Bierzelt-Wahlkämpferin Pauli Polit-Pop mit Frau Königin

So einen Bierzelt-Auftritt hat die Republik noch nicht gesehen: Gabriele Pauli macht Wahlkampf für die Freien Wähler - mit deutschen Schlagern, einer Harley Davidson und der Gabe Gottes. Aber eigentlich trommelt sie vor allem für sich selbst. Und wird vom Publikum dafür frenetisch gefeiert.

Aus Karpfham berichtet


Auf der Videoleinwand links neben der Bühne flimmert ihr Bild. Gabriele Pauli in Großaufnahme. Übermittelt von einer schlichten Hobbykamera, ist alles hoffnungslos überbelichtet: Die Bluse unter Paulis dunkelgrünem Dirndl strahlt derart weiß vor schwarzem Hintergrund, dass um die Rednerin herum bei jeder Bewegung eine Korona blitzt.

Es sieht aus, als ob Gabriele Pauli von einem anderen Stern zum "Karpfhamer Fest" nach Niederbayern gekommen ist.

Und es hört sich auch so an.

Kandidatin Pauli knöpft sich ein 50-Liter-Fass Pauli-Bier vor: "A bisserl Gaudi, a bisserl Show"
DDP

Kandidatin Pauli knöpft sich ein 50-Liter-Fass Pauli-Bier vor: "A bisserl Gaudi, a bisserl Show"

"Ich habe die Möglichkeit, das auszudrücken, was viele denken und fühlen, nicht jeder kann das", ruft sie den rund 2000 Zuhörern im Festzelt "Schwaimer Hütte" zu. Es müsse noch mehr Leute geben, die wie sie sagen: "Ich habe von Gott die Gabe bekommen, das auszudrücken, ich nehme diese Verantwortung wahr."

Pauli im niederbayerischen Bierzelt - ein groß angekündigtes Pop-Ereignis in der Gegend rund um Passau. "Eine Frau, die sich was traut", "Großkundgebung" und "Highnoon", versprechen seit Wochen die Plakate der Freien Wähler (FW), für die die Ex-CSU-Landrätin bei der Bayern-Wahl Ende September kandidiert.

Bevor Pauli reden darf, spielt die Musikertruppe Könige noch ein paar Schlager wie "Fiesta Mexicana", und die örtlichen Honoratioren erklettern die Bühne: Der Bürgermeister ("Wenn alles gut geht, werden Sie nochmal bayerische Königin, Frau Pauli"), der FW-Kandidat ("Schlaglöcher in Niederbayern, aber in Spanien gibt's überall tolle Straßen"), der Geschäftsführer vom Weideneder Bräu ("A bisserl Gaudi, a bisserl Show heute").

"Ich liebe das, wenn der Motor so kräftig zu hören ist"

Ein jugendlicher FW-Aktivist bugsiert dann unter den Klängen von "Born to be wild" seine laut röhrende 93er Harley Davidson auf die Bühne, während Bikerin Pauli aus dem künstlichen Nebel auftaucht: "Tolles Motorrad, meins ist aber ein bisschen schneller." Pauli fährt eine Ducati Monster. "Ich liebe das, wenn der Motor so kräftig zu hören ist, wenn es kräftig vorangeht."

Genau das wollen sie hier. "Pauli, Pauli", rufen die ersten im Zelt. Kräftig vorangehen soll es jetzt. Die "Pauli Party" (der Bandleader) kann beginnen.

Aber von Party keine Spur. Gabriele Pauli führt eher eine Art Selbstgespräch über ihre Vergangenheit - eine Rechtfertigung in freier Rede und frei assoziiert. "Königsmörderin" oder "Rebellin" werde sie genannt: "Wie konnte das passieren, dass eine Frau, die von Natur aus nichts Rebellisches im Kopf hat, diesen Weg einschlägt?"

Pauli sieht die Ursache in der Person Edmund Stoibers. Damit, dass sich niemand getraut habe, dem großen Vorsitzenden zu sagen, nun sei die Zeit für einen Wechsel gekommen. Nur sie habe sich schließlich getraut. Und das habe "eine Woge in Gang gesetzt".

Die Ex-Rebellin, die keine Rebellin sein will, tritt mit dem Label der Rebellin auf.

Sie wolle "nicht mitmachen in einem politischen System, wo man seine Macht gegenseitig stützt". Dies sei "alles nur Fassade": "Wo sind denn die Politiker, die wirklich noch das Volk vertreten? Die gibt es nicht mehr!" Pauli stemmt die Arme in die Hüften.

"Einfach querbeet koalieren"

Jetzt kommen Inhalte. Mit ihrer Erfahrung als Landrätin spricht sie über die "in Hartz IV abgerutschten Leute", denen man nicht einfach alles wegnehmen dürfe. Über die Kluft zwischen Arm und Reich. Über das Wirtschaftswachstum, von dem "die Leute nichts merken". Über den Unsinn von Studiengebühren und fehlende Kinderbetreuung. Die stetig sinkende Wahlbeteiligung, ihre Forderung nach Direktwahl des Ministerpräsidenten und mehr Bürgerbeteiligung sowie der "Skandal" bei der Bayerischen Landesbank folgen.

Realpolitische Splitter in einer streckenweise esoterisch anmutenden Rede. Ein Wahlkampf der besonderen Art.

Nein, es ist ja kein Wahlkampf. Pauli hält nichts von solchen Begriffen: "Wir kämpfen nicht, wir sind einfach Bürger, das sind wir." Die FW-Herren vorne in der ersten Reihe schauen etwas verdutzt. Sie wolle hier keinen überzeugen, "die Freien Wähler oder mich zu wählen", ruft Pauli. Ernste Politik sage einfach, "was wahr ist".

Da werde immer gefragt, mit wem die Freien Wähler - zuletzt bei sieben Prozent in den Umfragen - denn koalieren wollten im Landtag. "Mein Vorschlag: Wir koalieren mit allen Politikern querbeet, die Politik ernst nehmen, wir brauchen keine Parteien, um gute Politik zu machen", sagt Pauli: "Folgen Sie Ihren Gefühlen."

Der Lärmpegel im Zelt ist bereits nach den ersten von insgesamt 50 Pauli-Minuten deutlich gestiegen. An den meisten Tischen wird getrunken und geredet, als würde vorne noch "17 Jahr', blondes Haar" gegeben.

Und politisch verärgerte Bierzeltbesucher nach zwei Maß sind gefährlich. "Die Pauli hat jetzt bestimmt 2000 Stimmen weniger", sagt einer am Journalistentisch. Auf den Bierbänken hinten haben sich nicht wenige an die Stirn getippt, während Pauli geredet hat.

Doch es ist ganz anders.

"Mein Herz ist offen, ich hab' mich wiedergefunden in dem, was die Frau Doktor Pauli gesagt hat", sagt der sehr niederbayerische Brauerei-Mensch - und lässt die Frau Doktor ein 50-Liter-Fass eigens gebrauten "Pauli-Biers" anstechen.

Und die Leute hinten? "Hervorragende Rede", sagt einer. Inwiefern? "Sachlich eher mittelmäßig und zu viel über sich selbst geredet, aber die Show, toll!" Ein anderer meint, Pauli sage "die Wahrheit, sie sieht die Probleme der kleinen Leute auf der Straße". Darauf eine Frau: "Die Pauli ist eine sehr feinfühlige Person." Sie jedenfalls werde die FW wählen "obwohl ich CSU-Mitglied bin". Ein anderer ruft dazwischen: "Als Politikerin interessiert sie mich nicht, aber als Frau."

Gabriele Pauli bietet Polit-Pop. Was sie sagt, spielt längst keine Rolle mehr. Sie ist die Rebellin, die Stoiber-Stürzerin, die Frau in Lederkluft auf der roten Ducati. Pauli ist Kult. Wenn sie durchs Zelt geht, bildet sich eine Traube um sie: darin fast nur Männer, die meisten im Alter zwischen 50 und 70. "Rote Lippen soll man küssen", spielt die Band auf der Bühne. Und die Männer greifen nach ihr, wollen ihr einen Kuss verpassen oder mal eben einen Blick ins Dekolleté werfen.

Zwei Bodyguards sind dabei, manchmal gibt Pauli ihnen einen Wink mit der Hand, dann schreiten sie ein.

Sie ist ganz zufrieden mit sich: "Die Rede war in Ordnung, ich hätte noch mehr sagen können." Sie habe viel über die Vergangenheit geredet, weil hier im Zelt sicher "viele CSUler sind, die das noch nicht verstanden haben, wie ich das mit Stoiber erlebt habe".

Dann wird sie wieder zur Seite gezogen, ein Fan hat ein Anliegen. "Machen Sie doch, dass unsere Kinder auch mal Ferien im Juli haben, nicht immer nur im August", appelliert er sehr ernsthaft mit geducktem Kopf.

So mancher hält Gabriele Pauli offenbar tatsächlich schon für die bayerische Königin.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Querspass 29.08.2008
1. Ich liebe das, wenn der Motor so kräftig zu hören ist
Es wird wohl mehr das kräftige Vibrieren des Sattels sein. ;-)
bonnie19 29.08.2008
2. Von Gott bekommen
"Ich habe von Gott die Gabe bekommen, das auszudrücken, ich nehme diese Verantwortung wahr." Empfehle den Eintritt in eine Sekte. Gibt`s irgendwo eine entsprechende Gemeinschaft von 50 - 70jährigen älteren Dirndl-Liebhabern?
Querspass 29.08.2008
3. Auf alle japanische Touristen
Zitat von bonnie19"Ich habe von Gott die Gabe bekommen, das auszudrücken, ich nehme diese Verantwortung wahr." Empfehle den Eintritt in eine Sekte. Gibt`s irgendwo eine entsprechende Gemeinschaft von 50 - 70jährigen älteren Dirndl-Liebhabern?
trifft das zu. Und, außer in den Städten, auf den Rest Bayerns. Der alte Spruch: "Freibier, oder Sozialismus!" scheint noch zu wirken.
mexi42 29.08.2008
4. Frau Königin
Warum nicht? Politik bedeutet heute Schauspielerei und sinnfreies Handeln, garniert mit leeren Phrasen. Wenn dazu optisch etwas geboten wird, ist das schon ein Event. Eine Dame mit derart ausgeprägten Lungenflügeln, muss Mann sich anschauen.
deuterius 29.08.2008
5. Mals Hirn einschalten!
Zitat von mexi42Warum nicht? Politik bedeutet heute Schauspielerei und sinnfreies Handeln, garniert mit leeren Phrasen. Wenn dazu optisch etwas geboten wird, ist das schon ein Event. Eine Dame mit derart ausgeprägten Lungenflügeln, muss Mann sich anschauen.
Genau mit solchen Sprüchen wurde auch Ypsilanti nach oben gelobt. Schönen Dank von einem Hessen und ehemaligen SPD-Wähler.
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