Bevölkerung Deutschland schrumpft - trotz Geburtenanstieg

Erstmals seit zehn Jahren wurden 2007 wieder mehr Kinder geboren als im Vorjahr. Mancherorts, wie etwa in Hamburg, beträgt der Anstieg satte fünf Prozent. Doch auch das reicht nicht, um die Überalterung der Gesellschaft und den Bevölkerungsschwund zu stoppen.

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Hamburg - Zeitungen quer durch die Republik titeln derzeit mit euphorischen Schlagzeilen. "Dresden wächst: 464 Babys mehr", schrieb die "Dresdner Morgenpost". "Hamburgs Babyboom ist spitze in Deutschland", hieß es beim "Hamburger Abendblatt". "Wieder mehr Kinder im Land", meldete die "Mitteldeutsche Zeitung" für Sachsen-Anhalt.

Kleines Plus: Mehr Babys in Deutschland
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Kleines Plus: Mehr Babys in Deutschland

Was in den einzelnen Regionen gefeiert wird, bestätigt auch das Statistische Bundesamt für die gesamte Bundesrepublik: Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat es 2007 mehr Geburten gegeben als im Vorjahr. Irgendwo zwischen 680.000 und 690.000 wird die Zahl liegen - noch ist der Wert geschätzt: Die endgültige Summe wird erst im Sommer feststehen. 2006 kamen 673.000 Kinder zur Welt.

Das kleine Plus reicht jedoch bei Weitem nicht: Die Zahl der Bundesbürger hat im vergangenen Jahr abgenommen. 2007 lebten hier rund 100.000 Menschen weniger als 2006. 30 Jahre lang konnte Zuwanderung die Lücke zwischen Geburten und Sterbefällen füllen - seit 2002 gelingt das nicht mehr. Deutschland schrumpft.

Dass es in 2007 ein Plus bei den Geburten geben würde, hatte sich schon im Herbst angedeutet. Damals veröffentlichten die Statistiker die Zahlen für die ersten neun Monate des Jahres und verbuchten ein Mehr von rund 2300 Geburten gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Nicht gerade ein Boom - aber die Große Koalition konnte der Versuchung nicht widerstehen, die zusätzlichen Babys als Erfolg der eigenen Politik zu präsentieren: Familienministerin Ursula von der Leyen erklärte, dank des vor einem Jahr eingeführten Elterngeldes, das jungen Müttern und Vätern für bis zu 14 Monate lang rund zwei Drittel ihres Lohnes ersetzt, wünschten sich inzwischen mehr Paare Kinder. Allerdings wollen Demografieforscher diese These so nicht ohne weiteres unterschreiben.

Aufgeschoben und nachgeholt?

Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden sieht mehrere mögliche Ursachen für den Anstieg der Zahl. So will er nicht ausschließen, dass es sich um puren Zufall handelt. "Geburtenzahlen schwanken nun mal und 2006 war ein Jahr mit einer sehr niedrigen Zahl." Außerdem hält er es für möglich, dass manches Paar seinen Kinderwunsch ein paar Monate nach hinten auf 2007 verschoben hat, nachdem sich abzeichnete, dass dann das Elterngeld kommen würde. Als möglichen Beleg dafür wertet er, dass nach den vorläufigen Angaben der Statistiker die Zahl der Geburten vor allem im Oktober des vergangenen Jahres nach oben geschnellt ist - zehn Monate nach der Einführung des Gesetzes. "Es liegt nahe, dass viele Paare mit der Umsetzung ihres Plans gewartet haben, bis das neue Gesetz tatsächlich gültig war." Von einer Trendwende will der Bevölkerungsforscher auf gar keinen Fall sprechen. "Das werden wir erst in fünf bis sechs Jahren wissen."

Das grundsätzliche Problem ist, dass es jedes Jahr weniger Frauen im gebärfähigen Alter gibt. Auch die letzten geburtenstarken Jahrgänge bis 1965 fallen aus dieser Gruppe nun bald raus, jetzt bekomment fast nur noch die Frauen Babys, die nach dem Pillenknick geboren sind. In Zahlen sieht das so aus: 2007 waren 200.000 Frauen weniger im Alter zwischen 15 und 45 als 2006. In den kommenden Jahren setzt sich diese Entwicklung so fort - und weniger Frauen bekommen einfach weniger Kinder. Im Schnitt ist seit mehr als 30 Jahren jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner als ihre Elterngeneration.

Immer problematischer wird dabei auch die Rolle der Männer. "Wir haben da ein ganz neues Phänomen", sagt Dorbritz. "Männer haben sich inzwischen eher aus der Familienbildung verabschiedet." Zwar wollen einerseits viele Väter heute mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen - wie auch die Statistik zum Elterngeld zeigt, wonach immerhin zehn Prozent der jungen Väter einige Zeit nach der Geburt zuhause bleiben. Aber andererseits wollen immer mehr Männer überhaupt keine Kinder. "Noch vor wenigen Jahren", weiß Dorbritz, "waren das höchstens acht Prozent." Heute sagt ein Viertel aller Männer: nein, keine Kinder.



insgesamt 49 Beiträge
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elwu, 25.01.2008
1. Bei
den bestehenden Gesetzen und vor allem angesichts der die Väter diskriminierenden Rechtsrealität zu Unterhalt und Sorgerecht sind Männer auch ganz schön doof, wenn sie ein Kind zeugen. Daher sollte Mann auch niemals die Verhütung allein der Frau überlassen. Vertrauen ist gut, selbst verhüten besser.
Torsten Fregin, 25.01.2008
2. Finde ich OK!
Ich finde nicht, dass wir uns Sorgen machen sollten wegen der "Schrumpfung" der Populationsdichte des Homo sapiens in Mitteleuropa. Einerseits hat der einzelne Mensch dann mehr Platz, und es gibt prozentual mehr natürliche Ressourcen pro Kopf. Nur noch halb soviele Menschen - und man braucht insgesamt nur noch halb soviel Biodiesel für die SUV... Man kann ohne Neubauten doppelt so große Wohnfläche pro Kopf nutzen... Das Parkplatzproblem ist auch weg... Und wegen der Demographie, sollte man sich da Sorgen machen? Nö. Wir werden zwar immer älter, aber wo liegt das Problem? Vermutlich werden in den kommenden Jahren sowieso viele neue Methoden entwickelt, um gesund und leistungsfähig alt zu werden - Sprichwort Stammzelltherapien. Und des weiteren gibt es immer bessere Roboter, die z. B. als Gehhilfen soar 100jährigen Rentnern die Besteigung von Bergen ermöglichen werden (solche Systeme müssen ja nicht nur Soldaten dienen)! Also, ich guck optimistisch in die Zukunft, zumindestens was die Fragen nach den Konsequenzen einer "Schrumpfung" angehen... :-) Torsten
jocurt1 25.01.2008
3. Die tägliche Angstkampagne ist doch die beste Verhütung
Zitat von sysopErstmals seit zehn Jahren wurden 2007 wieder mehr Kinder geboren als im Vorjahr. Mancherorts, wie etwa in Hamburg, beträgt der Anstieg satte fünf Prozent. Doch auch das reicht nicht, um die Überalterung der Gesellschaft und den Bevölkerungsschwund zu stoppen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,530837,00.html
täglich ein zwei neue Säue durchs Dorf getrieben, GFK-Index, Nokia, binladen, Mindestlohn, Altersarmut, Kinderarmut, ab nach Rumänien .... und schon lässt mans lieber sein mit den Kindern, denn man kommt ja selbst kaum allein über die Runden.
isidorus, 25.01.2008
4. Nein, wie entsetzlich!
Ernsthaft: Ist irgendjemand der Ansicht, es gäbe viel zu wenige Menschen in Deutschland? Deutschland ist doppelt (!) so dicht bevölkert wie China. Ich wüsste wirklich nicht, was daran so schrecklich sein soll, wenn dieses extrem dicht besiedelte Land ein paar Einwohner weniger haben sollte. Persönlich habe ich jedenfalls noch niemanden getroffen, der im Gewühl in den Einkaufszentren, im Stau auf der Autobahn oder in rappelvollen Zügen sich gewünscht hätte, es mögen doch bitte noch ein paar Millionen mehr Menschen sich in diesem Land drängen. Und bezüglich Überalterung: Auch dies typisch deutsch! Ist es nicht erfreulich, dass der Großteil der Menschen nicht mehr bereits in jungen Jahren an heute heilbaren Krankheiten stirbt oder in Kriegen verheizt wird, sondern locker mit 70 Jahren noch rüstig ist? Warum kann man das nicht im Gegenteil als Chance erkennen? Etwa Produkte speziell auf ältere Semester abgestimmt entwerfen (selbst ich als knapp 40jähriger habe oft Probleme, die richtigen Tasten auf Fernbedienungen zu treffen) oder sich zum Altenbetreuer ausbilden lassen, was ja offensichtlich ein Beruf mit Perspektive sein sollte? Stattdessen: Gejammere, Weltuntergangsstimmung ... Man muss dieses Land und seine weinerliche Grundstimmung einfach lieben!
Michael Giertz, 25.01.2008
5. Die Klugen verziehen sich.
Zitat von sysopErstmals seit zehn Jahren wurden 2007 wieder mehr Kinder geboren als im Vorjahr. Mancherorts, wie etwa in Hamburg, beträgt der Anstieg satte fünf Prozent. Doch auch das reicht nicht, um die Überalterung der Gesellschaft und den Bevölkerungsschwund zu stoppen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,530837,00.html
Unsre Regierung tut aber auch alles mögliche, damit die Bevölkerungszahl schrumpft: Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Kniefall vor der Unterhaltungsindustrie (2. Korb der UrhebNov.) usw usf. Da hauen die intelligenten, gut gebildeten Leute einfach ab in Staaten, in denen sie und ihr Lebensweg eher willkommen geheißen werden. Nun haut hier keiner wegen dem Hobby "Tauschbörse" ab. Nein ... diese Leute haben ein Problem damit, pauschal kriminalisiert zu werden. BTW: Ich gedenke ebenfalls nach meiner Weiterbildung zum Techniker dieses Land zu verlassen, wenn die nächste Wahl durch die CDU gewonnen wird.
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