilsannahme und -gewährung.

Der Vorsitzende kündigte an, am 19. Dezember eine Zwischenbilanz ausschließlich zum Komplex Vorteilsannahme ziehen zu wollen. Gute Aussichten vermutlich für die Angeklagten. Denn wenn Christian Wulff keine Vorteile von Groenewold angenommen haben sollte - die Beweisaufnahme ergab jedenfalls nichts dazu -, dann kann er Groenewold auch keine Vorteile gewährt haben.

insgesamt 205 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tomxxx 12.12.2013
1. Ist doch alles ganz egal...
der Mann muss doch schuldig sein! Er hat sich mit der BILD-Zeitung gestritten. Und immerhin bestimmt die wer in Deutschland ein Amt ausüben darf... Wo kommen wir da sonst hin? Und dass da ein pflichtbewusster Staatsanwalt handeln muss ist auch klar, dem kann man keinen Vorwurf machen. Aber wie sieht dass denn aus, wenn da jetzt kein Schuldspruch rauskommt, also dann lieber einen ganz günstigen Prozess um 700 Euro... Und bitte was passiert jetzt wenn der Mob nicht seine Opfer bekommt? Also ein Promi por Quartal sollte man schon schlachten dürfen, der Fall Kachelmann ist ja auch schon wieder so lange her, vielleicht könnten wir aber den Mollath vielleicht nochmal einsperren, naja falls der Hoeness eingesperrt wird, kann man darauf wieder verzichten. Wirkliche Fortschritte seit dem Hexenhammer gab es wohl leider nicht...
stanislaus2 12.12.2013
2. Ich halt meine Freunde auch frei, wenn ich sie einlade.
Wissen so was Staatsanwälte nicht? Und wenn ich die eingeladenen Freunde in der Wohnung nicht beherbergen kann, bringe ich sie in einem Hotel nahebei unter, das selbstverständlich ich als Gastgeber bezahle. Da ist ja wohl so üblich und für beide Seiten sogar entspannender. Deshalb heissst es ja Gast-Geber. Und nicht Gast-Abkassierer. Ach so, Staatsanwälte haben keine Freunde, die sie besuchen.
franko_potente 12.12.2013
3.
Zitat von sysopDPAAlle Blicke waren auf die Frau in der eleganten weißen Bluse gerichtet: Als Zeugin im Verfahren gegen ihren Noch-Ehemann stellte sich Bettina Wulff auf die Seite des früheren Bundespräsidenten. Der Angeklagte darf auf ein günstiges Prozess-Ende hoffen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/zeugin-bettina-wulff-es-war-ein-geben-und-nehmen-a-938621.html
Das ist so unglaublich lächerlich...
reifenexperte 12.12.2013
4. Müssen die Reporter
bei dieser Verhandlung eigentlich Vergnügungssteuer bezahlen?
rigos 12.12.2013
5. ... ein Geben und Nehmen
Die Frage ist dann wohl: Was gab Wulff? Ein Lächeln für einen netten, kostenlosen Urlaub? Für Politiker sollten dieselben Korruptionsrichtlinien gelten, wie für Beamte. Dann wäre mit diesem Theater ganz schnell Schluss. Diese ständige Rechtsverdreherei geht so langsam auf die Nerven.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.