Bildungsmisere Schulpolitik soll Wahlkampfthema werden

Nach der Schelte durch die OECD-Studie entwickelt sich die dringend angemahnte Reform der Schulpolitik zum Themenschlager für die anstehenden Wahlkämpfe. Die schleswig-holsteinische SPD will mit dem Modell "Schule für alle" Stimmen sammeln; die CDU in NRW mit der althergebrachten Form des dreigliedrigen Systems.




Grundschülerin: Denächst bis zur neunten Klasse in einer Schule?
DDP

Grundschülerin: Denächst bis zur neunten Klasse in einer Schule?

Berlin - Spätestens seit dem peinlichen Ergebnis der Pisa-Studie für das deutsche Schulsystem ist Bildungspolitik zum wahlkampftauglichen Aufregerthema geworden. Zudem ist Bildungspolitik größtenteils Ländersache und somit perfekt geeignet für die Anfang nächsten Jahres anstehenden Wahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein.

Die CDU werde in NRW mit aller Macht gegen eine Einheitsschule kämpfen, sagte der dortige CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers. Er warnte davor, das gegliederte Schulsystem aufzulösen. Dies wäre die falsche Konsequenz aus den schlechten Noten für das deutsche Bildungssystem, sagte er in Düsseldorf. "Wir brauchen bessere Schulen, kleinere Klassen und Schulen, mehr Unterricht und keinen ideologischen Schulkampf." Rüttgers reagierte damit auf Forderungen, alle Schüler möglichst lange gemeinsam zu unterrichten.

Eine Schule für alle führe in die bildungspolitische Sackgasse, sagte der frühere Bundesbildungsminister. "Schülerinnen und Schüler brauchen Leistungsanreize statt Gleichmacherei."

In der SPD werden dagegen Forderungen nach dem Modell "Schule für alle" laut: Die schleswig-holsteinische Kultusministerin, Ute Erdsiek-Rave, sagte der "Berliner Zeitung", die rot-grüne Landesregierung werde mit diesem Thema in den Landtagswahlkampf im Februar 2005 ziehen. "Wir sind fest entschlossen, in der nächsten Legislaturperiode die Weichen für diese Reform zu stellen", sagte Erdsiek-Rave. Eine Umstellung würde aber zehn bis 15 Jahre dauern.

Die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Krista Sager, machte sich in derselben Zeitung ebenfalls für das Ende des dreigliedrigen Schulsystems stark. Statt Gymnasium, Real- und Hauptschule solle es künftig für alle Kinder mindestens bis zur neunten Klasse eine gemeinsame Schulform geben. In dieser Zeit sollten die Kinder stärker individuell gefördert werden.

Zu den energischen Fürsprechern einer einheitlichen Schule gehört auch der Thüringer SPD-Chef Christoph Matschie. "Das dreigliedrige Schulsystem passt eher zu einer mittelalterlichen Ständeordnung als zu einer modernen Gesellschaft", sagte Matschie. "Die 'Schule für alle' ist viel erfolgreicher, als wenn man die Kinder so frühzeitig sortiert", wird der frühere Staatssekretär im Bundesbildungsministerium zitiert. Er beruft sich dabei nicht nur auf skandinavische Schulmodelle, sondern auch auf die Erfahrungen aus der DDR-Zeit.

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel hat mehr Investitionen ins deutsche Bildungssystem und den Ausbau der Ganztagsschulen gefordert. "Wir müssen endlich wieder investieren in das Bildungssystem", sagte sie dem RBB-Inforadio. Insgesamt gelte in Deutschland: "Zu große Klassen, zu wenig Fokus auf die Grundschulen." Außerdem gebe es zu wenig Schulstunden. Deshalb müsse die Ganztagsschule ausgebaut werden. Dazu gehöre auch die Versorgung mit Mittagessen.

Der grüne Wirtschaftsexperte Fritz Kuhn forderte mehr Geld für Bildung und Forschung. "Ich bin der Meinung, dass wir in der Forschungs- und Wissenschaftspolitik spürbar zulegen müssen", sagte der frühere Parteichef der "Stuttgarter Zeitung". Er warf der Bundesregierung vor, sie habe sich auf dem EU-Gipfel in Lissabon zwar verpflichtet, in acht Jahren drei Prozent des Sozialprodukts für Wissenschaft und Forschung auszugeben, dieses Ziel jedoch nicht konsequent verfolgt.

Der SPD-Bildungsexperte Peter Glotz hingegen warnte in der Münchner "Abendzeitung" vor "Untergangsrhetorik". Glotz sagte: "Wenn wir so schlecht wären, wie manche tun, könnten wir nicht Exportweltmeister sein."

Grafik: Jährliche Ausgaben für Bildungseinrichtungen im Primärbereich 2001

Grafik: Jährliche Ausgaben für Bildungseinrichtungen im Primärbereich 2001

Nach Ansicht von Bundeskanzler Gerhard Schröder sollten sich die Länder ein Beispiel am Bund nehmen, dessen Bildungshaushalt zuletzt stetig gestiegen sei. Die Gewerkschaft für Erziehung und Bildung (GEW) machte die Kultusminister der Länder für den Abstieg verantwortlich.

Nach einer am Dienstag vorgestellten Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) "Bildung auf einen Blick" ist der Wirtschaftsstandort Deutschland bedroht, weil das Land zu wenig für Bildung ausgibt, seine Schüler unzureichend fördert und zu wenig Akademiker hervorbringt.

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