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Biermann-Attacke Das Elend der Linken

Der Auftritt von Liedermacher Wolf Biermann im Parlament wird noch lange in Erinnerung bleiben - der von Gregor Gysi nicht. Der Linken-Fraktionschef offenbarte mit seiner Rede einmal mehr das große Dilemma seiner Partei.

Berlin - Wolf Biermann war in Höchstform. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls erinnerte der Liedermacher im Bundestag an die undemokratischen Verhältnisse in der DDR und kritisierte - auf seine typische Art - die Linke. Respekt dafür.

Dann folgte die große Enttäuschung. Der Auftritt von Gregor Gysi.

Der Fraktionschef der Linken unternahm zwar eine verbale Verbeugung vor den Menschen in der DDR, für die der Fall der Mauer "ein ungeheurer Befreiungsschlag" gewesen sei, nannte es eine "historische Leistung aller Beteiligten", dass es keine Gewalt gegeben habe. Am Ende landete er aber bei seinem Lieblingsthema, der Angleichung der Ost-West-Löhne und Renten, der Warnung vor den "neuen Mauern" an den EU-Außengrenzen. Das war's. Kein Wort, kein einziges kam Gysi über die Rolle der SED über die Lippen. Es war eine traurige, steife Darbietung.

Einmal mehr zeigt sich an diesem Tag zwischen Biermanns Attacke und Gysis Herumdrucksen das Elend der Linken, wenn es um den Umgang mit der eigenen Geschichte geht. Die Partei bekennt sich nicht klar zu ihrer Vergangenheit in der DDR. Ganz so, als habe sie mit all dem, was einst in der DDR stattfand, heute nichts mehr zu tun. Als sei sie - die sich von der SED/PDS zur PDS und nach dem Zusammenschluss mit der westdeutschen WASG schließlich zur Linken häutete - wie eine interstellare Erscheinung irgendwann in der Bundesrepublik gelandet.

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Dass viele der führenden Genossen der Linken, allen voran Gysi, in der SED waren? Vorbei, verweht, verdrängt. Nicht alle wollen das vergessen. Sie erinnern an die Verantwortung der Linken. Liedermacher Biermann, 1976 als damals noch kritischer Sozialist von der SED aus der DDR ausgebürgert, tat es im Parlament auf seine, nicht uneitle Weise: "Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen. Ich gönne es Euch."

Die Linke: Eine Partei mogelt sich durch

Die Linkspartei als Ganzes kann gar nicht anders als sich in Sachen Historie durchzumogeln. Das ist Teil ihres relativ großen Erfolges im Osten - mit dem "Es war nicht alles schlecht"-Motto hält sie Anschluss an große Teile ihrer Mitgliederschaft und punktet bei den Kernwählern. Dort wird die Erinnerung an die gute alte DDR gepflegt: niedrige Mieten, keine Arbeitslosigkeit, soziale Sicherheit, wenig Kriminalität. Dagegen fallen Unfreiheit, Bespitzelung, marode Wirtschaft, zerfallende Städte, horrende Umweltverschmutzung gerne der sozialistischen Demenz anheim.

Weil sie kein wirklich wahrhaftiges Verhältnis zu sich selbst gefunden hat, landet die Linke immer wieder aufs Neue in der Falle. Ja, die DDR war eine Diktatur, aber bitte schön doch kein Unrechtsstaat - mit diesem argumentativen Unsinn schlagen sich Gysi und andere in der Linkspartei durch Bundestag und Talkshows. Und werden, wenn nichts mehr schiefgeht, bald in Thüringen dank der SPD und den Grünen mit (dem westdeutschen) Bodo Ramelow einen Ministerpräsidenten stellen.

Wie sagte der kürzlich über ein gemeinsames Papier der drei Parteien, in dem das Wort Unrechtsstaat auftauchte und danach Teile seiner Linken-Partei gegen ihn aufbrachte? Es sei eine "Protokollnotiz".

TV-Tipp: Sondersendung zum Mauerfall am Sonntag,9. November, 22.45 Uhr, RTL
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