S.P.O.N. - Im Zweifel links Die verlorene Ehre der Bettina W.

Neues aus dem bürgerlichen Lager: Bettina Wulff, die ehemalige First Lady, war doch keine Prostituierte. Angeblich stammt diese Verleumdung aus der CDU. Wie ein irres Gerücht durch eine noch verrücktere Wahrheit ersetzt wurde.
Ehepaar Wulff auf der Galopprennbahn in Langenhagen (Juli 2012): Stille, bitte!

Ehepaar Wulff auf der Galopprennbahn in Langenhagen (Juli 2012): Stille, bitte!

Foto: DPA

Das jetzt auch noch! Überall kann man lesen, Bettina Wulff wolle die "Deutungshoheit" über ihr Leben zurückerobern. Darum sei sie gerichtlich gegen das Gerücht vorgegangen, sie habe in ihrer Vergangenheit als Prostituierte gearbeitet. Aber, bei allem Respekt, das Land liegt sich bei diesem Thema nicht gerade in den Haaren. Erst hieß es, Frau Wulff habe eine bewegte Vergangenheit. Jetzt heißt es, sie habe doch keine. Sei es drum.

Sie ist die Ehefrau des peinlichsten Präsidenten, den wir bisher hatten und war grade dabei, in Vergessenheit zu geraten. Musste sie uns unbedingt an sich erinnern?

Bettina Wulff hat erlebt, wie es ist, zum Gegenstand eines Gerüchts zu werden. Das Gerücht war allgemein bekannt - und es war plausibel. Das bedingt sich. Ein erfolgreiches Gerücht muss plausibel sein. Die Geschichte, die über Bettina Wulff erzählt wurde, passte ins Bild und zu den Personen, mit denen sich das Paar umgab.

Unsere Wulffs, das war ein Paar, das um jeden Preis den Weg nach oben suchte und dann doch nur bei dem dubiosen Filmproduzenten David Groenewold landete und sich am Ende in der Finanzierung von Klinkerhäuschen, Sylt-Urlauben und Hannoveraner Provinzpartys rettungslos verhedderte. Mit einer Mischung aus Faszination, Erstaunen und Ekel haben wir miterlebt, wie ein Bundespräsident seine Würde für ein paar Euro verspielte und dabei die unsere in Mitleidenschaft zog - und doch blieb am Ende nur Mitleid.

Das Gerücht tarnt sich

Das Gerücht über das Vorleben der Frau W. spielte für diese Geschichte in Wahrheit keine große Rolle. Man war schon bedient mit dem, was sich belegen ließ. Deshalb haben die Journalisten um das Gerücht einen großen Bogen gemacht. Selbst die "Berliner Zeitung", auf die nun alle mit dem Finger zeigen, hat im Dezember vergangenen Jahres den Comment nicht ganz gebrochen. Dort war nur zu lesen, in Berlin werde "gemunkelt", dass die "Bild"-Zeitung noch "mit einer Geschichte über das frühere Leben Bettina Wulffs aufwarten" könne. Welche Geschichte das sein könnte, schrieb die Zeitung nicht. So weit wollten die Kollegen nicht gehen. Das gehört zur Epidemiologie des Gerüchts: Die "Berliner" schreibt, es werde gemunkelt, die "Bild" könne eine Geschichte schreiben, die aber nicht näher ausgeführt wird. Das Gerücht tarnt sich und verbreitet sich zur gleichen Zeit.

Ovid schrieb über den Ort, den die Göttin Fama bewohnt: "Tausend Zugänge gab sie dem Haus und unzählige Luken, keine der Schwellen schloss sie mit Türen; bei Nacht und bei Tage steht es offen." Dieser Ort ist heute das Internet. Das Netz ist die Welt der Misslaunigen, der Voyeure, der Psychopathen, der Verantwortungslosen, der Undisziplinierten.

Es gibt im Journalismus eine Regel, die nicht so kompliziert ist: Was man schreibt, sollte man belegen können. Diese Regel wird auch von Journalisten nicht immer beachtet. Aber wenn sie gebrochen wird, hat das für Journalisten zumeist Konsequenzen. Für die Beiträger im Netz gilt das nicht in gleichem Maße. Darum ist das Netz immer noch kein Medium des Vertrauens. Es kann dort buchstäblich jeder schreiben, was er will, und die Auslese nach Qualität und Reputation funktioniert nicht.

Kuriose Wendung

Immerhin, ausgedacht wurde das Gerücht möglicherweise nicht im Netz. Es ist eine kuriose Wendung, dass in der "Süddeutschen Zeitung" nun zu lesen war: "Der Nährboden für die Verleumdung ist im Reich der niedersächsischen CDU zu suchen." So erfinderisch stellte man sich den diskreten Charme der Hannoveraner Bourgeoisie bislang nicht vor. Tagespolitik ist es allerdings, wenn die SPD nun lautstark "Aufklärung" vom niedersächsischen Ministerpräsidenten McAllister fordert. Was soll der arme Mann aufklären? Dass zu seiner Landesgliederung ein paar giftige Gestalten zählen? Danke für die Erinnerung, das wissen wir noch vom ersten Fall Wulff.

Wenn jetzt Bettina Wulffs Auflehnung überhaupt ein Gutes hat, dann ist es ihre Auseinandersetzung mit Google. Es gibt immer einen misstrauischen Reflex gegenüber dem Überkonzern. Aber hier muss man ihm den Sieg wünschen. Die Logik der Suchmaschine darf nicht von den Interessen des Einzelnen gebeugt werden.

Der Such-Algorithmus spiegelt die Interessen und das Verhalten der Nutzer wider. Google gibt Wirklichkeit wieder - und, das ist wahr, verfestigt sie dadurch. Solche Suchergebnisse zu verformen, bedeutet die Wirklichkeit zu verformen.

Und sonst? Wir hören, Bettina Wulff habe sich gerade mit einer PR-Agentur selbständig gemacht. Das ist doch schön. Viel Glück damit. Und dann endlich Stille, bitte.

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