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Inszenierung im Wahlkampf: Grinse-Merkel gegen Stinkefinger-Steinbrück

Foto: DPA; DPA/ Alfred Steffen/ SZ-Magazin

Inszenierung der Kanzlerkandidaten Raute vs. Stinkefinger

Peer Steinbrück zementiert mit seiner Stinkefinger-Pose die Abgrenzung zur kontrollierten Kanzlerin. Wie sehr sich Sprache, Gestik und Inszenierung der Konkurrenten unterscheiden, wird im Wahlkampfendspurt deutlicher denn je. Ein Stilvergleich.

Berlin - Jetzt hat er auch ein Markenzeichen. Eines, das sich schnell einprägt, das ohne Worte funktioniert, das jeder kennt. Ob sich Peer Steinbrück mit seiner Stinkefinger-Pose einen Gefallen getan hat, sei dahingestellt. Eins hat er aber geschafft: Kurz vor der Bundestagswahl ist er Gesprächsthema Nummer eins, ein Magazin-Cover spaltet die Republik.

Angela Merkel verbindet man schon länger mit einer speziellen Geste: ihre seltsam verkrampfte Handhaltung im Stehen. Einst sorgte die "Merkel-Raute" für Spott, im Wahlkampf wird sie nun von Strategen auf Riesenplakaten und Kapuzenpullovern vermarktet, um ein Wunsch-Image zu transportieren: Merkel, die Solide, die Geradlinige, die Verlässliche.

Verglichen damit ist Steinbrücks Stinkefinger purer Krawall. Das Foto entstand zwar schon vor ein paar Wochen. Der Kanzlerkandidat wusste aber, dass es erst jetzt erscheinen würde. Sein Finger ist deshalb als Statement zu verstehen: Er zementiert die Abgrenzung zur kontrollierten, spröden Kanzlerin. Und macht deutlicher denn je, wie unterschiedlich sich die Konkurrenten im Endspurt zur Bundestagswahl inszenieren.


1. Was Raute und Mittelfinger bedeuten

In letzter Zeit setzt die Kanzlerin ihre Raute nur noch selten ein. Längst hat sich die Geste auch ohne regelmäßige Vorführung eingebrannt. Merkel spielt die Bedeutung ihrer Handhaltung herunter: "Es birgt eine gewisse Symmetrie", sagte sie einmal. Ganz so egal scheinen Merkel ihre Hände aber doch nicht zu sein, wenn sie sie in Tennisplatzgröße an eine Fassade spannen lässt.

Steinbrücks Mittelfinger-Motiv ist nicht plakattauglich. Es soll für den einmaligen Knalleffekt sorgen, der eine Weile nachhallt. Das Foto hat eine Grundsatzdebatte darüber ausgelöst, wie glattgebügelt Politiker sein sollen und wann die Grenze zur Geschmacklosigkeit überschritten ist. Für die einen ist die Pose ein Befreiungsschlag, für die anderen ein Tabubruch.

Man kann darüber den Kopf schütteln, dass halb Deutschland über einen Mittelfinger debattiert oder Witzbolde nichts Besseres zu tun haben, als im Netz Parodien der "Merkel-Raute" zu basteln. Doch Bildsprache ist nicht zu unterschätzen. Wenn Themen und Positionen in Duellen und Arenen ausgetauscht sind, kommt die Symbolik ins Spiel. Für unentschlossene Wähler zählt am 22. September auch das Bauchgefühl. An Gesten erinnert man sich. An Argumentationsketten zum Rentenkonzept kaum.


2. Wie Steinbrück und Merkel gesehen werden wollen

In der finalen Wahlkampfphase setzt die SPD auf ein Plakat im Obama-Stil, Steinbrück lächelt im Menschenmeer voller roter Flaggen. Auf Facebook postet sein Team fast massig Fotos vom Kanzlerkandidaten zum Anfassen. Es gibt Steinbrück am Dönerspieß, Steinbrück mit flatternder Friedenstaube, Steinbrück mit Sonnenhut beim Wandern. Auf der Website der SPD posiert er selig lächelnd in einer Frauengruppe.

Die CDU setzt alles auf ihre Hauptdarstellerin. Auf einigen Plakaten wirkt Merkel wie in den Jungbrunnen gefallen. Ganz selten fällt sie aus der Rolle, grinst etwa schulmädchenhaft neben Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. Ein Schnappschuss aus dem Wahlkampf, von einer Regionalzeitung im Netz veröffentlicht, zeigt die Kanzlerin in einer schelmischen Box-Pose. Spielereien wie diese sind die Ausnahme. Die Kanzlerin geht auf Nummer sicher (sehen Sie Wahlkampffotos von beiden Kandidaten in der Bilderstrecke).


3. Wie Steinbrück und Merkel gehört werden wollen

Klartext gegen Konsens-Kanzlerin, das ist die Strategie der SPD. Wenn Merkel sagt: "Manche Löhne sind einfach nicht in Ordnung", dann sagt Steinbrück: "Ich werde als Bundeskanzler sofort einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro einführen."

Die persönliche Ansprache versuchen beide. "Sie kennen mich", sagte Merkel im TV-Duell, bevor sie den Zuschauern "einen schönen Abend" wünschte. Steinbrück kokettiert gern: "Schauen Sie mich an", sagte er in der Wahlarena, als eine Fragerin seine Altersfitness in Frage stellte.

Besonnen gegen donnernd: "Das Richtige ist nicht immer, was am lautesten gefordert wird", meint die Kanzlerin im Wahlwerbespot der CDU. Steinbrücks Strategen kramten zum Wahlkampf einen Satz aus einem Frühjahrinterview wieder raus: "Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage."


4. Fazit: Beide haben ein Inszenierungsproblem

Merkel verprellt mit ihren Das-müssen-wir-uns-im-Detail-anschauen-Wortformeln niemanden. In der Ästhetik ihres Wahlkampfs bleibt sie stets in der Komfortzone, geht nie ein Risiko ein. Diese Vollkontrolle lässt sich aber nur schwer durchhalten. Wenn Meinung gefragt ist, wie zum Beispiel bei der Homo-Ehe, kommt sie ins Straucheln - live und für jeden sichtbar.

Die zahlreichen Ich-will-dies-und-das-Forderungen von Steinbrück wirken überzogen. Selbst wenn er einen Wahlsieg wuppen würde: Eine Regierung ist keine Solo-Veranstaltung. Die Stinkefinger-Pose zeigt zudem, dass sich Steinbrück nicht entscheiden kann, wer er sein will. Zuletzt hatte er um Sympathien gebuhlt, auf Plakaten, an Rednerpulten, vor Kameras. Der Aggro-Peer und sein Mittelfinger passen überhaupt nicht zu dieser Charmeoffensive. Viele Wähler dürften verwirrt zurückbleiben.

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