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07. März 2007, 18:20 Uhr

Beust-Herausforderer

Hamburger Genossen jubeln über Retter Naumann

Mit einem Schlag ist die tiefe Depression in der Hamburger SPD höchster Euphorie gewichen. "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann soll 2008 CDU-Bürgermeister Ole von Beust herausfordern. Im Wahlkampf setzt der Ex-Staatsminister auf die Hilfe von Altkanzler Schröder.

Hamburg - Mit diesem Befreiungsschlag hatte wohl kaum noch jemand gerechnet: Da hatte sich die Hamburger SPD in den vergangenen Wochen nach Kräften selbst zerlegt, sich mit nicht enden wollenden Personalquerelen und einem kläglich gescheiterten Mitgliedervotum über den nächsten Spitzenkandidaten in die tiefste Krise ihrer Geschichte manövriert, sich zuletzt auch noch von Alt-Bürgermeister Henning Voscherau eine Ohrfeige abgeholt. Und plötzlich zaubern die Genossen doch noch einen prominenten Kandidaten aus dem Hut, der es im nächsten Jahr durchaus mit dem beliebten Ersten Bürgermeister Ole von Beust (CDU) aufnehmen kann.

Designierter Spitzenkandidat Michael Naumann (Archivbild): "Weil ich die Stadt liebe"
DDP

Designierter Spitzenkandidat Michael Naumann (Archivbild): "Weil ich die Stadt liebe"

Michael Naumann, 65, Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" und ehemaliger Staatsminister für Kultur und Medien, hat sich bereit erklärt, die Hamburger Sozialdemokraten in den Wahlkampf 2008 zu führen. Die Hamburger SPD habe ihm ihre Loyalität zugesichert, begründete Naumann seine Entscheidung. Er mache es jedoch, weil er die Stadt liebe. "Ich schätze die Hamburger Solidität, die bürgerlichen Tugenden. Hier gelten noch Handschläge", sagte Naumann dem "Tagesspiegel" und fügte hinzu: "Aber Hamburg braucht auch Führung. Ole von Beust ist ein sympathischer Mann. Aber mehr Führung wäre schon schön."

Die Entscheidung für Naumann hatte die Findungskommission der Landes-SPD eigenen Angaben zufolge einstimmig getroffen. Landesvorsitzender und Nachfolger des nur noch kommissarisch im Amt verbliebenen Mathias Petersen soll der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Ingo Egloff werden. Naumann und Egloff müssen nun noch von einem Parteitag am 24. März offiziell nominiert werden. Das dürfte allerdings reine Formsache sein. Naumann soll morgen auf einer Pressekonferenz offiziell vorgestellt werden.

Hatten die meisten die nächsten Bürgerschaftswahlen angesichts des desolaten Zustands der Partei eigentlich schon verloren gegeben, wittern die Genossen nun auf einen Schlag wieder Morgenluft.

In Berlin jubelten SPD-Chef Kurt Beck und sein Generalsekretär Hubertus Heil, Naumann sei der richtige Mann für Hamburg. Zugleich begrüßten beide SPD-Politiker, dass Hamburgs SPD "den Weg aus ihrer schwierigen Situation aus eigener Kraft" gefunden habe. Zuletzt hatte die Bundesspitze der Sozialdemokraten verstärkt Druck auf den Hamburger Landesverband ausgeübt und darauf gedrängt, die Führungskrise so rasch wie möglich zu lösen. Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) hatte sich in einem Interview entsetzt über den Zustand der Hamburger SPD geäußert. Auf die Frage, ob die SPD in Hamburg das Regieren verlernt habe, sagte er der "Bild"- Zeitung: "Nein, aber man ist sprachlos."

Schröder will Naumann unterstützen

Auch der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder meldete sich heute zu Wort und bezeichnete die Nominierung seines früheren Staatsministers als "vorzügliche Wahl". "Naumann ist ein intellektuell brillanter Kopf mit großer politischer Erfahrung", erklärte Schröder. Offenbar hat sich der Altkanzler bereits zur Wahlkampfhilfe für den designierten Spitzenkandidaten bereit erklärt. "Gerd Schröder hat mir versprochen, Hamburg zu unterstützen", sagte Naumann dem "Tagesspiegel".

Von einer "Superlösung" sprach Niels Annen, der für den Hamburger Bezirk Eimsbüttel im Bundestag sitzt. "Naumann passt in die lange Liste der erfolgreichen sozialdemokratischen Bürgermeister. Ich bin jetzt für den Ausgang der Bürgerschaftswahl zuversichtlich. Wir haben eine Siegchance. Die Bürger haben jetzt eine Alternative zu Ole von Beust", sagte Annen SPIEGEL ONLINE. Der Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs, Chef des einflussreichen SPD-Bezirks Mitte erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Mit Naumanns Zusage befinden wir uns auf gleicher Augenhöhe mit von Beust. Die CDU kann sich warm anziehen."

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Olaf Scholz, bescheinigte der Hamburger SPD, sie habe sich "eindrucksvoll zurückgemeldet". Angesichts der Kandidatur Naumanns müsse sich von Beust "warm anziehen", erklärte, der von April 2000 bis Juni 2004 Vorsitzender der Hamburger SPD war. Die kommissarische Vize-Vorsitzende der Hamburger SPD, Dorothee Stapelfeldt, zeigte sich ebenfalls überzeugt, die SPD in der Hansestadt trete bei der Wahl mit einem "starken Team" an.

Wahlkampf um die soziale Frage

Landeschef Petersen und seine Vize Stapelfeldt hatten sich einen wochenlangen Kampf um die Spitzenkandidatur geliefert. Die Krise der Landes-SPD hatte sich durch die gescheiterte Urwahl zur Kandidatenkür am 25. Februar nochmals verschärft: Nach dem Verschwinden von etwa tausend Briefwahlstimmen war der Landesvorstand geschlossen zurückgetreten; er führt die Geschäfte nun nur noch kommissarisch bis zu dem geplanten Landesparteitag.

Nach Ex-Bürgermeister Voscherau hatte heute auch der Hamburger SPD-Fraktionschef Michael Neumann laut Tageszeitung "Die Welt" klar gemacht, dass er nicht antreten wolle. Dies habe er der Findungskommission mitgeteilt. Zur Begründung habe er gesagt, es sei nie sein Ziel gewesen, Bürgermeister zu werden.

Hamburgs Grüne begrüßten die Entscheidung der SPD-Spitze. Sie wünsche Naumann eine glückliche Hand, um die Partei wieder zu einen, sagte GAL-Fraktionschefin Christa Goetsch. Die Grünen hatten die Hansestadt zusammen mit der SPD bis 2001 regiert. Umfragen vor der Krise der SPD hatten für die kommenden Wahlen eine rot-grüne Mehrheit in der Hansestadt im Bereich des Möglichen gesehen.

Der im anhaltinischen Köthen geborene Naumann war vom Februar 1999 bis November 2000 Staatsminister für Kultur und Medien in der damaligen rot-grünen Bundesregierung. Innerhalb der SPD übte der Rechtsanwaltssohn bislang keine Parteifunktionen aus. Nach seinem Ausscheiden als Staatsminister, für das er persönliche Gründe anführte, wechselte der studierte Politologe, Historiker und Philosoph 2001 als Mitherausgeber zur Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", bei der er vorübergehend auch als Chefredakteur tätig war.

In Hamburg will Naumann sich auf die soziale Frage konzentrieren. Die soziale Schere klaffe weit auseinander, die Zustände in den Schulen, Kitas und anderen Bildungseinrichtungen seien nicht gut. "Daran werden wir arbeiten und gemessen", sagte er. Er wolle durch Kompetenz und Ehrlichkeit überzeugen. Im Bundestagswahlkampf 1998 habe er bewiesen, "dass ich nicht nur Buchnarren und Künstler ansprechen kann". Für die SPD gehe es auch darum zu beweisen, dass sie die die Volkspartei Nummer eins sei. "2008 soll von Hamburg nicht Melancholie in die SPD einziehen, sondern Siegeslaune."

phw/dpa/AP/AFP/ddp

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